Begrüßung
anlässlich der Theodor Heuss Gedächtnisvorlesung
mit Professor Dr. Gesine Schwan, von Prof. Dr. Dieter Ritsch, Rektor
an der Universität Stuttgart
- Es gilt das gesprochene Wort -
Sehr verehrte Frau Kollegin Schwan,
Liebe, verehrte Mitglieder der Familie Heuss,
sehr verehrte Frau Müller-Trimbusch,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
im Namen des Rektorats der Universität Stuttgart heiße
ich Sie herzlich zur Theodor-Heuss-Gedächtnisvorlesung willkommen.
Mit besonderer Freude und Stolz erfüllt es uns, dass wir Gastgeber
dieser Veranstaltungsreihe sind und gemeinsam mit der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus
diese Vorlesung jährlich ausrichten.
Wir wollen mit ihr das Andenken des ersten Bundespräsidenten
Deutschlands pflegen, dessen Todestag sich heute jährt.
Die Universität Stuttgart hat seinerzeit die Anregung der Stiftung
Bundespräsident Theodor-Heuss-Haus, die Gedenkvorlesung hier
abzuhalten, mit großer Freude aufgegriffen. Die erste dieser
Vorlesungen fand dann im Jahr 1997 statt.
Einerseits liegt eine solche Entscheidung ja nahe.
Wie Sie wissen, waren die Beziehungen von Theodor Heuss zur Universität
Stuttgart und zum Land Baden-Württemberg vielfältig. Im
Amt des Kultusministers des Landes Württemberg-Baden war Theodor
Heuss im Jahre 1945 unter anderem für den Wiederaufbau der Stuttgarter
Universität zuständig. Und bei unserer Wiedereröffnung
1946 sprach er als Festredner. 1948 wurde Theodor Heuss – der
Gründungsvater des Grundgesetzes – zum Honorarprofessor
für politische Wissenschaften der Technischen Hochschule Stuttgart
ernannt, und 1954 verlieh ihm unsere Hochschule die Ehrendoktorwürde.
Andererseits mag es zunächst ein wenig überraschen,
dass die Gedenkvorlesung gerade hier abgehalten wird.
Die Universität Stuttgart ist technisch und naturwissenschaftlich
orientiert und hat in diesen Gebieten ihre Kernkompetenzen. Kernkompetenzen,
die nicht zu den Kernkompetenzen von Theodor Heuss gehörten.
Er hat zwar über den Weinbau promoviert, aber das lässt
eher an unsere Nachbaruniversität Hohenheim denken.
Gleichwohl ist die Gedenkvorlesung hier an einem richtigen Platz.
Unsere Universität hat einen für eine technische Universität
relativ groß ausgebauten und erfolgreichen geistes- und sozialwissenschaftlichen
Bereich, der unser Profil wesentlich mitgestaltet. Die Universität
Stuttgart ist eine kulturelle Institution dieser Stadt und der Region
und hat deshalb die Aufgabe, über ihre Grenzen hinaus zu wirken.
Dafür braucht sie die Geisteswissenschaften. Innerhalb der Universität
gilt, dass die konstruierende Vernunft der Ingenieure die Welt und
die Gesellschaft mit bedenken muss, in der sie konstruiert und die
sie konstruierend gestaltet und verändert. Das kann die technische
Vernunft allein nicht leisten. Sie bedarf der Orientierungswissenschaften.
Theodor Heuss kann für ein solches Programm ein Vorbild sein.
Er verfügte über die Kunst der öffentlichen Rede, über
eine Kunst, die ihm nie gekünsteltes Spiel mit schönen
Worten war, sondern die dazu diente, wesentliche Inhalte zu vermitteln.
Seine großen historisch-politischen Vorträge haben Öffentlichkeit
und Allgemeinheit erreicht, weil sie Fragen von allgemeiner Bedeutung
behandelt haben, und zugleich haben sie den Wissensansprüchen
der Fachleute genügt. Das muss auch so sein, weil sonst die
Rede vom Allgemeinen nur allgemeines Gerede ist.
In dieser Tradition stehen die Gedenkvorlesungen,
die an dieser Universität von namhaften Persönlichkeiten des öffentlichen
Lebens gehalten wurden. Es ist mir eine besondere Ehre, heute Frau
Professor Schwan begrüßen zu dürfen, mit der die
Tradition in würdigster Weise fortgesetzt wird. Vereint sie
doch in überzeugender Weise die Kunst der Rede mit der wissenschaftlichen
Kompetenz und der politischen Wirksamkeit.
Selbstverständlich freue ich mich besonders, eine Amtskollegin,
die Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt
an der Oder, begrüßen zu dürfen. Sie weiß,
was für ein schwierige politische Aufgabe eine Universitätspräsidentin
oder auch ein Rektor hat, die im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft
und Finanzministerium die widerstreitenden und selbstverständlich
immer völlig berechtigen Einzelinteressen in einer Universität
ausgleichen und zu einem gemeinsamen Ziel führen muss.
