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Peter Merseburger
Peter Merseburger - Foto: © radio-luma

Dokumentation mit O-Ton und Textfassungen

Dankesrede von Peter Merseburger
"Leuchtturm-Preis" 2008

Der O-Ton der Dankesrede von Peter Merseburger, Länge 9:32 Min., steht in drei Dateigrößen zur Verfügung:

192 KB/S Größe: rd. 13,7 MB
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/2008-12-02-nr-leuchtturm-peter-merseburger-192.mp3

96 KB/S Größe: rd. 6,9 MB
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48 KB/S Größe: rd. 3,4 MB
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/2008-12-02-nr-leuchtturm-peter-merseburger-48.mp3

Autorisierte Abschrift der Dankesrede von Peter Merseburger
auf den LEUCHTTURM 2008

– Es gilt das gesprochene Wort –

Ja, meine Damen und Herren, das war eine sehr lustige und unterhaltsame Laudatio, für die ich mich sehr herzlich bei dem alten Spiegelkollegen Leyendecker bedanke, der ja jetzt für die Süddeutsche Zeitung tätig ist. Und wenn ich das richtig verstanden habe, meinte er, er hätte mit mir gemein, dass er dem goldenen Käfig Spiegel rechtzeitig entronnen sei.
[Zwischenbemerkumng von Hans Leyendecker: Hat ein bisschen länger gedauert!]
Ich möchte... [Zu Hans Leyendecker gewandt:] Hat ein bisschen länger gedauert. Ja!
Aber, ich möchte mich sehr herzlich bedanken bei dem netzwerk recherche, denn so etwas wie netzwerk recherche ist in der Tat heute nötig, wie ich finde.

Journalismus ohne Recherche ist so etwas wie Ski fahren ohne Schnee. Und nur gut recherchierter Journalismus wird der Versuchung zur Flüchtigkeit widerstehen, der heute aus meiner Sicht allzu viele erliegen. Und zur Recherche müssen auch Bildung und Wissen kommen.

Wenn ich sage: Flüchtigkeit, dann will ich ein Beispiel nennen.
Ich habe neulich in einer großen deutschen Sonntagszeitung einen Bericht über die linke Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan und ihren Mann gelesen und da wurde behauptet, ihr Mann sei Präsident der Weltbank gewesen. Nun, es ist nicht schwer für jeden Kenner, halbwegs Kenner der internationalen Szene, zu wissen, dass noch nie ein Deutscher Präsident der Weltbank war, weil es eine Aufteilung zwischen Amerika und Europa gibt. Die einen, die Amerikaner, sind immer zuständig für die Weltbank und bestimmen wer die führt, und die anderen, die Europäer, sind zuständig für den Weltwährungsfond und bestimmen, wer den führt. Deshalb ist also Strauss-Kahn heute auch Chef des internationalen Währungsfonds. Das ist heute so. Das müsste sich ändern, wie wir alle wissen, denn aufsteigende große Wirtschaftsnationen müssen auch mal zum Zuge kommen. Aber ich erwähne das nur, weil ich glaube, dass selbst in seriösen großen Zeitungen sich solche Flüchtigkeiten einschleichen und die sprechen natürlich auch für Bildungslücken.

Ich frage mich oft ob Wissen und Kenntnis, vor allem historisches, heute nicht mehr so zählen. In einer anderen, in einer Berliner, aber in einer wichtigen Berliner Zeitung habe ich zum Beispiel gelesen, in einem großen Portrait von Egon Bahr, dass Egon Bahr seine These vom Wandel durch Annäherung lange vor dem Mauerbau formuliert habe. Das zeugt von einer historischen Unkenntnis, die eigentlich sehr gravierend ist, wenn ich ehrlich bin. Wenn man in Egon Bahrs Vergangenheit geht, wie in die von Willy Brandt, dann weiß man, dass die bis zum Mauerbau so etwas wie Kalte Krieger gewesen sind und auch sein mussten. Ich finde in dieser Zeit hat das keinen negativen Klang, Kalter Krieger, sondern da ging es um den Zugriff der Sowjets, der ja mit dem Berlin-Ultimatum von Chruschtschow noch mal deutlich geworden war, 1958, die Freiheit von West-Berlin zu erhalten und sich zur Wehr zu setzen. Aber, wie kommt eine solche falsche Behauptung in einen großen Artikel in einer renommierten West-Berliner Zeitung?
Ich finde, da tut mehr Recherche, aber natürlich auch mehr Wissen und Kenntnis Not.
Genauigkeit und Präzision sind nun einmal wichtig für unser Gewerbe und Genauigkeit und Präzision müssen der Lesbarkeit und dem Unterhaltungswert dienen, sie müssen auch das Erzählen und Deuten nicht beeinträchtigen. Das alles muss darunter nicht leiden.

