Grußwort
von der Bürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch
- Es gilt das gesprochene Wort -
Sehr geehrte Frau Professor Schwan,
Magnifizenz,
liebe Familie Heuss,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
das Reden über Vertrauen ist in der Öffentlichkeit allgegenwärtig.
Unternehmer, Währungshüter, Werbestrategen, Politiker – sie
alle bitten um Vertrauen für die Zukunft. Reflexhaft tritt diese
Vertrauenswerbung jedoch immer dann auf, wenn Vertrauen verspielt
wurde, sei es – aus aktuellem Anlaß – bei der Fleischindustrie,
bei Energieunternehmen oder – quasi als Dauerbrenner – bei
der politischen Klasse. So diskutierte vor einer Woche der CDU-Vorstand über
die Gründe für das unerwartet schlechte Wahlergebnis der
vergangenen Bundestagswahl und diagnostizierte einen Vertrauensverlust.
Die Menschen hätten, so die Parteivorsitzende Angela Merkel,
das Vertrauen in die Gestaltungsfähigkeit der Politik verloren.
Zu oft, auch schon in den neunziger Jahren, habe man Erwartungen
in der Bevölkerung geweckt, die nicht erfüllt worden seien.
Diese Selbstkritik offenbart einen Befund, der
freilich kein neues Phänomen beschreibt und generell in westlichen parlamentarischen
Demokratien zu beobachten ist. Doch das Ausmaß des Vertrauensverlustes
gegenüber der Gestaltungskraft von Politik nimmt seit den sechziger
Jahren deutlich zu. Der „Projektbericht Perspektive Deutschland“ konstatiert,
daß 2002 nur noch 3 % der Befragten „hohes Vertrauen“ in
die politischen Parteien setzen. Vom Vertrauensverlust über
wohlfeile Parteienschelte bis hin zur Parlamentarismuskritik ist
es dann schließlich kein weiter Weg mehr, wenn Inkompetenz,
Skandale, Rechtsverstöße und unglaubwürdiges Verhalten
das Bild des Politikers in der öffentlichen Wahrnehmung bestimmen.
Diese fortschreitende Enttäuschung von Vertrauen in politische
Repräsentanten stimmt nachdenklich, denn Vertrauen ist zunächst
ein grundlegender Bestandteil des menschlichen Zusammenlebens. Ohne
uneingeschränktes Vertrauen in seine Eltern kann sich das Kind
in einer unübersichtlichen Welt nicht zurechtfinden. Vertrauen
ist der soziale Kitt, der Bindungen schafft und zukunftsgerichtetes
Handeln in der Gesellschaft erst ermöglicht. Und je stärker
Vertrauen zwischenmenschliche Beziehungen prägt, um so mehr
kann sich Freiheit entfalten und sind Zwangsmaßnahmen entbehrlich.
Doch jeder Vertrauende geht auch ein Wagnis
ein, weil er nicht wissen kann, ob seine Mitmenschen sein Vertrauen
erwidern werden. Er erbringt
eine riskante Vorleistung, die jedoch in einer komplexer werdenden
Risikogesellschaft unentbehrlich ist. Vertrauen muß Wissen über
andere Menschen und über immer schwierigere Zusammenhänge
ersetzen, die der Einzelnen kaum noch durchschaut. Vertrauen gibt
Sicherheit im Handeln, macht aber auch verwundbar. Dies gilt vor
allem dann, wenn sich Vertrauen auf überzogene Erwartungshaltungen
stützt und somit enttäuscht wird.