Verehrte Frau Kollegin, Sie werden mir zustimmen,
dass diese Aufgabe nicht weniger kompliziert ist als die Aufgaben,
die sich in glänzenderen
politischen Ämtern stellen.
Doch soll davon heute nicht weiter die Rede sein.
Frau Professor Schwan spricht über Politik und Vertrauen – über
ein großes Thema also. Dafür hat sie die Kompetenz der
prominenten Politikwissenschaftlerin. Ihr Studium führte sie
nach Berlin und Freiburg und zu Studienaufenthalten nach Warschau
und Krakau. Seit 1977 lehrte und forschte sie als Professorin für
Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Während
dieser Zeit säumten Gastprofessuren an namhaften amerikanischen
Universitäten und in Cambridge ihren Weg. Frau Schwans Schwerpunkte
sind die politische Theorie und die Philosophie, darüber hat
sie auch bekannte Monographien publiziert. Seit dem 1. Oktober 1999
ist sie Präsidentin der Viadrina.
So wie es die Ingenieure in die Industrie und
die Literaturwissenschaftler zum Dichten zieht, so zieht es die
Politologen in die Politik. Frau
Kollegin Schwan ist es nicht anders ergangen. Unter dem Eindruck
der Studentenbewegung hat sie sich der SPD angeschlossen. Dass sie
in einer Vorlesung zum Gedenken an Theodor Heuss spricht, ist ein
Zeichen für die Liberalität des Geistes und der öffentlichen
intellektuellen Diskussion, die über die Parteigrenzen hinweg
reicht. Als Theoretikerin war die Grundwertekommission der SPD für
sie das gegebene Wirkungsfeld, bis sie wegen ihres Eintretens für
den NATO-Doppelbeschluss und gegen den laxen Umgang mit kommunistischen
Diktaturen aus diesem Gremium ausscheiden musste. Erst zwölf
Jahre später wurde sie wieder aufgenommen – man hatte
wohl eingesehen, dass sie damals so unrecht nicht hatte. Wenn Frau
Schwan über Politik und Vertrauen spricht, dann spricht sie
auch aus eigener Erfahrung.
Weithin bekannt wurde Frau Schwan durch ihre
Kandidatur für
das Amt des Bundespräsidenten im Jahre 2004. Ihre rhetorische
Befähigung, die Klarheit ihrer Positionen und ihre Offenheit
für Andersdenkende haben ihr damals allgemeine Achtung eingebracht,
so dass sie mindestens zehn Stimmen aus dem Lager von CDU und FDP
gewinnen konnte. Auch dies gehört zum Kapitel Politik und Vertrauen.
Wenn von Politik und Vertrauen die Rede ist,
so denken alle von uns wohl an das bekannte und gern zitierte Wort
von Lenin „Vertrauen
ist gut, Kontrolle ist besser“.
Das Diktum kommt aus der Tradition einer Aufklärung, die Vertrauen
für irrational hält und deshalb Transparenz aller politischen
Prozesse fordert, damit ein jeder seine eigene Vernunft gebrauchen
und die Legitimität und Vernünftigkeit dessen nachprüfen
kann, was da über ihn beschlossen wird. Die westlichen Demokratien
haben deshalb – anders als die Staatsform, die Lenin begründet
hat – in ihrer Struktur eine kräftige Portion Misstrauen,
weil sie Macht begrenzen und nur auf Zeit übertragen.
Andererseits lehrt uns die Soziologie, was sich ohnehin jeder denken
kann, nämlich dass in einer unüberschaubaren Welt keiner
so viele Informationen sammeln und Durchblick gewinnen kann, dass
er alles oder auch nur das Wichtige überprüfen kann. Die
soziale Ordnung ist also auf Vertrauen angewiesen. „Vertrauen
als Komplexitätsreduzierung“ heißt das, wenn ich
richtig informiert bin.
Wir alle können lesen, dass die Politik in einer Krise sei,
weil das Vertrauen in die Politiker geschwunden ist – zumindest
wenn man den Umfragen glaubt. Sie, verehrte Frau Schwan, wollten
es sich als Bundespräsidentin auch zur Aufgabe machen, wieder
mehr Vertrauen zu schaffen. Mich beschleicht dabei ein leiser Zweifel.
Vertrauen ist einfach da, wenn es da ist. Wer es schaffen, herbeireden
möchte, gerät in Gefahr Misstrauen zu schaffen, weil das
erkennbare Machen von Vertrauen misstrauisch machen kann.
Ich widerstehe gern der Versuchung, mich weiter
auf dieses Thema einzulassen. Sie, verehrte Frau Schwan, werden
dazu viel Gründlicheres
und Neues zu sagen haben.
Es bleibt mir also, Ihnen, meine Damen und Herren,
und mir einen spannenden und interessanten Abend zu wünschen, und übergebe
das Wort Frau an Frau Bürgermeisterin Müller-Trimbusch
Bitte sehr.