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Erich-Fromm-Preis
2006
Zwei Federn gegen
den Abbau von Demokratie und Solidarität
- Grußwort zur Preisverleihung
der Schirmherrin Frau Prof. Dr. Jutta Limbach -
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Der
Erich Fromm-Preis 2006 ging an die Journalisten Hans Leyendecker
und Heribert Prantl.
Die erstmals verliehene Auszeichnung würdigt ihr Engagement für
Menschenwürde und Gerechtigkeit.
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Fotos: © Süddeutsche Zeitung
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Grußwort der Schirmherrin
Professor Dr. Jutta Limbach,
Präsidentin des Goethe-Instituts,
zur Verleihung des Erich-Fromm-Preises
2006
Meine Herren!
Meine Damen!
Wir sind heute hier zusammengekommen, um das Andenken an Erich Fromm hochzuhalten
und um Hans Leyendecker und Heribert Prantl in seinem Geiste auszuzeichnen.
Die Bitte unserer Gastgeber, die Schirmherrschaft für die heutige
Veranstaltung zu übernehmen, hat mich veranlasst, in drei Bänden
der Gesamtausgabe der Schriften Erich Fromms ein wenig zu schmökern,
um etwas genauer zu wissen: Was hat er eigentlich noch jenseits „Haben
und Sein“ geschrieben und was ist der besondere Anlass für die
Auswahl dieser Preisträger? Nun, aus dem Schmökern ist ein fasziniertes
Studium dieser Texte des ersten Bandes geworden, in denen er sich
mit der analytischen Sozialpsychologie beschäftigt. Ich war und bin
beeindruckt, wie es bereits von Herrn Funk gesagt worden ist, von der Aktualität
seiner Texte, die Erich Fromm beispielsweise zum deutschen Charakter,
zur Bedeutsamkeit der Freiheit für den modernen Menschen und zu wichtigen
Rollen der psychischen Faktoren in der Geschichte erarbeitet hat.
Sehr schnell ist mir dabei klar geworden, dass es heute und künftig
nicht nur darum geht, sich an Erich Fromm im Sinne einer wissenschaftlichen
Heldenverehrung zu erinnern. Er braucht keine Standbilder. Er braucht
Leser
und Leserinnen,
die sich von diesem inspirierten und inspirierenden Wissenschaftler
bilden, unterrichten lassen.
Wir können Erich Fromm nicht besser für seinen geistigen und
intellektuellen Einsatz danken, als dass wir uns seiner Arbeiten und der
daraus resultierenden Erkenntnisse geistig bemächtigen und darauf
aufbauen. Und behandeln wir die Frage, warum gegenwärtig in der arabischen
Welt, aber durchaus auch anderswo, religiöser Fanatismus gedeiht,
können uns die Studien von Erich Fromm eine große Hilfe
sein.
Erich Fromm wollte seinerzeit etwas von der Irrationalität menschlichen
Massenverhaltens verstehen und das hat ihn veranlasst, sich mit dem menschlichen
Charakter, mit dem Problem des Sozial-Charakters zu beschäftigen.
Und früh erkennt er, dass wir den Einzelnen nur im Kontext der ihn
formenden Kultur sehen müssen, wenn wir ihn tatsächlich verstehen
wollen. Erst recht seien Unterschiede im Nationalcharakter nicht mit biologischen
Unterschieden zu erklären. Diese ließen sich vielmehr eher aus
dem Zusammenspiel von charakterlichen, gesellschaftlichen und ökonomischen
Bedingungen und Ideen deuten.
Eine jede Gesellschaft, so Erich Fromm, schafft sich den Sozial-Charakter,
dessen Bedürfnisse sie befriedigen kann. Eine gewaltige These, an
der man sich sehr reibt. Aber wer mehr von Ihnen von dem Wechselverhältnis
von Charakter, Ideen und politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten
lesen möchte, der wende sich dem Text Die Furcht vor der Freiheit
zu, und ich denke beinahe, die Lecture heute wird sich ein klein wenig
mit diesem Text beschäftigen.
Erich Fromms Arbeitsethos war von den Postulaten der Freiheit,
der geistigen Unabhängigkeit und der Wahrheit geprägt. Seine Wissbegier
galt den Bestandskräften der Demokratie. Und da ist neben der Meinungsfreiheit
zu allererst die Freiheit der Presse zu nennen, denn eine freie, nicht
von der Politik gelenkte, keine der Zensur unterworfene Presse ist das
Fundament einer freiheitlichen Demokratie. Das eingeweihte Ohr hört
den Originaltext des Bundesverfassungsgerichts bei diesem Satz
heraus.
