Logo www.o-ton.radio-luma.net. Das Logo zeigt drei Piktogramme. Dies sind urprünglich Gebotsschilder der Berufgenossenschaften für Augenschutz, Ohrenschutz sowie Staub- bzw. Atemschutz. Diese kreisrunden Gebotsschilder sind zu einem vereint montiert. Dies ist als ironische Anspielung auf die drei Affen: Ich sehe nichts - Ich höre nichts - Ich sage nichts, zu verstehen.

Das offene Archiv mit
originalen Tondokumenten vom
UNABHÄNGIGEN MEDIENDIENST
FÜR EINE NEUE SACHLICHKEIT
IN DER GESELLSCHAFT


:: Startseite

:: Presse-
konferenzen

:: Diskussionen

:: Vorträge

:: Interviews

::Tagungen/
Kongresse

:: Preis-
verleihungen

:: Tipps zum
Hören

:: Nutzungs-
bedingungen

Link zur Erklärung vom Logo: www.radio-luma.net ABSOLUT werbefrei

 

.. zum Seitenende

Erich-Fromm-Preis 2006

- Dankwort von Hans Leyendecker -

 

Verehrte Frau Professorin Dr. Limbach,
meine Damen und Herren,

das ist schon ein bewegendes Erlebnis, in einer so schönen Feier den Erich-Fromm-Preis entgegennehmen zu dürfen. Auch im Namen meines Kollegen Heribert Prantl, der nachher zu Ihnen über den „richtigen Gebrauch der Freiheit“ sprechen wird, möchte ich Ihnen, aber auch der Jury, herzlich danken. Die warmherzigen und sehr freundlichen Worte der Schirmherrin dieser Veranstaltung, Frau Limbach, und des Laudators, Herrn Otte, machen fröhlich, stolz, dankbar und sie beschämen auch ein wenig.
„ Die Fragen, nicht die Antworten“ machen das Wesen des Menschen aus“, hat Frau Limbach den Humanisten Fromm zitiert und darauf hingewiesen, welch große Rolle das Bewusstmachen bei ihm gespielt hat. Herr Otte, dem ich sicherlich auch im Namen Heribert Prantls für seine außergewöhnlich liebevolle und gleichzeitig akribische Laudatio danken möchte, hat schon vieles Wichtige gesagt. Er hat auch erwähnt, dass nach seiner Feststellung der Name Fromm weder in den Texten von Heribert Prantl noch bei mir bislang aufgetaucht sei.
Was mich angeht, habe ich zwar an die meisten meiner Texte nur noch eine ungefähre oder gar keine Erinnerung mehr (was übrigens nicht selten das Leben leichter macht), aber bin mir relativ sicher, dass ich den großen Fromm bislang nicht ausführlich zitiert habe. Leser der Frommschen Werke bin ich dennoch.
Als die Nachricht eintraf, dass wir beide diesen Preis bekommen würden, habe ich gleich in der zehnbändigen, 1980 erschienen, Erich Fromm-Gesamtausgabe der Deutschen Verlagsanstalt geblättert und nachgeschaut, was Fromm so alles über Journalismus geschrieben hat.
- Dass die „Verbreitung von Ideen glücklicherweise nicht ausschließlich von der Gunst der Massenmedien abhängt“,
- „dass die technischen Kommunikationsmöglichkeiten in weit überproportionalem Ausmaß zugenommen“ haben, aber „eine wirkliche Kommunikatikon von Mensch zu Mensch“ in einer Welt, „die von Massenmedien beherrscht wird“ immer schwieriger geworden ist,
- dass der Bericht oft wichtiger als das Ereignis ist,
- dass häufig Aufmachung entscheidet, nicht der Inhalt,
- dass das Wort zur Phrase erniedrigt wird,
- dass alles heute überall hingelangt, aber schon morgen nicht mehr da gewesen ist,
das alles hat Erich Fromm in Aufsätzen und Essays geschrieben und beschrieben.
Es ist also äußerst liebenswürdig, dass die Internationale Erich Fromm-Gesellschaft erstmals einen Preis ausgeschrieben hat, mit dem auch Journalisten ausgezeichnet werden.

