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Erich-Fromm-Preis 2006

Zwei Federn gegen den Abbau von Demokratie und Solidarität

- Laudatio auf die Preisträger von Dr. Rainer Otte -

Foto und Link zur Kurzvita von Hans Leyendecker. Foto: © Süddeutsche Zeitung
Der Erich Fromm-Preis 2006 ging an die Journalisten Hans Leyendecker und Heribert Prantl.

Die erstmals verliehene Auszeichnung würdigt ihr Engagement für Menschenwürde und Gerechtigkeit.
Foto und Link zur Kurzvita von Dr. Heribert Prantl. Foto: © Süddeutsche Zeitung

Fotos: © Süddeutsche Zeitung
_________________________

Laudatio auf die Preisträger

Dr. Rainer Otte

Sehr verehrter Hans Leyendecker und Dr. Heribert Prantl
sehr verehrte Frau Professor Limbach
meine sehr verehrten Damen und Herren.

„Der Durchschnittsleser erlebt die Welt so, wie sie ihm seine Zeitung vermittels großer und kleiner Schriftgrade ordnet. Er teilt – unbewusst – die Erde in Groß- und Kleingedrucktes ein. Und weiß nur selten, dass er der Spielball einer sehr klugen Berechnung ist.“ (Tucholsky 1989, 65) Kurt Tucholsky, der Autor dieser Sätze, wusste nur zu gut, dass die Welt nicht artig still sitzt, bis das Bild im Kasten und der Bericht im Blatt ist. Sie regiert den Zeitungen sehr handfest bis in die Zeilen hinein - nicht immer zum Wohle unabhängiger Journalisten oder objektiver Texte.
Wir lesen bei Tucholsky: „Man könnte den Text jeder Zeitungsnummer ins Wirkliche übersetzen.“ (ebenda, 66) Die Wirklichkeiten der Presse: Das ist heute auch die fürsorgliche Belagerung durch pressure groups, die ihre Sichtweise unterbringen wollen, oder der erhobene Zeigefinger der Quotenwächter. Lancierte Enten gehören zum Geschäft wie journalistische Pick-Künste: Selbst das blinde Huhn findet „seine“ Geschichte - die Andere so fein säuberlich ausgelegt haben, dass man einfach darüber stolpern muss. Sie werden das, meine verehrten Damen und Herren, für eine Übertreibung halten. Bei Hans Leyendecker können Sie die Ergebnisse einer Studie nachlesen, „der zufolge in Deutschland nur zwanzig Prozent der Journalisten ausführliche eigene Recherchen zur Grundlage ihrer Berichterstattung machen.“ (2003, 61) Hans Leyendecker, Aufdecker zahlreicher Affären, gehört mit seinem Bekenntnis: „Ich recherchiere gern“ dieser Minderheit an. (2003, 61)
Pressemitteilungen und Instant-Texte werden in Masse zugeliefert. Verborgene Hände öffnen Journalisten nach Gutsherrenart Türen und machen eben vieles möglich. Ob es da nicht besser wäre, die offene Korruption wieder einzuführen, fragte Tucholsky vor nun schon über achtzig Jahren. Da weiß man, woran man ist. Tucholsky tat das in aller satirischer Freiheit, obwohl einer wie er das direkte Wort nicht scheute. Wie auch Hans Leyendecker und Heribert Prantl nicht. Wer über die Korruption etwas wissen will, tut gut daran, die Artikel und Bücher von Hans Leyendecker zur Hand zu nehmen. Ob er denn Detektiv oder Journalist sei, wurde Hans Leyendecker in einer Talkshow gefragt. Seine Antwort, nachzulesen in einem wunderschönen Buch mit dem verwegenen Titel Ente auf Sendung, war klar: „Ich möchte Vorgänge, die öffentlich nicht zugänglich sind, öffentlich machen. Warum soll ich deshalb kein Journalist sein?“ (2003, 61)