Der Faktor der Unsicherheit über das Verhalten anderer, der
das Vertrauen begleitet, ist nun vor allem für die Politik in
Rechnung zu stellen. Demokratische Institutionen benötigen das
Vertrauen des Bürgers, das sich in Wahlen quasi als Vorleistung
kundtut. Doch verlangt dieses Risiko des vorauseilenden, naiven Vertrauens
nicht auch ein gehöriges Maß an Mißtrauen, das für
den Falle des Vertrauensbruchs Sanktionen androht? Müssen nicht
Kontrollmechanismen allzu großer Vertrauensseeligkeit vorbeugen,
so wie es unsere Verfassung in Form von Grundrechten, Gewaltenteilung,
Gerichten, Gesetzen und unabhängigen Medien vorsieht? Ist nicht
jeder einzelne Bürger vielmehr dazu aufgerufen, sein unbestreitbar
notwendiges Vertrauen in die Kompetenz des Politikers mit kritischer,
auch selbstkritischer Reflexion aufzufüllen? Und gehört
nicht zur Mündigkeit des Bürgers eine gute Portion Mißtrauen,
das realitätsbewußt Irrtümer und Enttäuschungen
als Ausdruck einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft miteinkalkuliert?
Erschüttertes Vertrauen in Politik müßte dann nicht
mehr zur Fundamentalkritik am Parteiensystem oder an der parlamentarischen
Demokratie führen.
Halten wir es also, wie soeben von Herrn Professor
Fritsch zitiert, mit Lenin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“?
Doch mit diesem Wegbereiter des totalitären Überwachungsstaates
sehen wir freilich die Kehrseite eines entgrenzten Mißtrauens.
Für ein freiheitsverbürgendes Verhältnis zwischen
Vertrauen und Mißtrauen könnte vielleicht Theodor Heuss
Gewährsmann sein, dem dieser Abend gewidmet ist. Nach den Erfahrungen
mit der gescheiterten Weimarer Republik standen für ihn bei
den Beratungen des Grundgesetzes Kontrollinstrumente im Vordergrund,
die stabile demokratische Verhältnisse gewährleisten sollten.
Demokratie war für ihn „Herrschaftsauftrag auf Frist“,
also auch kündbar durch Vertrauensentzug. Ein geschichtsbewußtes
Mißtrauen in politische Institutionen, ihre Repräsentanten,
aber auch in die Urteilskraft des Wählers lagen dem Demokratieverständnis
von Heuss einerseits zugrunde.
Mit seinem Amtsantritt als Bundespräsident war es ihm dann
andererseits ein zentrales Anliegen, um das Vertrauen aller Bevölkerungsgruppen
für das junge demokratische Staatswesen zu werben, um die Verfassung
mit Leben zu erfüllen. Demokratie brauche das Vertrauen von
Demokraten. Und dieses Vertrauens war für Heuss schon im vorpolitischen
Raum anzusiedeln, in individuellen Werten. „Demokratie heißt“,
so Heuss, „die Anerkennung eines freien Menschentums, das auch
im Gegner den Partner sieht, den Mitspieler“; sie ist erst
gefestigt, wenn sie zur „Selbstverständlichkeit der alltäglichen
Erfahrung“ geworden ist, zur „Lebensform“, die
neben Fairneß und Toleranz eben auch Vertrauen im zwischenmenschlichen
Umgang bedeutet. Kurzum: Demokratie und Freiheit sind zur ihrer Sicherung
letztlich auf eine Balance von Mißtrauen, in Form von Kontrollen,
und Vertrauen als zwischenmenschliche Eigenschaft angewiesen.
Sehr geehrte Frau Professor Schwan, beinahe
hätten Sie diesen
Balanceakt 2004 fortführen können, nämlich in der
Nachfolge von Theodor Heuss als Staatsoberhaupt. Sie hätten
zum einen als moralische Autorität um Vertrauen im In- und Ausland
geworben, aber bisweilen auch ein gutes Stück Mißtrauen
gegenüber der Staatsmacht beweisen müssen – so z.
B. bei der vorzeitigen Auflösung des Bundestages im diesem Jahr.
Doch auch und gerade als Präsidentin der Universität in
Frankfurt an der Oder, in der Mitte des Kontinents, können Sie
weiterhin für das eintreten, was not tut: nämlich für
eine Kultur des Vertrauens im erweiterten, im ganzen Europa. Frau
Professor Schwan, wir freuen uns auf Ihren Vortrag.