Medienmenschen, das ahnen Sie, sind häufig nicht uneitel und Fromm-Kenner wissen, dass das Problem von Narzissmus und Kreativität sehr komplex sein kann.
Die „meisten Menschen sind sich ihres Narzissmus nur insofern bewusst, als es sich um Manifestationen handelt, in denen er nicht offen zum Ausdruck kommt“ stellte Fromm fest. Wenn aber jemand Künstler, Sportler, Wissenschaftler oder Politiker sei, erscheine seine narzisstische Einstellung nicht nur als realistisch oder vernünftig, sie werde auch durch die Bewunderung der anderen auch noch ständig genährt. Die Massenmedien lebten davon, dass sie den Ruhm verkauften: Und so werde jeder zufriedengestellt. „Auch die Verkäufer des Ruhms“. Wenn jemand „von seinen „Gaben und seiner Mission überzeugt“ sei, werde es ihm leichter fallen, das große Publikum zu überzeugen, das sich von Menschen angezogen fühle, „die ihrer Sache absolut sicher zu sein scheinen“.
Aber können sich Journalisten ihrer Sache sicher sein und was ist eigentlich ihre Sache? „Randfiguren der holzverarbeitenden Industrie“ hat Willy Brandt die Vertreter des Metiers genannt, das er als junger Mann selbst ausgeübt hat. Später wurden daraus „Wegelagerer“ bei Helmut Schmidt oder auch die „Meute“ in der Kohl-Zeit.
Wenn man in die Jahre kommt, hat man in Politik und Medien viele Grenzgänger kennen gelernt. Ihre Stimmung schwankt gewöhnlich zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitkomplex. Irgendwie wollen sie auf den Wellen des Zeitgeistes surfen. Am Montagabend dieser Woche wurden im 3. Fernseh-Programm des SWR übrigens einige Vertreter dieser Gattung vorgestellt: „Strippenzieher und Hinterzimmer- Meinungsmacher im Berliner Medienzirkus“ war der Titel der Sendung.
„ Wir handeln geheime Dinge ab. Das müssen die Zuschauer oder Leser nicht erfahren. Sie müssen nur verstehen, was wir sagen“, sagte eine ARD-Korrespondentin. Journalisten traten auf, die sich wie Mitglieder einer Geheimloge gebärdeten und sie taten bei ihrem rätselhaften Tun sehr wichtig.
Die journalistische Freiheit werde in der Bundesrepublik weniger durch obrigkeitsstaatliche Pressionen bedroht als durch die weiche Knechtschaft einer eitlen Selbstverliebtheit, stellte bereits vor einem Jahr der Spiegel-Autor Jürgen Leinemann in einem Vortrag fest.
Er wies darauf hin, dass es eine „tonangebende Politikergeneration von Erfolgs-Junkies“ gebe, die mit den „Gleichaltrigen aus den Führungsetagen der Redaktionen, Sender und Fernsehanstalten“ eins gemein habe: Ohne Verankerung in Vergangenheit und Zukunft passten sie sich der Chance des Augenblicks an. „Unser Ego hat Priorität vor Parteien, Politik und den Parolen von gestern“ hat der Modemacher Wolfgang Joop diese Allianz mal beschrieben.

