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Erich-Fromm-Preis
2006:
Abschrift des Interviews mit Dr. Rainer Funk vom 09. März 2006 am Rande der Verleihung vom Erich-Fromm-Preis 2006 an Hans Leyendecker und Dr. Heribert Prantl im „Weißen Saal“ des Neuen Schlosses in Stuttgart radio-luma: Am 9. März 2006 wurde zum ersten Mal der mit 10.000,- € dotierte Erich-Fromm-Preis vergeben. Die Redakteure Hans Leyendecker und Dr. Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung erhielten die Auszeichnung für ihren gradlinigen, aufklärenden und humanistisch orientierten Journalismus. Dr. Rainer Funk, Psychoanalytiker, Vorsitzender der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft, Nachlaßverwalter vom Erich-Fromm-Archiv und letzter persönlicher Assistent von Erich Fromm im Gespräch mit radio-luma.net: radio-luma: Wo liegt denn die Gemeinsamkeit von Hans Leyendecker, Heribert Prantl und Erich Fromm, Herr Dr. Funk? Dr. Rainer Funk: Die Gemeinsamkeit ist relativ einfach festzumachen an ihrem Engagement für den Menschen, und zwar nicht so, wie die Politiker heute in Deutschland den Menschen im Sinne haben, sondern wirklich den Menschen, der auch hinten runterfällt, der bei dieser globalisierten Welt, in dieser durch neoliberale Steuermechanismen organisierten Welt, ja einfach out ist, zum Verlierer wird und hinten runter fällt. Dass solche Menschen noch eine Chance haben, die Würde, die Bürgerrechte erhalten bleiben. Dafür stehen sie. Das ist diese Art von Humanität und Humanismus. Das ist der gemeinsame Nenner mit Fromm. Es geht nicht darum, dass jemand ausgezeichnet wird, der ein Fromm-Jünger ist, sondern jemand, der aus einer klassischen Grundüberzeugung heraus in seiner beruflichen Tätigkeit dies zu realisieren versucht, was Fromm als Psychologe, als Gesellschaftswissenschaftler getan hat, so diese als vom Recht her kommenden Journalisten. radio-luma: Da erübrigt ja schon die zweite Frage. Ich will sie dennoch stellen: Was genau hat denn die Jury punktuell dazu veranlasst Hans Leyendecker und Heribert Prantl auszuwählen – vorzuschlagen? Dr. Rainer Funk: Also, da gab es eine Reihe von Überlegungen dabei. In erster Linie ihr schon couragiertes Handeln, wo man wirklich sagen kann, die Presselandschaft ist heute derart von einem Mainstreamdenken beim Publizieren bestimmt und da sind sie einfach wohltuende Gegenschwimmer. Oder vielleicht sogar auch in manchen Hinsichten Mahner. Bei Leyendecker besonders eindrucksvoll, dass er nun wirklich auch aufdeckt, wirklich in der Tradition des Aufklärens steht, und das ist auch eine Gemeinsamkeit mit Fromm. Die andere Seite war, der Preis hat von seiner Zwecksetzung her, soll er für Menschen die heute in der Gegenwart diesen Gedanken der Humanität und des Humanismus noch vertreten, in der Öffentlichkeit vertreten. Das ist ein Teil der Zwecksetzung. So dass wir eben auch bei den Preisträgern nach Persönlichkeiten gesucht haben, die eine solche Öffentlichkeitswirksamkeit auch haben. Von dort her Politiker, Journalisten, Wirtschaftskapitäne könnten das auch sein, also überall, wo einfach jemand noch den Mut hat gegen den Mainstream das Wort zu erheben. radio-luma: Hätte es denn auch möglich sein können, dass es nicht so prominente, mit Verlaub „Schreiberlinge“, trifft? Dr. Rainer Funk: Wir hatte ja früher schon einmal einen Internationalen Erich-Fromm-Preis, der in diese Richtung ausgelegt war und nun ist da der Hauptsponsor für diesen Preis gestorben, so dass wir auch überlegen mussten, wollen wir ihn so weiter führen. Und wir haben auf der anderen Seite eben das Angebot bekommen von einem Stifter, diesen Preis vergeben zu können, mit einer relativ hohen Dotierung. Aber da war eben der Gedanke dabei, es sollte jemand sein, der durchaus in der Öffentlichkeit auch bekannt ist. Das heißt nicht, dass nicht auch eine Initiative, eine vielleicht gar nicht so bekannte Gruppierung oder Initiative den Preis bekommen kann. Aber wir dachten natürlich, für den Anfang ist es sicher hilfreich Persönlichkeiten zu wählen für diesen Preis, die in dieser bundesrepublikanischen oder deutschsprachigen Öffentlichkeit schon eine gewisse Bekanntheit haben. Das heißt auch nicht, dass wir nicht vielleicht im nächsten Jahr auch einen Amerikaner oder Italiener auszeichnen. Aber für den Anfang war es uns wichtig solche Personen zu wählen. radio-luma: Erich Fromm und sein Werk wurde und wird als Links bezeichnet, verstanden, möglicherweise immer noch. Ist das denn auch ein Linker Preis? Dr. Rainer Funk: Also das würde ja, wenn man jetzt so da mit Ja und Nein darauf antworten wollte, würde man ja genau in dieses Rechts-Links-Denken gehen. Wir haben ja nun die Erfahrung gemacht, dass es auf dem linken Spektrum genauso, was