Logo www.o-ton.radio-luma.net und Link zur Startseite. Das Logo zeigt drei Piktogramme. Dies sind urprünglich Gebotsschilder der Berufgenossenschaften für Augenschutz, Ohrenschutz sowie Staub- bzw. Atemschutz. Diese kreisrunden Gebotsschilder sind zu einem vereint montiert. Dies ist als ironische Anspielung auf die drei Affen: Ich sehe nichts - Ich höre nichts - Ich sage nichts, zu verstehen.

Das offene Archiv mit
originalen Tondokumenten vom
UNABHÄNGIGEN MEDIENDIENST
FÜR EINE NEUE SACHLICHKEIT
IN DER GESELLSCHAFT


 
 
 
 

:: Startseite

:: Presse-
konferenzen

:: Diskussionen

:: Vorträge

:: Interviews

::Tagungen/
Kongresse

:: Preis-
verleihungen

:: Tipps zum
Hören

:: Nutzungs-
bedingungen

Link zur Erklärung vom Logo: www.radio-luma.net ABSOLUT werbefrei

 

.. zum Seitenende

Theodor-Heuss-Gedächtnis-Vorlesung 2005:
"Politik und Vertrauen"
Prof. Dr. Gesine Schwan
am 12. Dezember 2005 in der Universität Stuttgart

Eine Veranstaltungsreihe der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus
in Kooperation mit der Universität Stuttgart

Begrüßung anlässlich der Theodor Heuss Gedächtnisvorlesung mit Professor Dr. Gesine Schwan, von Prof. Dr. Dieter Ritsch, Rektor an der Universität Stuttgart

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr verehrte Frau Kollegin Schwan,
Liebe, verehrte Mitglieder der Familie Heuss,
sehr verehrte Frau Müller-Trimbusch,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

im Namen des Rektorats der Universität Stuttgart heiße ich Sie herzlich zur Theodor-Heuss-Gedächtnisvorlesung willkommen. Mit besonderer Freude und Stolz erfüllt es uns, dass wir Gastgeber dieser Veranstaltungsreihe sind und gemeinsam mit der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus diese Vorlesung jährlich ausrichten.
Wir wollen mit ihr das Andenken des ersten Bundespräsidenten Deutschlands pflegen, dessen Todestag sich heute jährt.

Die Universität Stuttgart hat seinerzeit die Anregung der Stiftung Bundespräsident Theodor-Heuss-Haus, die Gedenkvorlesung hier abzuhalten, mit großer Freude aufgegriffen. Die erste dieser Vorlesungen fand dann im Jahr 1997 statt.
Einerseits liegt eine solche Entscheidung ja nahe.
Wie Sie wissen, waren die Beziehungen von Theodor Heuss zur Universität Stuttgart und zum Land Baden-Württemberg vielfältig. Im Amt des Kultusministers des Landes Württemberg-Baden war Theodor Heuss im Jahre 1945 unter anderem für den Wiederaufbau der Stuttgarter Universität zuständig. Und bei unserer Wiedereröffnung 1946 sprach er als Festredner. 1948 wurde Theodor Heuss – der Gründungsvater des Grundgesetzes – zum Honorarprofessor für politische Wissenschaften der Technischen Hochschule Stuttgart ernannt, und 1954 verlieh ihm unsere Hochschule die Ehrendoktorwürde.

Andererseits mag es zunächst ein wenig überraschen, dass die Gedenkvorlesung gerade hier abgehalten wird.
Die Universität Stuttgart ist technisch und naturwissenschaftlich orientiert und hat in diesen Gebieten ihre Kernkompetenzen. Kernkompetenzen, die nicht zu den Kernkompetenzen von Theodor Heuss gehörten. Er hat zwar über den Weinbau promoviert, aber das lässt eher an unsere Nachbaruniversität Hohenheim denken.
Gleichwohl ist die Gedenkvorlesung hier an einem richtigen Platz.
Unsere Universität hat einen für eine technische Universität relativ groß ausgebauten und erfolgreichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich, der unser Profil wesentlich mitgestaltet. Die Universität Stuttgart ist eine kulturelle Institution dieser Stadt und der Region und hat deshalb die Aufgabe, über ihre Grenzen hinaus zu wirken. Dafür braucht sie die Geisteswissenschaften. Innerhalb der Universität gilt, dass die konstruierende Vernunft der Ingenieure die Welt und die Gesellschaft mit bedenken muss, in der sie konstruiert und die sie konstruierend gestaltet und verändert. Das kann die technische Vernunft allein nicht leisten. Sie bedarf der Orientierungswissenschaften.

Theodor Heuss kann für ein solches Programm ein Vorbild sein. Er verfügte über die Kunst der öffentlichen Rede, über eine Kunst, die ihm nie gekünsteltes Spiel mit schönen Worten war, sondern die dazu diente, wesentliche Inhalte zu vermitteln. Seine großen historisch-politischen Vorträge haben Öffentlichkeit und Allgemeinheit erreicht, weil sie Fragen von allgemeiner Bedeutung behandelt haben, und zugleich haben sie den Wissensansprüchen der Fachleute genügt. Das muss auch so sein, weil sonst die Rede vom Allgemeinen nur allgemeines Gerede ist.