Viele Akteure im politischen und im medialen Betrieb sind selbstverliebt und sehr eitel. Das Fernsehen, das wie Fromm 1974 schrieb, „neben vielen Nachteilen“ den großen Vorteil biete, dass es „recht genau Eigenschaften des anderen Menschen verrate, weil wir das Gesicht, die Gesten und den Ausdruck so unerbittlich beobachten können“ ist zur Bühne geworden.
Mit nimmermüder Geschwätzigkeit tingeln Darsteller aus dem politischen und aus dem journalistischen Betrieb über den Laufsteg. Man hat manchmal den Eindruck, dass es mehr Talkshows als Gesprächsbedarf gibt. Und wer von den Diskutanten ist eigentlich der Journalist, wer ist der Politiker?
Konnten Sie vor der vergangenen Bundestagswahl stets unterscheiden, ob der wilde Marktliberale, der gerade der Gesellschaft eine Rosskur verordnete, Politiker oder Journalist war? War er gewählt, wenn ja, von wem; war er legitimiert, wenn ja, von wem? Je schriller die Kritik, umso größer die Aufmerksamkeit lautet die Spielregel. Wir müssen, scheint mir, manchmal das Schweigen als eine Form des kritischen Urteils wieder entdecken.
Was zu zählen scheint, sind nicht Stimmen, sondern diffuse Stimmungen. Es gibt einen Wettbewerb um Schlagzeilen und atemraubende Enthüllungen. Wir leben heute in einer permanenten Gegenwart, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft. Ständig wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben, es sind ganze Herden von Schweinen unterwegs und es werden immer mehr. Wenn eine Geschichte wenig Neues zu bieten hat, wird einer Nachrichtenagentur eine Geschichte über das exklusive Nichts angeboten. Die Standardformel lautet, dass sich die Geschichte ausweitet. Besonders an den Wochenenden weitet sich alles aus, bis es dann wieder platzt.
Das frühzeitige Besetzen von Themen, das Anzetteln von Aufregungs-Kommunikation, die dafür sorgt, dass das eigene Blatt von anderen Blättern, vom Hörfunk oder gar vom Fernsehen besonders erwähnt wird, soll erstrebenswert sein. Es gibt Statistiken darüber, welches Medium die meisten exklusiven Nachrichten veröffentlicht hat. Statistiken darüber, wie viele dieser Meldungen recycelt oder falsch waren, existieren leider nicht. „Die Kolportage ersetzt die Reportage und Sensationshascherei und Exklusivitis prägen das Tagesgeschäft“, hat Johannes Rau mal gesagt.

Wenn wir für einen Augenblick innehalten, müssen wir manchmal über uns lachen: „Kann ich meine Katze vorsorglich keulen?“ „Kann man mit seiner Katze noch von einem Teller essen?“ „Was ist, wenn ein BSE-verseuchtes Rind mit den Innereien einer Vogelgrippe-Katze spielt?“ fragte vorige Woche bös-ironisch die taz und persiflierte die Aufgeregtheiten der Berichterstattung über die Vogelgrippe. Das Hinscheiden einer Katze in Norddeutschland war sogar Titelthema seriöser Schweizer Tageszeitungen, die sehnsüchtig bang darauf warteten, dass der Feind endlich die Grenze passieren würde. „Kann mein Büsi noch aufs Sofa?“ fragte die „Aargauer Zeitung“. Wie viel Seuchen haben wir schon überstanden?
„Schwarzsehen galt Fromm als Einverständnis mit dem Schlechten“, haben wir von Herrn Otte eben erfahren. Das ist wahr. Jede Zeit hat das Gefühl eine Endzeit zu sein, eine Zeit, in der die Entscheidung über die Zukunft, über das Überleben der Menschheit fällt. Es ist sehr liebenswürdig, dass jede Zeit auf diese Weise ausdrückt, sie fühle sich für die Zukunft der Menschheit verantwortlich. Aber könnte es nicht sein, das jede Zeit das Feindbild einer totalen, absoluten Bedrohung braucht, um sich als die bedrohteste aller Zeiten zu empfinden, als die Zeit, in der angeblich die Entscheidung über alle Zeiten fällt?
Demokratie basiert auf öffentlichen Prozessen der Meinungs-Wissens- und Entscheidungsbildung. Die zentrale Frage ist dabei, wie Medien mir ihrer Rolle als Vermittler zwischen Wirtschaft, Politik und Publikum und mit ihrer Rolle als Kritiker und Kontrolleur umgehen. Die Antwort darauf lautet seit Jahren: eben nicht so autonom und kompetent wie es dem Ideal der politischen Kommunikation in unserer Gesellschaftsordnung entsprechen würde.
Viele Journalisten bewegen sich am liebsten in Augenhöhe mit den Mächtigen Von Kurt Tucholsky, dem großen deutschen Journalisten, über den wir eben einiges gehört haben, stammt auch der schöne Satz, der deutsche Journalist brauche nicht bestochen zu werden. „Er ist stolz, eingeladen zu sein, er ist schon zufrieden, wie eine Macht behandelt zu werden.“
Die Krankheit des Journalismus ist nicht die gepflegte Kampagne, sondern die Verwischung von Grenzen zur Politik, zur Wirtschaft, der gegenseitigen Instrumentalisierung für politische und eigennützige Zwecke. Zwischen Politikern und Journalisten besteht leider allzu oft ein symbiotisches Verhältnis. Es gibt die Sehnsucht, Sekretarius der Obrigkeit zu sein: Einflüsterer der vermeintlich Mächtigen. In der von mir eben erwähnten Fernsehsendung über die Strippenzieher und die Hinterzimmer sagte übrigens eine Fernsehjournalistin den schönen Satz, der ganz vertrauensvolle Kontakt mit den Mächtigen sei so wichtig, „weil wir die Wahrheit erfahren, die wir dann – so bitter das für manchen auch ist – nicht schreiben oder senden dürfen.“
Längst ist ein geschlossener Kreislauf entstanden, den eine Gruppe von Medienwissenschaftlern als „Beziehungsspiele“ charakterisierte: „Politiker betreiben Politik zunehmend symbolisch. Adressaten symbolischer Politik sind nicht die Bürger, sondern die Journalisten, und ihr Inhalt ist weniger das effiziente politische Handeln als das Reden darüber“.

