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Erich-Fromm-Preis 2006

Abschrift der Begrüßung

Dr. Rainer Funk
- Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft -

Foto und Link zur Kurzvita von Hans Leyendecker. Foto: © Süddeutsche Zeitung
Der Erich Fromm-Preis 2006 ging an die Journalisten Hans Leyendecker und Heribert Prantl.

Die erstmals verliehene Auszeichnung würdigt ihr Engagement für Menschenwürde und Gerechtigkeit.
Foto und Link zur Kurzvita von Dr. Heribert Prantl. Foto: © Süddeutsche Zeitung

Fotos: © Süddeutsche Zeitung
_________________________

Dr. Rainer Funk
- Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft -

Sehr verehrte Frau Professorin Limbach,
sehr geehrte Preisträger,
sehr geehrte Damen und Herren!

Lassen Sie mich eingangs ein paar Gedanken zur Aktualität Erich Fromms und dazu sagen, warum wir diesen Erich-Fromm-Preis vergeben.

Auch wenn wir uns hier an einem Ort zusammen gefunden haben, der Vergangenheit repräsentiert und Beständigkeit suggeriert, so kommen wir doch alle aus einer beruflichen, sozialen und kulturellen Welt, die durch fundamentale Veränderungen gekennzeichnet und gezeichnet ist. Nichts ist mehr selbstverständlich, und niemand kann sich einfach an Vorgegebenem orientieren. Statt sich auf Bewährtes zu stützen, muss jeder mitanpacken und seine eigene berufliche, soziale und sinnstiftende Wirklichkeit selbst konstruieren und mitverantworten.
Für diese Notwendigkeit zur Neukonstruktion stehen uns fantastische Möglichkeiten zur Verfügung: digitale Techniken, elektronische Medien, Steuerungsinstrumente, Software- und Managementprogramme, Persönlichkeitstrainings und Ratgeber für die Lebenskunst. Die Fähigkeiten dieser Instrumente haben sich inzwischen derart gesteigert, dass nichts unmöglich scheint. So nimmt es nicht Wunder, dass sich eine neue Weltsicht etabliert hat, die alles Heil von diesen Instrumenten erwarten. Die Botschaft lautet schlicht und einfach: Lass Dich von den Instrumenten inspirieren und animieren. Wende sie einfach an und lass Dich von ihnen forttragen in eine neue, ungeahnt kreative und entgrenzte Welt.
Ein höchstes Maß an Freiheit scheint realisierbar, wenn wir uns von Instrumenten bestimmen lassen, die imstande sind, die Wirklichkeit neu, besser, erlebnisreicher zu inszenieren. Die Instrumente zur Wirklichkeitserzeugung sind deshalb zu unserem höchsten Gut geworden. Sie regulieren und steuern die Wirtschaft, die Politik, das soziale Leben, die Medienwelt, das Gesundheitssystem, die kulturelle Szene, die Partnerbeziehung, das Bildungssystem und die Erziehung der Kinder. Wir können, was die Ratgeber, Programme und Instrumente können. Wir sind, was die Instrumente sind.
Genau darin liegt aber das Problem. Es ist viel über den Verlust des Subjekts, des Identitätserlebens, des Verantwortungsgefühls des Einzelnen und des Gespürs für Recht und Gerechtigkeit geschrieben und geforscht worden, aber kaum jemand will wahrhaben, dass die Instrumente zunehmend den Platz einnehmen, den der Mensch und seine Fähigkeiten zum Humanen bisher inne hatten. An die Stelle unseres menschlichen Ichs mit all seinen Schwächen ist ein glanzvoll konstruiertes Ich getreten; der Lógos (die Vernunft) hat den Logos Platz gemacht und das Gespür für soziale Gerechtigkeit wird von den Ichbesessenen als Sozialneid umgedeutet. Nur eines darf man nicht merken: Wie besessen und abhängig unser Ich von den Instrumenten zur Neukonstruktion unseres politischen, sozialen und persönlichen Lebens ist.

Was den Menschen wirklich antreibt und umtreibt - wovon er, mehr unbewusst als bewusst, geritten wird -, dies war das Lebensthema von Erich Fromm. Mit seinem sozialpsychologischen Ansatz hat er die Autoritarismusdebatte in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts initiiert, bereits von der Marketing-Orientierung gesprochen, als noch kein Betriebswirt davon sprach. Schließlich erkannte er in den sechziger Jahren, dass der Mensch immer mehr vom Gemachten, Instrumentellen, Dinglichen angezogen wird und dabei seine Liebe zum Leben und zum lebendigen Menschen zu verlieren droht. Immer wieder nimmt er in seinen Schriften ein Wort von Emerson auf, der davon sprach, dass die Dinge im Sattel säßen und die Menschheit reiten würden. Für Fromm hängt unsere Zukunft davon ab, „ob es dem Menschen - dem ganzen, schöpferischen Menschen - gelingt, sich in den Sattel zu setzen.“ (E. Fromm, Wege aus einer kranken Gesellschaft, Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Band IV, S. 385.) Vielleicht müsste man angesichts der gegenwärtigen Vergötterung der Steuerungsinstrumente einfügen, dass alles darauf ankomme, dass sich der Mensch wieder in den Sattel setzt, um die Dinge zu zügeln.

