Dirk Sager
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Vita in einem separaten Fenster
Diese Tage verlangen eine Vorbemerkung zum "Writers in Prison-Bericht". Mit gebotenem Respekt schaut der Betrachter auf die lange und wechselhafte Geschichte Chinas und seine Kultur, die das Land der Welt als Erbe vermachte. Doch an die Stelle von Respekt tritt Befremden, wenn die Regierung des Landes - unter stolzem Verweis auf diese kulturellen Werte - die Prinzipien missachtet, die das Zusammenleben von Menschen in einem Staat erst lebenswert machen: die Menschenrechte, die Meinungs- und Informationsfreiheit. Sie werden durch materielle Werte nicht aufgewogen. Solange Schriftsteller und Journalisten im Gefängnis darben, verfolgt und gefoltert werden, kann ein Land in seinem kulturellen und intellektuellem Reichtum nicht erblühen.
Die Welt wurde Zeuge, als mit der Ausrichtung der Olympischen Spiele in Peking 2008 eine Besserung der beklagenswerten Menschenrechtssituation in China versprochen wurde. Die Welt wurde getäuscht. In 2008 und dem ersten Halbjahr 2009 wurden 12 Schriftsteller und Journalisten zu Gefängnis und Arbeitslager verurteilt, die nach Kenntnis des Internationalen P.E.N. Der P.E.N. - P oets - Essayists - Novelists - ist Teil eine internationalen Schriftstellervereinigung, die am 5. Oktober 1921 von der Schriftstellerin Catherine Amy Dawson Scott in London gegründet wurde. Der International PEN setzt sich mit weltweit 145 PEN-Zentren für Meinungsfreiheit auf der Grundlage der PEN-Charta ein. Der Sitz vom International PEN ist in London. wegen ihrer Arbeit verhaftet worden waren. In weiteren 12 Fällen dauern die Ermittlungen des P.E.N. über die Details von Festnahmen und Gerichtsverfahren noch an. Insgesamt sind derzeit mehr als fünfzig Schriftsteller und Journalisten zu Gefängnisstrafen oder Arbeitslager verurteilt. Es gibt kein Anzeichen für eine Wende zum Besseren. Hinter der glänzenden Fassade des Staates öffnet sich ein Abgrund von Willkür und Grausamkeit.
Der jüngste empörende Fall ist die Verhaftung des früheren Präsidenten des "Unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrums" (Anm. der Red.: Independent Chinese PEN Center - ICPC), des Schriftstellers Liu Xiaobo. Er wurde am 8. Dezember 2008 verhaftet. Am 23. Juni 2009 wurde Anklage gegen ihn erhoben: "Verbreitung von Gerüchten und Diffamierung der Regierung, zielend auf den Umsturz der Regierung und des sozialistischen Systems". Die Anklage ist nach der Überzeugung von Beobachtern auf Liu Xiaobos Unterstützung der "Charta 2008" zurückzuführen, einer Deklaration von 300 Wissenschaftlern, Schriftstellern und Journalisten, in der politische Reformen und die Respektierung der Menschenrechte gefordert werden. Der Vorgang weckte weltweit Empörung. Das deutsche P.E.N.-Zentrum und der Internationale P.E.N. protestierten und verlangen "die sofortige und bedingungslose Freilassung des Schriftstellers Liu Xiaobo und aller anderen, die wegen ihres friedlichen Einstehens für ihre Meinung verfolgt werden". Diese Forderung bleibt bestehen.
Die Volksrepublik China ist "Ehrengast" auf der Frankfurter Buchmesse. Die Verwicklungen um das Symposium im Vorfeld der Buchmesse boten ein Beispiel dafür, wie sehr die Regierenden in Peking darauf bedacht sind, den Auftritt auf der Buchmesse für ihre Ziele zu instrumentalisieren. Das deutsche P.E.N.-Zentrum fordert das chinesische Organisationskomitee, vor allem aber auch die deutschen Gestalter der Buchmesse dazu auf, dafür zu sorgen, dass eine internationale Buchmesse in Deutschland die Menschenrechte, die Freiheit des schriftstellerischen Wortes wie die Meinungsfreiheit der Medien unter allen Umständen achtet. Dazu gehört auch die Solidarität mit den in China verfolgten Autoren. Das deutsche P.E.N.-Zentrum lädt an seinem Stand (Halle3.1. L 672) jeden Tag um 11.00 Uhr zu einer "Chinesischen Stunde". Der Unabhängige Chinesische P.E.N. und deutsche Schriftsteller bieten ein Forum zur Information über die Wirklichkeit in China jenseits der Sichtweise der offiziellen Vertretung Chinas auf der Buchmesse.
Allen Hoffnungen zum Trotz, dass mit dem Ende des Kalten Kriegs sich die Lage der Schriftsteller und Journalisten weltweit verbessern würde, fegt der Sturm ihrer Verfolgung über alle Kontinente. Staaten in Lateinamerika, Afrika und Asien, die Nachfolgestaaten der Sowjetunion erweisen sich als besondere Problemzonen. In Kriegen und bewaffneten Konflikten zählen Journalisten zu den ersten Opfern. Autoritäre Regime, kriminelle Wirtschaftsstrukturen lassen nicht ab, all jene zu verfolgen, die sich mit dem geschriebenen Wort zur Wehr setzen.