Ich habe Diskussionen erlebt, in denen Politiker den Satz beklatschten: „Politik ist nur, was öffentlich wahrgenommen wird“ und Diskussionen, in denen hervorragende Journalisten erklärten: „Guter Journalismus hat keinen Platz mehr“. Beide Lager setzen sich selbst und gegenseitig herab und begeben sich auf Bonsai-Format. Das ist falsch.
Es gibt viele Wirklichkeiten. Wenn wir über die Interaktion von Politik und Medien reden, dürfen wir die Bürokratie nicht vergessen. Die großen Apparate bestimmen immer mehr unser Leben. Sie haben wirklich Macht, tauchen aber nie auf, weil sie kein Gesicht haben. Die Bürokratie beliefert Medien mit Geschichten über Politik und Politiker und sie bleibt oft anonym.
Heutzutage ist Politik häufig nur dann erfolgreich, wenn sie Bilder für die Medien erzeugen kann, die dank ihrer emotionalen Wirkung im Gedächtnis des Betrachters haften bleiben. Vor welchem Pult mit welchem Hintergrund und vor welcher farbigen Wand ein Politiker spricht, kann wahlentscheidend sein. Politik wird häufig mehr inszeniert als gestaltet. Jede Bewegung soll kamerareif sein.
Nachdenklich, aber nicht engstirnig, höflich, aber auf keinen Fall nachgiebig, wollen Politiker erscheinen. Viel wichtiger noch als Gestik und Mimik ist – bei Männern - die Wahl der richtigen Krawatte. Wer die Krawatte zu lang gebunden hat oder ein unvorteilhaftes Jackett trägt, muss gar nichts mehr sagen – das Publikum findet ihn eh schlecht. Das Bild, das sich die anderen machen, entscheidet. Es gibt eine Macht der Bilder, die größer ist als die Macht der Worte. „Die Langsamkeit der Politik liefert wenig sichtbare Gestaltungskraft“ stellte Wolfgang Thierse fest.
Zu jedem Sachproblem muss ein Politiker in Deutschland in neunzig Sekunden, Fachleute sagen 1:30, eine Stellungsnahme parat haben und dabei kompetent wirken. Politik konkurriert immer mehr mit Unterhaltung und auch deshalb wird Politik unterhaltend inszeniert und zu einem Teil der öffentlichen Unterhaltung.
Früher war es Journalisten wichtiger, die Wahrheit zu suchen, heute ist es wichtiger, seine Wahrheit attraktiv zu gestalten und gut zu verkaufen.