weiß ich, zum Teil reaktionäre Gedanken geben kann, dogmatische Positionen geben kann wie auf dem rechten Lager, dass das Liberale auch kein Gewähr ist und auch eine Mitte, eine Liberalität die in der Mitte steht, keinerlei Gewähr ist dafür, dass nicht doch einfach man nach den Vorgaben einer nur am Profit orientierten kapitalistischen Industrie politisch handelt oder auch als Journalist tätig ist. Also Fromm hat sich immer zu einem sozialistischen Verständnis des Menschen und seiner Sozialität bekannt. Aber eben zu einem Sozialismus wie er weder in der DDR noch in der Sowjetunion realisiert war. Wie er zum Teil ansatzweise im Prager Frühling sichtbar wurde, wie er in den guten Jahren Titos in Jugoslawien sichtbar war, wie er eben allgemein als die Dritte Kraft zwischen Kapitalismus und Kommunismus verstanden wurde. Fromm selber hat eben von dort her einen humanistischen Sozialismus versucht zu verstärken und sich für ihn einzusetzen. Ob das Links ist? Ich würde es einfach nicht in diese Kategorien bringen. Aber Fromm lebt schon von einer Vorstellung, dass diese gesellschaftlichen Verhältnisse, wie wir sie hier in der Neuzeit und mit wachsendem Kapitalismus ausgeprägt haben, dass diese Gesellschaft eine sehr stark entfremdete Gesellschaft ist, und es braucht alternative Entwürfe gegen diese Übermacht jetzt gerade auch durch diese neoliberale Version des Kapitalismus gerade hier noch mal eine Alternative. Insofern glaube ich auch, dass Fromm eine gewisse Aktualität hat. Die Preisträger glaube ich nicht, dass sie sich in diesem Sinne als Repräsentanten für eine neue Gesellschaftsordnung verstehen. Aber sie sind glaube ich sehr gute, glaubwürdige Repräsentanten, die für jenes, was unverzichtbar und nicht zur Disposition gestellt werden kann in einer Demokratie, dafür eintreten und dafür auch mutig eintreten. radio-luma: Jetzt noch eine Frage zu Erich Fromm und seinem Werk. Seine Bücher sind in einer geschätzten Auflage von 60 Millionen Exemplaren erschienen, in mehrere Sprachen übersetzt. Das Buch „Die Kunst des Liebens“, 1956, sein vielleicht populärster Titel, allein in 7 Millionen. Wie aktuell ist Erich Fromm heute und wo wird Erich Fromm heute am meisten gelesen, diskutiert – studiert? Dr. Rainer Funk: Also das sind zwei verschiedene Fragen. Um vielleicht bei der letzten anzufangen: Es ist auffällig, dass ein richtiger Fromm-Boom immer in jenen Ländern entsteht, die aus einer, die in einer Schwellensituation sind. Also wo die ganze Frage von Demokratie und Freiheit eine entscheidende Frage geworden ist. radio-luma: Können Sie da ein Beispiel geben? Dr. Rainer Funk: Ja. Wir haben zum Beispiel Ende der
Achtziger- Anfang der Neuziger-Jahre ist ein richtiger Fromm-Boom in
Russland, in Polen,
in der Tschechei, in Ungarn entstanden. Der ebbt im Moment etwas
ab. Aber wir haben also auch von nicht so bekannten Werken von Fromms
zum Teil Millionenauflagen
in Russland. Im Moment, wir hatten vor zwanzig Jahren, fünfundzwanzig
Jahren in Japan, dann in Korea einen großen Fromm-Boom und jetzt
ist zu beobachten, dass die arabischen Länder sich auf einmal für
Fromm interessieren. Marokko. Ägypten. Also jene Länder die vielleicht
auch noch am stärksten in einer konstruktiven Auseinandersetzung mit
dem Westen sind und mit westlichem Gedankengut. Dass es dort zu einem
starken Fromm-Interesse kommt. Wir werden eine Tagung in einem Jahr zum
Beispiel
von der Fromm-Gesellschaft in Marokko machen, weil eben von dort
eben das Interesse an Fromm kommt. radio-luma: Herr Dr. Funk, abschließend noch eine Frage: Was wünschen Sie sich als Vorsitzender der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft für die Zukunft der Gesellschaft und den Erich-Fromm-Preis? Dr. Rainer Funk: Na für den Erich-Fromm-Preis natürlich, dass wir auf der einen Seite fähig sein werden, also die finanzielle Ausstattung auch weiterhin bekommen, um diesen Preis vergeben zu können und dass wir auf diese Weise das Denken, das Engagement, den aufrechten Gang, den Erich Fromm selber in seinem Leben auch vorgelebt hat. Das wir Menschen, die dieses in heutiger Zeit sich noch trauen, dass wir solchen Menschen weiterhin den Preis geben können und auf diese Weise auch eine gewisse Wirkung für diesen Gedanken der Humanität auch in Zukunft haben werden. radio-luma: Vielen Dank für das Interview. Moderation: Das Interview mit Dr. Rainer Funk führte Christoph Urbanietz für radio-luma.net am Rande der Verleihung vom Erich-Fromm-Preis am 9. März 2006 im „Weißen Saal“ des Neuen Schlosses in Stuttgart. Weitere
Informationen im Internet: ___________________________________________________ Veröffentlichung dieser Seite am 14. März 2006 |
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