In seinem Buch „Die Korruptionsfalle“ geizt Hans Leyendecker nicht mit kritischen Schlaglichtern auf die eigene Branche: „Unternehmen lassen Wirtschaftsjournalisten Reden für die Hauptversammlungen schreiben. Sie [...] kassieren für den Entwurf Summen von 10 000 Euro und mehr. Dann berichten dieselben Journalisten über die tatsächlich gehaltene Rede. [...] Redaktionelle Beiträge entpuppen sich als pure Werbung. [...] Wer Produkte der Pharmaindustrie in der Yellow Press bejubelt, kann mit fünfstelligen Zusatzhonoraren rechnen.“ (2004a, 172) Nichtmonetäre Schmiermittel bringen so manche Geschichte in Schwung. Die Zugehörigkeit zur großen weiten Welt wird Journalisten mit professionellem Understatement vermittelt. Im Gegenzug wird man da nicht undankbar sein.
Ungefährlich sind diese Spiele nicht. Die Unabhängigkeit von Information und Kritik, die Fairness gegenüber allen Beteiligten oder die Bereitschaft, doch erst einmal der eigenen Nase zu trauen, geraten auf die Verliererseite. Selbst die Vereinigten Staaten von Amerika, ein Land mit beeindruckenden journalistischen Traditionen und Vorbildern – für Hans Leyendecker ist Seymour Hersch der wohl „größte Enthüllungsreporter der Welt –, versanken nach dem 11. September 2001 in eine beängstigende Apathie: „Viele Medien lagen im Tiefschlaf, litten unter einem staatlich verordneten Trauma oder stellten sich gleich freiwillig tot“, liest man in Hans Leyendeckers Buch „Die Lügen des Weißen Hauses. Warum Amerika einen Neuanfang braucht“. (2004b, 8)
Die demokratische Öffentlichkeit, die „vierte Gewalt im Staate“, wurde in atemberaubender Geschwindigkeit politisch beschädigt. Ausländische Journalisten galten nun als Gefahr und mussten sich bei der Einreise peinlichen Befragungen unterziehen. (ebenda, 191) Journalisten, die zu halten gedenken, was der Pressekodex verspricht, sehen sich nicht nur im internationalen Betrieb von einem Klima der Angst umstellt und mit Verdächtigungen und Bespitzelungen konfrontiert. Schon allein dafür, wie Hans Leyendecker und Heribert Prantl mit gesellschaftlich geprägten Ängsten und Illusionen umgehen, verdienen sie die Auszeichnung mit dem Erich Fromm-Preis.
Ich möchte Sie auf überraschende Parallelen hinweisen, die ihre Arbeiten mit dem Werk Erich Fromms verbinden – ohne dass der Name Fromms meines Wissens bei beiden Preisträgern je aufgetaucht wäre. Hans Leyendecker und Heribert Prantl sind couragierte Aufklärer. Skandale werden nicht genüsslich zelebriert, um eine möglichst imposante Strecke erlegten Wildes auszulegen. Man hört, statt Stolz auf die Quote oder den Ruf des erfolgreichen Enthüllungsjournalisten, durchaus besorgte Töne. Denn auf der Strecke bleibt nach jedem aufgedeckten Skandal immer mehr, als einem Demokraten recht sein kann: „Uns kann nichts mehr überraschen; wir machen uns keine Illusionen“, beschreibt Hans Leyendecker die Stimmungslage der lesenden Nation: „Mit bleierner Gelassenheit haben wir [...] immer wieder neue Nachrichten über Korruptionsskandale aufgenommen. Das heißt: Anfangs waren wir schon empört, aber dieses Gefühl hat sich bald abgenutzt.“ (2004a, 9) Der Schaden der Korruption bleibt kein monetärer: Hier wird Vertrauen in Werte und Spielregeln einer offenen Gesellschaft zerschlagen. Die anfängliche Empörung macht lähmender Resignation Platz. Auf der anderen Seite erlebt unsere Zeit die Rückkehr lärmender Ideologien, die heute etwa das Wort „Terror“ mit einem politischen Konzept verwechseln oder die den Rechtsstaat zur Infragestellung dessen verleiten, was ihn ausmacht. (Prantl 2002, 154)