Ja! Es ist natürlich sehr schwierig das abzuschätzen, welche Folgen die Finanzkrise für den Journalismus haben wird. Ich kann da vor allem auf ein Beispiel aus den USA verweisen, auf das traurige Schicksal der Los Angeles Times. Die Los Angeles Times war einmal das Gegenstück an der Westküste zur New York Times oder zur Washington Post. Die war in Händen einer Familie, die durchaus wusste, dass eine Zeitung nicht Renditen von zwanzig Prozent oder fünfzehn Prozent abwerfen kann. Aber eine Zeitung, die gleichzeitig eine Rolle, eine wichtige Rolle als Vermittler zum Bürger hin spielt und eine Rolle in der Gesellschaft und der Politik innehat. Mit dieser Rolle identifizierte sich die Familie und war mit einer relativ geringen Rendite zufrieden. Das ging zwei Generationen gut. Dann kam die dritte, die sich nicht einig war und stellte die Los Angeles Times zum Verkauf. Das Ergebnis war, die Los Angeles Times landete bei einem Konglomerat von Zeitungen, angeführt von der Chicago Tribune und da galt nun plötzlich sparen, sparen, Rendite, Rendite. Es gab drei oder vier Chefredakteure nacheinander, die den Job hingeworfen haben, weil sie das Kürzen und das Rauswerfen von Journalisten, das Kürzen von wichtigen Teilen, vor allem des Kulturteils, selber nicht mitmachen wollten. Und ich fürchte, ich weiß nicht, ob ich fürchte, aber ich hoffe, dass sich so was in der Finanzkrise in Deutschland nicht wiederholt, obwohl wir wissen, dass auch hier in Deutschland Familien Zeitungen verkaufen und die Käufer nicht unbedingt Leute sind, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen und die Rolle der Zeitung so sehen, dass sie nicht unbedingt große Renditen abwerfen müssen.
Ich fürchte, wir gehen in diese Richtung. Es gibt in Berlin ein Beispiel, aber auch anderswo und gerade deshalb ist natürlich aus meiner Sicht die Verpflichtung von finanziell gut gestellten Organen und Medien, wie etwa Spiegel, Stern, ich würde sagen, heute noch Süddeutsche Zeitung, dann große überregionale Zeitungen, aber vor allen Dingen das öffentlich-rechtliche System, der Rundfunk und das Fernsehen, die müßten sich verpflichtet fühlen, wirklich für gut recherchierte Geschichten zu sorgen. Ich erinnere mich, dass ein Mann wie Rudolf Augstein einmal einen Redakteur für ein halbes oder dreiviertel Jahr abgestellt hat, damit er in Ruhe etwas recherchieren konnte.

Gute Recherche, Gründlichkeit von Hintergrundstorys: das alles braucht Zeit und ich fürchte, dass diese Zeit bald in normalen Zeitungen, wahrscheinlich unter dem Renditedruck, unter dem Spardruck, nicht mehr nötig ist, aber deshalb umso wichtiger die Aufforderung an öffentlich- rechtliche Medien etc.
Es ist deshalb meiner Ansicht nach sehr gut, wenn es ein netzwerk recherche gibt. Ich habe ja, wie Leyendecker so freundlich gesagt hat, auch recherchieren können, was Augstein im Krieg in Sütterlin geschrieben hat. Es ist schon interessant, das betrifft natürlich Bildung und auch Kenntnis. Der berühmte Hausdokumentar des Spiegel, der konnte Sütterlin nicht lesen. Ich musste das in der Schule lernen. Aber dann haben komischerweise die Nazis, von denen man eigentlich erwarten sollte, dass sie die gotische Schrift besonders pflegten, die haben alles umgestellt auf die lateinische Schrift und das Ergebnis war, dass ich plötzlich vor einem Schatz stand, nämlich von Tagebüchern, die Rudolf Augstein in seiner Sütterlinschrift geschrieben hatte, aus dem Krieg. So konnte ich daran kräftig partizipieren und auch sehen, wie der junge Augstein eigentlich durch diesen Krieg, den er in jungen Jahren erlebte, und er war ein sehr sensibler Mann, wie der durch diesen Krieg geprägt worden ist.

Ja, ich kann nur hoffen, dass ein Mann wie Leyendecker nicht der letzte und der einzige seiner Zunft bleibt, sondern dass möglichst viele nachwachsen und kräftig und gründlich recherchieren und dass ihnen die Verleger, und dass ihnen die öffentlich-rechtlichen Medien die Zeit dafür geben.
Ich bedanke mich nochmals sehr herzlich.

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Weitere Informationen hier im Archiv:

.. die autorisierte Vita von Peter Merseburger

. Startseite der Dokumentation mit O-Ton und autorisierten Textfassung zur Preisverleihung vom "Leuchtturm für besondere publizistische Leistung" von netzwerk recherche e.V. an Peter Merseburger am 02. Dezember 2008 beim SWR in Mainz - Laudatio: Hans Leyendecker

. die Laudatio auf Peter Merseburger von Hans Leyendecker

Buchbeschreibungen aus dem Werk von Peter Merseburger hier im Archiv:

Buchcover Mythos Weimar
. zur Buchbeschreibung

Mythos Weimar
Zwischen Geist und Macht

 

 

Buchcover Willy Brandt
. zur Buchbeschreibung

Willy Brandt
1913-1992
Visionär und Realist

 

 

Buchcover Rudolf Augstein
. zur Buchbeschreibung

Rudolf Augstein
Biographie

 

 

 


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Veröffentlichung dieser Seite am 13. Januar 2009