In dieser Tradition stehen die Gedenkvorlesungen, die an dieser Universität von namhaften Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gehalten wurden. Es ist mir eine besondere Ehre, heute Frau Professor Schwan begrüßen zu dürfen, mit der die Tradition in würdigster Weise fortgesetzt wird. Vereint sie doch in überzeugender Weise die Kunst der Rede mit der wissenschaftlichen Kompetenz und der politischen Wirksamkeit.

Selbstverständlich freue ich mich besonders, eine Amtskollegin, die Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, begrüßen zu dürfen. Sie weiß, was für ein schwierige politische Aufgabe eine Universitätspräsidentin oder auch ein Rektor hat, die im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft und Finanzministerium die widerstreitenden und selbstverständlich immer völlig berechtigen Einzelinteressen in einer Universität ausgleichen und zu einem gemeinsamen Ziel führen muss.

Verehrte Frau Kollegin, Sie werden mir zustimmen, dass diese Aufgabe nicht weniger kompliziert ist als die Aufgaben, die sich in glänzenderen politischen Ämtern stellen.

Doch soll davon heute nicht weiter die Rede sein.

Frau Professor Schwan spricht über Politik und Vertrauen – über ein großes Thema also. Dafür hat sie die Kompetenz der prominenten Politikwissenschaftlerin. Ihr Studium führte sie nach Berlin und Freiburg und zu Studienaufenthalten nach Warschau und Krakau. Seit 1977 lehrte und forschte sie als Professorin für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Während dieser Zeit säumten Gastprofessuren an namhaften amerikanischen Universitäten und in Cambridge ihren Weg. Frau Schwans Schwerpunkte sind die politische Theorie und die Philosophie, darüber hat sie auch bekannte Monographien publiziert. Seit dem 1. Oktober 1999 ist sie Präsidentin der Viadrina.

So wie es die Ingenieure in die Industrie und die Literaturwissenschaftler zum Dichten zieht, so zieht es die Politologen in die Politik. Frau Kollegin Schwan ist es nicht anders ergangen. Unter dem Eindruck der Studentenbewegung hat sie sich der SPD angeschlossen. Dass sie in einer Vorlesung zum Gedenken an Theodor Heuss spricht, ist ein Zeichen für die Liberalität des Geistes und der öffentlichen intellektuellen Diskussion, die über die Parteigrenzen hinweg reicht. Als Theoretikerin war die Grundwertekommission der SPD für sie das gegebene Wirkungsfeld, bis sie wegen ihres Eintretens für den NATO-Doppelbeschluss und gegen den laxen Umgang mit kommunistischen Diktaturen aus diesem Gremium ausscheiden musste. Erst zwölf Jahre später wurde sie wieder aufgenommen – man hatte wohl eingesehen, dass sie damals so unrecht nicht hatte. Wenn Frau Schwan über Politik und Vertrauen spricht, dann spricht sie auch aus eigener Erfahrung.

Weithin bekannt wurde Frau Schwan durch ihre Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten im Jahre 2004. Ihre rhetorische Befähigung, die Klarheit ihrer Positionen und ihre Offenheit für Andersdenkende haben ihr damals allgemeine Achtung eingebracht, so dass sie mindestens zehn Stimmen aus dem Lager von CDU und FDP gewinnen konnte. Auch dies gehört zum Kapitel Politik und Vertrauen.

Wenn von Politik und Vertrauen die Rede ist, so denken alle von uns wohl an das bekannte und gern zitierte Wort von Lenin „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“.
Das Diktum kommt aus der Tradition einer Aufklärung, die Vertrauen für irrational hält und deshalb Transparenz aller politischen Prozesse fordert, damit ein jeder seine eigene Vernunft gebrauchen und die Legitimität und Vernünftigkeit dessen nachprüfen kann, was da über ihn beschlossen wird. Die westlichen Demokratien haben deshalb – anders als die Staatsform, die Lenin begründet hat – in ihrer Struktur eine kräftige Portion Misstrauen, weil sie Macht begrenzen und nur auf Zeit übertragen.
Andererseits lehrt uns die Soziologie, was sich ohnehin jeder denken kann, nämlich dass in einer unüberschaubaren Welt keiner so viele Informationen sammeln und Durchblick gewinnen kann, dass er alles oder auch nur das Wichtige überprüfen kann. Die soziale Ordnung ist also auf Vertrauen angewiesen. „Vertrauen als Komplexitätsreduzierung“ heißt das, wenn ich richtig informiert bin.

Wir alle können lesen, dass die Politik in einer Krise sei, weil das Vertrauen in die Politiker geschwunden ist – zumindest wenn man den Umfragen glaubt. Sie, verehrte Frau Schwan, wollten es sich als Bundespräsidentin auch zur Aufgabe machen, wieder mehr Vertrauen zu schaffen. Mich beschleicht dabei ein leiser Zweifel. Vertrauen ist einfach da, wenn es da ist. Wer es schaffen, herbeireden möchte, gerät in Gefahr Misstrauen zu schaffen, weil das erkennbare Machen von Vertrauen misstrauisch machen kann.

Ich widerstehe gern der Versuchung, mich weiter auf dieses Thema einzulassen. Sie, verehrte Frau Schwan, werden dazu viel Gründlicheres und Neues zu sagen haben.

Es bleibt mir also, Ihnen, meine Damen und Herren, und mir einen spannenden und interessanten Abend zu wünschen, und übergebe das Wort Frau an Frau Bürgermeisterin Müller-Trimbusch

Bitte sehr.