Im ersten Halbjahr 2009 registrierte der P.E.N. in 98 Staaten 644 Fälle von Verhaftungen, Angriffen und Morden. Die Statistik des Grauens kann nicht einmal den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. 22 Schriftsteller, Journalisten und Herausgeber wurden ermordet, weil sie das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit einforderten. Von 6 Opfern verlor sich jede Spur. Es ergingen in diesem Zeitraum 136 Urteile auf Gefängnisstrafen- zum Teil über viele Jahre. 21 Betroffene verschwanden ohne Gerichtsverfahren hinter Gefängnismauern. In 72 weiteren Fällen dauern die Ermittlungen des P.E.N. noch an. In weiteren 193 Fällen wurde Anklage erhoben, ohne dass es bisher zu einer Verurteilung kam. Dem gegenüber steht die bescheidene Zahl von 24 Entlassungen aus Gefängnissen.
Das deutsche P.E.N.-Zentrum hat in sechs Ländern gefangene Schriftsteller zu Ehrenmitgliedern ernannt, darunter allein vier in China. "Weitergabe
von Staatsgeheimnissen" durch Publikationen, "Planung und Durchführung staatsgefährdender Handlungen", "Gefährdung
der Staatssicherheit" sind die sich wiederholenden Vorwürfe. Danach zu urteilen wäre das große China ein außerordentlich
fragiles staatliches Gebilde.
Besonders gefährdet sind Schriftsteller in Tibet und in der Provinz Xinjiang, wo die Bürger für mehr
Autonomie ihrer tibetanischen und uighurischen Landsleute eintreten.
Auch Kuba, wo zwei seit vielen Jahren im Gefängnissitzende Schriftsteller zu Ehrenmitgliedern des deutschen P.E.N.-Zentrums ernannt wurden, zeigt sich von allen Protestnoten und Aufrufen zur Freilassung der Gefangenenunbeeindruckt. In einer Massenaktion zur Zerschlagung intellektuellen Widerstands wurden im April 2003 allein 30 Schriftsteller, Journalisten und Bibliothekare verhaftet. Juan Carlos Herrero Acosta, Journalist bei der Agencia de Prensa Libre Oriental, war einer von ihnen. "Handlungen, die imperialistischen Interessen Vorschub leisten, die den Umsturz der inneren Ordnung Kubas und die Zerstörung des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems zum Zielhaben" wurden ihm und seinen Leidensgefährten vorgeworfen. Auf zwanzig Jahre Gefängnis lauten jeweils die Urteile. Von fast allen Inhaftierten erreichten uns besorgniserregende Botschaften über die Haftbedingungen und deren Folgen für den Gesundheitszustand.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt in diesem Sommer der Fall der burmesischen Schriftstellerin und Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi, die am 11. August 2009 zu weiteren 18 Monaten Hausarrest verurteilt wurde. Seit 1989 ist sie Opferstaatlicher Verfolgung. Die weltweiten Proteste gegen die neuerliche Verurteilung mögen sie vor Schlimmerem bewahrt haben.
Besonderen Anlass zum Entsetzen und Protest bot die ungehemmte Mordserie an Journalistinnen und Journalisten in Russland. Zu Beginn des Jahres wurden der Rechtsanwalt Stanislaw Markelow und die Journalistin Anastasia Barburowa helllichten Tag im Zentrum Moskaus erschossen. Im Juni tötete ein Hinrichtungskommando die Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa. Alle Opfer gehörten wie auch die 2006 ermordete Anna Politkowskaya zum Mitarbeiterkreis der Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta". Natalja Estemirowa hatte nach der Ermordung von Anna Politkowskaja dafür Sorge getragen, dass Willkür und Grausamkeiten des Militärs und der örtlichen Behörden in Tschetschenien ans Licht der Öffentlichkeit kamen. In keinem der Fälle vermochten es die russischen Untersuchungsbehörden, die Mörder und ihre Hintermänner zu ermitteln. Zu diesem Bild gehört, dass das Russische P.E.N.-Zentrum auf der diesjährigen "Writers in Prison Committee Conference" in Oslo darüber Klage führte, dass es unter dem Druck der russischen Behörden stände.
Die beste Waffe gegen Verfolgung, Unrecht und Unterdrückung ist eine wache Öffentlichkeit. Ein Zeitungsartikel kann so hilfreich sein wie 100
Protestnoten. Fürchterlicher noch als die Tortur eines Lebens hinter Gefängnismauern ist die Einsamkeit des Vergessenen.
Eine Liste aller
weltweit vom International P.E.N. Writers in Prison Committee betreuten Fälle mit Details der Vorwürfe, Urteile und Haftbedingungen unter:
www.internationalpen.org.uk
Dirk Sager, Vizepräsident und Wrlters in Prlson-Beauftragter des P.E.N.-Zentrums Deutschland
Weitere Informationen hier im Archiv:
der Writers-in-Prison-Bericht zur Frankfurter Buchmesse 2009 als PDF-Datei
(3 Seiten - rd. 180 KB)
.. zur autorisierten Vita von Dirk Sager.

v.l.n.r.: Shi Ming (Dolmetscher),
Zhou Qing, Dirk Sager,
Herbert Wiesner, Dr. Gottfried Honnefelder,
Amir Cheheltan und Dr. Susanne Baghestani (Dolmetscherin)
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