Und, meine Damen und Herren, wir brauchen uns in Europa nur umzuschauen,
um nah und fern Zeugnisse für diese Einsicht zu gewinnen: Selbst die
in den europäischen Verfassungen garantierte richterliche Unabhängigkeit
und Unabhängigkeit steht nur auf dem Papier, wenn nicht eine freie
Presse existiert, die diese Rechte verteidigt.
Sie können den Mut und auch die Akzeptanz eines Verfassungsgerichts
nicht nur in Osteuropa, man kann auch gerne in den Süden schauen,
kann an dieser Akzeptanz und an der Aussagekraft der Entscheidungen der
Verfassungsgerichte sehr gut feststellen, welche Bedeutung die freie Presse
in einem Lande hat, ja ob sie im Grunde genommen überhaupt existiert.
Und da muss ich Heribert Prantl ansprechen, wenn ich sage, und es sind
noch einige andere Herren der Karlsruher Pressekonferenz hier mit dabei,
dass die bittere Kritik, die wir mitunter von Ihnen erfahren haben, immer
von großem Wert auch für das Gericht gewesen ist. Was habe ich
mit den Zähnen geknirscht, als ich Heribert Prantls Kritik der Asylentscheidung
habe lesen müssen. Aber - dies sei betont - diese Kritik, von wem
sie aus dieser juristischen Pressekonferenz auch immer kam, war konstruktiv,
hat uns zum Nachdenken veranlasst. Und eines war wirklich über jeden
Zweifel erhaben: In dem Moment aber, wo die Politik glaubte, das Bundesverfassungsgericht
irgendwo schwächen und beeinträchtigen zu können, ist
Ihre Kritik immer unser Schutzschild gewesen.
Kommen wir noch mal zurück zu Erich Fromm. Erich Fromms theoretisches
Denken zeichnete sich darüber hinaus vor allem dadurch aus, dass es
immer wirklichkeitsbezogen und wirklichkeitsgesättigt gewesen ist.
Wahrheit war für Erich Fromm die wirklichkeitsgerechte Analyse. Darum
eignet er sich, meine ich, gewiss wie kein anderer als Mentor, ja als Vorbild
für faktendurstige und kritikfreudige Journalisten wie wir sie
heute gemeinsam ehren.
Auch in einer freiheitlichen Demokratie, meine Herren, meine
Damen, setzen unbeirrte Wissbegier- und Wahrheitssuche wie kritische
Analyse,
Reportage und der meinungsfreudige Kommentar unerschrockene Journalisten
und Journalistinnen voraus. Und dies gilt insbesondere, wenn
sie, wie unsere beiden Protagonisten, politische und wirtschaftliche
Machtverhältnisse
durchleuchten und vor allem dann, wenn sie Missstände und Lügen
aufdecken. In solchen Situationen entpuppt sich die Kritikverträglichkeit
unserer Politiker und Manager häufig als eine rare Tugend, die unter
den politisch und wirtschaftlich Mächtigen nicht eben breit gestreut
ist.
Erich Fromm war überdies ein Wissenschaftler, der Vernunft mit Leidenschaft
paarte. Sandra Buechler hat es treffend dargelegt. Sie sieht Fromms Integrität
vor allem darin, dass er sich in seinem beruflichen Alltag auch von seinen Überzeugungen
und seiner auf die Menschen bezogenen Humanität, Emotion, leiten lässt.
In diesem humanistischen Ethos können wir eine Parallele in dem Wirken
unser heutigen Preisträger sehen, denn fast alle ihre Texte belegen
ein leidenschaftliches Engagement für die freiheitliche und offene
Demokratie, für den Rechtstaat und den Sozialstaat. Und ich meine,
es spricht auch für die Liberalität der Zeitung, an der Sie beide
arbeiten, dass Sie beide nicht immer unbedingt einer Meinung sind, wenn
ich nur kurz auf das Spannungsverhältnis zwischen individueller
Freiheit und kollektiver Sicherheit hinweisen darf.
Beide erledigen gewissermaßen stellvertretend für uns, oder
verteidigen gewissermaßen stellvertretend für uns, unsere Freiheit.
Durch Kontrolle und Kritik, durch Ihren beharrlichen Kampf für die
Herrschaft der Grundrechte, exerzieren Sie beide, Hans Leyendecker und
Heribert Prantl, vor den Augen Ihrer Leser und Leserinnen Übungen
in Demokratie.
Sie sollen beide sehr herzlich bedankt sein.
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Transkription Annabell Wagner, Redaktion radio-luma.net
Veröffentlichung
dieser Seite am 15. März 2006