„ Angst ist eine Autobahn für Sicherheitsgesetze“, konstatiert Heribert Prantl. (ebenda, 17) In der „globalen bleiernen Zeit“ rollt die Gesellschaft Igelstacheln aus – nach innen und nach außen. Die hysterische Lust an der Bedrohung ist massenmedial attraktiv. Die Politik scheint unter Zugzwang zu geraten. Westliche Gesellschaften kommen mit atemlos zusammengeschusterten Einschränkungen ihrer Liberalität dem Anliegen der Terroristen geradezu entgegen. „Ihr größter, ihr anhaltender Erfolg“ ist es, das demokratische Denken zu korrumpieren, warnt Heribert Prantl. (ebenda, 19) Im „bleiernen Herbst“ des Jahres 1977 schrieb Fromm, was auch bei Prantl stehen könnte: „Ich glaube, dass in den Methoden der Bekämpfung der Terrorismus eine viel größere Gefährdung der Freiheit in Deutschland liegt, als die Terroristen selbst an Gefahr dargestellt haben.“ (1977h, G.W. XI, 513)
„ Liberalität korrespondiert stets mit Selbstsicherheit”, schreibt Heribert Prantl der Gesellschaft ins Stammbuch. (2002, 17) Sowohl mit der Liberalität als auch mit der Selbstsicherheit steht es nicht zum Besten. Menschen erleben sich als ohnmächtige Zuschauer. „Angst gibt es derzeit zuhauf: Die Menschen fühlen sich wie Waren behandelt. Sie empören sich in ihrer Hilflosigkeit dagegen, dass die Börse mit Kurssprüngen reagiert, wenn [...] Fabriken schließen; sie erleben das internationale Wirtschaftssystem als zynischen Mechanismus, der sie zu Verlierern macht. Es ist wie eine neue Pest: Man weiß nicht recht, woher sie kommt, man weiß nicht, was dagegen zu tun ist, man weiß nur, dass man ihr Opfer ist oder werden kann.“ (2005, 119)
Spätestens hier kann ich mir einen kurzen Abstecher in die Gedankenwelt Fromms nicht versagen. Zu Beginn der Dreißiger Jahre schrieb Fromm mit der Verbindung von Soziologie und Psychoanalyse Wissenschaftsgeschichte. Es gelang ihm, einen verbreiteten Charaktertyp zu identifizieren, den Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, vielleicht nicht unter Fromms Namen kennen. Salopp gesagt geht es um die Radfahrermentalität: Nach oben buckeln, nach unten treten. Wissenschaftlich taufte Fromm diese Entdeckung auf den Namen des „autoritären Charakters“. (1935a, 136; 1936a)
Viele werden diesen autoritären Charakter heute mit Arbeiten von Theodor W. Adorno identifizieren, was durchaus auch an der Freizügigkeit liegt, mit der Adorno Ansätze Fromms im Institut für Sozialforschung unter eigenem Namen fortgeführt hat. (Adorno 1995) Adornos Eloquenz verdanken wir Bonmots, die frühe Einsichten Fromms bündeln: Im Zwanzigsten Jahrhundert sei Selbstbewusstsein gar „ein Innewerden der Ohnmacht: wissen, dass man nichts ist.“ (Adorno 1982, 57) So schwarz sah es Fromm, der Humanist, nie. Schwarzsehen galt ihm als Einverständnis mit dem Schlechten. Solche Analysen verringern Resignation und das Gefühl der Ohnmacht nicht, sie fördern sie.
Kehren wir von Adornos überspitzter Pointe zur ungemütlichen Realität zurück, die Fromm, der Barbarei des Dritten Reiches noch rechtzeitig entkommen, in einem Essay des Jahres 1937 analysierte. Nicht nur die Neurosen einzelner Patienten blühten im Zeichen der Ohnmacht. Massenarbeitslosigkeit und Kriegsgetrommel erschienen den vielen ohnmächtigen Einzelnen wie der unabänderliche Beschluss eines undurchschaubaren Schicksals. Man flüchtete in leere Geschäftigkeit und alle möglichen Formen der Betäubung. Andere versuchten, sich eine bessere Laune zu kaufen. Die radikalisierte Antwort auf Ohnmacht und Angst machte Fromm in den fatalen Strebungen aus, sich bei großen Führerpersönlichkeiten unterzustellen und in deren „Bewegungen“ aufzugehen, um endlich wieder jemand zu sein. Aus Opfern wurden Täter, die nicht begreifen konnten oder wollten, dass sie nur noch schlimmer in den Morast geraten. (Fromm 1937a. I, 189-206)