Der mit 10.000 Euro dotierte Erich-Fromm-Preis 2006, den die Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft heute erstmals vergibt, soll Personen verliehen werden, „die mit ihrem wissenschaftlichen, sozialen, gesellschaftspolitischen oder journalistischen Engagement Hervorragendes für den Erhalt oder die Wiedergewinnung humanistischen Denkens und Handelns im Sinne Erich Fromms geleistet haben bzw. leisten“. So lautet der Stiftungszweck des Preises.
Die Jury sieht in dem Wirken von Hans Leyendecker und Dr. Heribert Prantl diese Zwecke in ganz besonderem Maße erfüllt. Ihr langjähriges rechts-, gesellschafts- und sozialpolitisches Engagement und ihr kritisches und mutiges Wort als Journalisten der Süddeutschen Zeitung ist genau von jenem Frommschen Impetus geleitet, den Menschen wieder zum Subjekt des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Handelns zu machen. Ihnen beiden gilt deshalb an erster Stelle mein Gruß des Willkommens.
Dem Menschen, seiner Würde und seiner Bürgerrechte verpflichtet ist das Lebenswerk der früheren Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts und der jetzigen Präsidentin des Goethe-Instituts, Frau Professorin Limbach, die als Schirmherrin - Schirmfrau lässt sich wohl noch nicht sagen - dieser Preisverleihung eine besondere Würde gibt. Ich möchte Sie herzlich begrüßen und Ihnen dafür danken, dass Sie nachher zu uns sprechen werden.
Meist spielt der „musikalische Rahmen“ die übliche Rolle, eben „Rahmen“ zu sein. Dass Sie, Herr Dauner, die Musik selbst zum Inhalt zu machen vermögen, wird unser aller Freude sein. Bei der Begrüßung weiterer Akteure dieses Abends möchte ich an erster Stelle Dr. Rainer Otte nennen, der als Wissenschaftsjournalist und Autor von Filmen über Erich Fromm wie kein anderer die Voraussetzungen mitbringt, das Lob auf die Preisträger auszusprechen. Wie er, so ist auch Dr. Norbert Copray, der geschäftsführende Direktor der Fairness-Stiftung, Mitglied der Jury für den Erich-Fromm-Preis. Begrüßen möchte ich auch ganz herzlich Horst Wagner, ohne dessen stilles Wirken im Hintergrund es nicht zur Stiftung dieses gut dotierten Preises gekommen wäre.
Erlauben Sie mir noch, unter den vielen Gästen, die auf unsere Einladung hin heute hierher gekommen sind, einige besonders zu begrüßen, wohl wissend, dass es andere ebenso verdient hätten. Dass das Werk und der Humanismus von Erich Fromm hier in Deutschland eine so große Resonanz gefunden haben, ist besonders dem damaligen Süddeutschen Rundfunk zu verdanken. Es waren Hans Jürgen Schultz, seinerzeit „Chefredakteur Kultur“ beim Hörfunk, sowie Jürgen Lodemann und Micaela Lämmle im Bereich Fernsehen, die Fromm hörbar und sichtbar machten. Ich freue mich deshalb, Herrn Schultz unter uns zu wissen, aber auch viele der heute Verantwortlichen beim Südwestrundfunk begrüßen zu können, unter ihnen den Chefredakteur des Fernsehens, Herrn Dr. Zeiß, Hörfunkdirektor Herrmann, den Landessendedirektor, Dr. Steul, Frau Freudenberg vom so wertgeschätzten Kultursender SWR 2 und Karl-Dieter Möller von der Abteilung „Recht und Justiz“.
Was wäre ein Autor ohne Verlag und was wäre Fromm ohne die damals noch Stuttgarter Deutsche Verlags-Anstalt? Darum gilt ein besonderer Gruß Dr. Stephan Meyer, dem jetzigen Verlagsleiter der DVA, der ebenso wie Werner Kilz, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, aus München gekommen ist, um den Preisträgern Ehre zu erweisen. Ich freue mich, dass viele beruflich, geistig und familiär mit den Preisträgern Verbundene heute hier sind, unter ihnen einige Bundesanwälte, Landes- und Bundespolitiker, Pressesprecher, Verleger und Freunde von den Print-, Fernseh- und Rundfunkmedien sowie Familienangehörige der Preisträger. Zu guter Letzt begrüße ich eine große Zahl an Mitgliedern und Freunden der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft, unter ihnen auch die Vorstandsmitglieder Georg Osterfeld, Klaus Widerström und Dr. Johach.
Nun aber ist es Zeit, das Begrüßungswort an Dr. Ostberg, den Leiter des Kulturamts der Stadt Stuttgart, weiter zu geben.

Veröffentlichung dieser Seite am 10. März 2006