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ So beginnt Thomas Mann den Roman „Joseph und seine Brüder“, in dem er der Geschichte der Stammväter nachgeht. Jeder von uns hat heute seinen eigenen Brunnen. Das Wasser kommt aus der Wand; die neuesten Nachrichten, die man sich früher am Dorfbrunnen erzählte, aus den Hörfunk- und Fernsehkanälen oder aus der Zeitung. Aber die Bildersturzbäche, die täglich über die Bürger hereinbrechen, begraben Informationen. Wer im Internet surft, weiß alles über alles und alle und er weiß nichts.
Es gibt in den Medien eine stärkere Bildhaftigkeit als zu allen Zeiten zuvor und die Masse der Informationen erdrückt uns. „Wir sind der Tyrannei der Aktualität unterworfen“ hat die Chefin des deutschen Politmagazins „Monitor“, Sonia Mikich, in einem Aufsatz geschrieben und hinzugefügt: „Wir haben keine Zeit mehr, zu zweifeln. Der Satellit wartet. Ambivalenzen, Grautöne, Widersprüche – sie werden in den Schlagzeilen und Sondersendungen weggeballert“. Ob wahr oder unwahr, ob wesentlich oder unwesentlich, ob Meinung oder Wirklichkeit , ob behauptet oder tatsächlich – das alles spielt keine Rolle mehr.
Aber unser Lebensdurst geht tiefer als wir ahnen. Wer die Vergangenheit nicht wahrnimmt und in einer permanenten Gegenwart lebt, den kann es die Zukunft kosten. Es stehen immer mehr Informationen zur Verfügung und es gibt immer weniger Journalisten, die Zusammenhänge kennen und sich für Strukturen interessieren. Ja, Zusammenhänge, aus denen sie etwas reißen könnten, sind vielen Journalisten gar nicht mehr bekannt. „Man muss die Dinge so einfach machen wie möglich – aber nicht einfacher“, hat Albert Einstein gesagt.
Was mich erschreckt, ist die geschrumpfte Neugier auf das, was man nicht oder nicht mehr kennt. Auch wenn ich scheinbar Gewissheiten verbreite, zweifle ich. Theologisch gesehen ist Zweifel Sünde, aber es ist auch die Basis der Aufklärung. Der Intellektuelle ist verdächtig, weil er sich das Denken nicht vorschreiben lässt und den Zweifel kennt.

Damit bin ich am Ende, entschuldigen Sie bitte, bei Ihnen, dem Publikum, gelandet. Akzeptieren Sie als Zuschauer, Leser, Hörer, den Zweifel oder wollen Sie vielleicht nur durch das Geschriebene, vielleicht schon morgens am Frühstückstisch, in Ihrem Urteil, das ja ein Vor-Urteil sein kann, bestätigt werden? „Der schreibt, was ich immer schon sage: Guter Mann“. Da möchte ich, mit Verlaub, kein guter Mann sein.
Das Publikum ist überhaupt ein sperriges, formloses, schwieriges Wesen. Beobachten wir einen Leser in einer Buchhandlung: Er nimmt ein Buch in die Hand, blättert darin, nimmt Satzfragmente auf, betrachtet den Umschlag und dann? Für den Autor kann das Zuschauen dieser Szene zur Qual werden. Oder man sitzt im Zug und plötzlich geht der Atem rascher, weil der Leser auf die Geschichte, die man gestern geschrieben hat, gestoßen ist.
Kein verstohlenes Blinzeln, kein Wölkchen der Unzufriedenheit, das über sein Gesicht schattet, entgeht dem Schreiber. Blättert er rasch um? „Halt ... Sie müssen wissen, ich hatte Kopfschmerzen als ich das schrieb,“ möchte man ihm zurufen. „Das war eigentlich die erste Fassung. Noch nicht gefeilt, aber so schlecht doch auch nicht,“ aber der Leser ist schon längst weiter geeilt und irgendwo hinten gelandet.
Dem Rausch des Produzierens folgt also nicht selten der Katzenjammer. Dass die Jury den geschätzten Kollegen Prantl und mich dennoch für preiswürdig befand, ist also wirklich sehr nett von ihr gewesen.

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld.

______________________________________________

Hans Leyendecker ist leitender politischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung.

Weitere Informationen im Internet:
Zur Kurzvita von Hans Leyendecker innerhalb dieser Dokumentation.
Die Internetpräsenz der Süddeutschen Zeitung erreichen Sie unter: www.sueddeutsche.de.

 

Veröffentlichung dieser Seite am 10. März 2006