Mit seiner „Analytischen Sozialpsychologie“ gelang es Fromm, den Wandel von Charaktertypen herauszustellen. So zeichnete sich eine untergründig wirksame Dynamik des Zwanzigsten Jahrhunderts ab: Fromms Analysen des Marketing-Charakters oder des nekrophilen Charakters belegen, wie eng die Erfordernisse der modernen Arbeits- und Lebenswelten mit der Ausbildung unbewusster Orientierungen verbunden sind. Im Marketing-Charakter wird der Mensch zum Verkäufer seiner selbst nach dem Motto: Ich bin so, wie ihr mich braucht. Ihm fällt nicht eigenes ein. Er konfektioniert sich für die Bedürfnisse der anderen.
Die unglücklichen Charakterausprägungen haben einen gemeinsamen Nenner: die Passivität. Selbst bei überbeschäftigten Hektikern diagnostizierte Fromm diese Passivität in der Funkstille eigener Gedanken und Gefühle. Wer selber nichts mit sich und mit seinen lebendigen Kräften anzufangen weiß und aus seinen Beziehungen nichts zu machen versteht, der läuft Gefahr, von außen gesteuert zu werden. Ohnmacht und Passivität sind Gift für die Charakterentwicklung des Einzelnen und eine schwere Hypothek für die Demokratie. Sie braucht Integration und Beteiligung. Ihre Leitwerte sind ein Leben in Würde für jeden und nicht wortreich larviertes Desinteresse. Demokratie lebt von praktizierter Solidarität und nicht von geizig berechnender Kälte, sie braucht Gerechtigkeit ohne neidisches Hauen und Stechen um knappe Mittel. Ohnmacht hingegen gestaltet keine Wirklichkeiten, die anspruchsvolle Ziele einlösen und für die Menschen ihre Kräfte einsetzen, ja sogar neu entdecken. Tun sie das, dann verlassen sie den Bannkreis ihrer Passivität.
Was führt heraus aus der Falle der Ohnmacht? Man könnte mit Erich Fromm die vielleicht lächerlich einfach klingenden Antworten geben: Wirkliche Veränderung statt der üblichen Placebos! Die Realität erkennen statt aufgeblasener Illusionen! Entdecken, welche anspruchsvollen Kräfte und Möglichkeiten im Menschen existieren statt halbherziger Surrogate wie Fitness im Laufrad und Wellness im Bauch! Was könnte das Leben sein, wenn wir wirklich etwas daraus machen würden? Die Voraussetzung dafür wäre, Illusionen als solche zu erkennen. Der Psychoanalytiker denkt an die, die sich der Einzelne als Krücken eines unbefriedigenden Lebens macht. Der Soziologe wird auf kollektive Illusionsfabrikate verweisen, von den Parallelwelten neuer Medien bis zu den schönen neuen Welten des Konsums. Erich Fromm sah, dass beide Seiten in den Charakterstrukturen eng verknüpft sind. Er empfahl, sich nicht damit zu begnügen, Selbsttäuschungen auf die Schliche zu kommen, die Welt aber einfach Welt sein zu lassen. In seinem Spätwerk „Haben oder Sein?“ lesen wir: „Um zu echten Überzeugungen zu gelangen, bedarf es zweier Voraussetzungen: adäquate Information und das Bewusstsein, dass die eigene Entscheidung wirkmächtig ist. Die Meinungen des machtlosen Zuschauers [...] sind so unverbindlich und trivial wie die Bevorzugung einer Zigarettenmarke.“ (Fromm 1976a, 408)
Damit sind wir punktgenau bei den luziden Beiträgen unserer verehrten Preisträger gelandet. Hans Leyendecker fühlt sich in Falle des US-amerikanischen Lagers Guantanamo „an das „Neusprech“ in George Orwells Roman „1984“ erinnert, die Begriffe bekommen eine andere Bedeutung: Man hört Gerechtigkeit und sieht unkontrollierte Militärjustiz, man hört Verhör und muss Folter befürchten.“ (2004b, 179) Schleichende Umetikettierungen sind auch hierzulande auf dem Vormarsch, wie man von Heribert Prantl lernen kann. In den Debatten um das Asylrecht Mitte der neunziger Jahre wurde Humanität zum Schimpfwort (1996, 37). Der Datenschutz bekommt das zweifelhafte Image, Anliegen unanständiger Leute zu sein, die bestimmt etwas zu verbergen haben (2002, 54). Parolen, nicht Argumente florieren: „Weg mit dem liberalen Zeug! Überall zu viel Nachsicht, zu viel Milde, zu viel Mitleid, zu viele Skrupel! Die Schrauben müssen wieder angezogen werden!“ (2002, 96)
Aggressive Unduldsamkeit wird zum Stil: „Zehn Jahre lang hat die Politik Deutschland zum bloßen Standort kleingeredet“, attestiert Prantl. (2005, 11) Er sagt klar, wer die Zeche bezahlt: „Ein Land, das sich primär als Industriestandort definiert, braucht Menschen, die funktionieren. Funktionieren sie nicht so, wie der Markt es gerade für notwendig hält, sind sie Missbraucher.“ (ebenda, 96) So wird eifrig gestrickt, was Fromm den „Konsens der Dummheit“ nannte. (1962a, 156) Dieser Konsens der Dummheit ist ein probates Mittel, damit Menschen die Wirklichkeit nicht sehen. Illusionen rühren keinesfalls daher, dass Menschen mit der Erkenntnis der Wirklichkeit überfordert wären oder dass sie konstitutionell unfähig sind, auf diese menschlich zu antworten.
Man kann wirklich klüger werden. Es stimmt nicht, dass kein politischer Kompass mehr funktioniert. Heribert Prantl, der vor seinem Leben als Journalist Staatsanwalt und Richter war und heute ein engagierter Vertreter des Rechtsstaats ist, fragt seine Leser nach den kritischen Besichtigungstouren durch unsere gesellschaftlichen Realitäten: „Wo sind die Gegenkräfte?“ Die Demokratie braucht sie nötiger denn je. Zivilcourage ist ein Leitstern. Aufrechter Gang ihr Kennzeichen. Ziviler Ungehorsam kann ihr Weg sein. Auf keinen Fall aber eine Neuauflage eines unheilvollen Zuges deutscher Mentalität: „Nur in großer Gefahr, nur im Ausnahmezustand, werden angeblich die notwendigen Kräfte geweckt [...]. Anders gesagt: [...] Man braucht den Ausnahmezustand, früher hieß das Stahlgewitter [...]“ (2005, 104) Manchmal klingt das, was der Demokratie Grund und Schwung verleiht, nicht nach der neuesten Mode. Hans Leyendecker pocht in seinem Buch über Korruption darauf, dass institutionelle Malaisen aufgeklärt gehören. Nicht minder wichtig sei die Stärkung von Redlichkeit und Ehrgefühl, für den Autor keinesfalls altmodischen Begriffe (2002, 305): „Das fehlende Unrechtsbewusstsein [...] ist bedenklicher als irgendein spektakulärer Einzelfall.“( ebenda, 16)
Hans Leyendecker und Heribert Prantl haben die Welt nicht schön- noch schlechtgeredet; ihre Publikationen können und sollen durchaus den Schlaf rauben. Sie geben aktuellen Vorgängen ein Gesicht und befreien das politische Geschehen im In- und Ausland aus der Anonymität. In aller Sorgfalt und Kritik zeigen sie Fakten – und dass nicht angeblich unumstößliche Tatsachen, sondern demokratische Meinungsbildung und Entscheidungsfindung den Lauf der Dinge zu regeln haben. Sie sprechen Einladungen an die Leser aus, zu denken, sich zu beteiligen, die passive Rolle des bloßen Zuschauers oder Schlagwort-gesättigten Mitläufers als gefährlich für die Demokratie zu begreifen. Der hintersinnige Satz Tucholskys steht plötzlich in einem anderen Licht da. „Man könnte den Text jeder Zeitungsnummer ins Wirkliche übersetzen“: In diesem Falle wäre es ein Gewinn für den Einzelnen und für die Tugenden in einer demokratischen Gesellschaft.

Veröffentlichung dieser Seite am 10. März 2006