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"Zum Selbstverständnis
der Deutschen" O-Ton und Textfassung
des Vortrags von Dr. Wolf Gerhard Schmidt: - Ein Vortrag im Kulturprogramm der Nibelungenfestspiele: "Zum Selbstverständnis der Deutschen" -
Die originale Tonaufnahme des Vortrages in drei Größen als mp3-Datei: 48
KB/s, 22:24 Min. rd. 8,0 MB
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/130806_vortrag_wolf-gerhard_schmidt_48.mp3 96
KB/s, 22:24 Min. rd. 16,1 MB 192
KB/s, 22:24 Min. rd. 32,2 MB _______________________________________________________ Textfassung des Vortrags: Meine Damen und Herren, der Versuch, nordische Mythologie
und mittelalterliche Sagenwelt zu nationaler Identitätsbildung zu nutzen, ist keine Erfindung
des 18. Jahrhunderts. Tatsächlich begegnet der sog. Teutonismus
bereits in protestantischer Barockliteratur, die im Rückgriff
auf Hermann den Cherusker die ruhmvolle deutsche Vergangenheit
wiederbeleben möchte. In bewußter Konkurrenz zur neulateinischen
Poesie werden die "Bardi, Vates und Druiden" in den Poetiken
des 17. Jahrhunderts zu Ahnen deutscher Dichter und gewinnen daher
- wie die Arminiussage - in der Literatur an Bedeutung: so beispielsweise
bei Johannes Rist, Johann Heinrich Hagelgans und Daniel Caspar
von Lohenstein. In der Nachfolge des Siebenjährigen Kriegs entsteht zudem eine patriotische Kriegslyrik, die vor allem der Verherrlichung Friedrichs II. dient. Erste Vertreter dieser neuen literarischen Tendenzdichtung sind die Anakreontiker Ewald von Kleist, Immanuel Jakob Pyra und Samuel Gotthold Lange. Zu einer Popularisierung des Phänomens führen aber erst Johann Wilhelm Ludwig Gleims Preußische Kriegslieder, die Lessing 1758 mit eigenem Vorbericht als Sammlung herausgibt und dabei den einfachen Grenadier mit Horaz, Pindar und Tyrtäus vergleicht. Außerhalb des preußischen Territoriums wird die Idolatrie des Königs teilweise durch den Rückgriff auf germanisch-nordische Sagenüberlieferungen ersetzt, so u.a. Snorra-Edda, Saxo Grammaticus, Mallets Monumens und schließlich Macphersons Ossian. Im südlichen Teil des deutschsprachigen Europas führt dasselbe patriotische Anliegen dagegen zu einer verstärkten Beschäftigung mit der Dichtung des Mittelalters unter dem glorifizierten Kaisertum. So beginnen Bodmer und Breitinger 1758 mit der Veröffentlichung ihrer Sammlung von Minnesingern aus dem schwæbischen Zeitpuncte, und der Württemberger Barde Hartmann sucht durch das Studium mittelalterlicher Lyrik Erkenntnisse über Ursprung und Konstitution der deutschen Sprache zu erhalten. Im katholisch geprägten Österreich fokussiert sich der politische Enthusiasmus vor allem auf die Identifikationsfiguren Maria Theresia und Joseph II. sowie die Heldentaten ihrer Kriegsmaschinerie. Die Aufwertung von mittelalterlicher
Dichtung und nordischer Mythologie hat eine doppelte Funktion. Der ästhetischen
Abkehr von der mit Antike und Klassizismus assoziierten Regelpoesie entspricht
die politische von Adel und
Hof. Dies gilt insbesondere für die Dichter des Göttinger Hain
und des Sturm und Drang. Bezugsinstanzen sind in erster Linie Shakespeare,
Ossian
und Klopstock. So schreibt Johann Georg Jacobi 1774 in einer Rezension zu
Klopstocks Hermann und die Fürsten: die Gesänge der Barden sind "majestätisch
einfältig, wie der Eichenwald, in welchem der Geist der Freyheit auf
die ausgezognen Waffen überwundner Tyrannen schaut". Dasselbe gilt
auch für eines der wesentlichen Vorbilder der Hermann-Trilogie, Macphersons
Ossian, in dem eine egalitäre Gesellschaftsform praktiziert wird und
Fingal, der König von Morven, als primus inter pares herrscht. Der Umkehrschluß liegt
auf der Hand: Wer die Gedichte des keltischen Barden nicht "lesen und
bewundern kann" ist ein "Höfling".
Der Ossianbezug enthält zugleich aber auch das 'reale' Scheitern des Traums, denn der Tod ist bei Macpherson omnipräsent und auch der keltische Barde überlebt nur 'poetisch', d.h. in der Erinnerung. Vor diesem Hintergrund warnt Johann Caspar Velthusen davor, Deutschland könne ebenso untergehen wie die ossianische Welt. In dem 1807 erschienenen "Fragment eines Schottischen Duans" Drey Stimmen Deutscher Männer aus Ossians Gruft heißt es daher:
Der Vergleich von Germanen und Kelten
beginnt zwar nicht erst mit der Veröffentlichung Ossians, wird dadurch aber stark
popularisiert, denn Macphersons Dichtung erscheint als "das
schönste Denkmal der Celtischen Poesie". Hinzu kommt
die Renaissancelosigkeit der altnordischen Überlieferungen,
durch die jeder negative Einfluß der romanischen Tradition
per se ausgeschlossen wird. Über den Hadrianswall ist die
'Zivilisation' nie hinausgekommen, und die Helden Fingals zeigen
sich in ihrer ethischen Integrität vollkommen unbeeinflußt
von der antiken humanitas.
Karl Lappe zitiert Ossian daher als Inspirationsfigur für den Kampf der Deutschen gegen Rom:
Die gerechten Verteidigungskriege der Highlander werden mit Arminius' Sieg über Varus parallelisiert und später sogar auf den Befreiungskampf gegen Napoleon übertragen. Ein Beispiel hierfür markiert das 1809 in München uraufgeführte Colmal-Singspiel von Matthäus von Collin und Peter von Winter. Im Zentrum der Handlung stehen Ossian und sein Antipode Dunthalmo, der deutliche Züge des französischen Kaisers trägt. Nach einer Entscheidungsschlacht zwischen beiden Protagonisten, die der keltische Barde siegreich besteht, schenkt er seinem Gegner großzügig das Leben - ein letzter Beweis für die moralische Überlegenheit des Nordisch-Deutschen gegenüber dem Romanischen. Obwohl im Ossian auf nationale Töne verzichtet wird und keine unmittelbaren Indizien für einen Römerhaß vorhanden sind, hat Macpherson doch Voraussetzungen für eine entsprechende Rezeption geschaffen. So hebt er in seiner Introduction to the History of Great Britain and Ireland (1771) Geschmack und Körperpflege der Kelten hervor und befriedigt auf diese Weise auch die gesellschaftlichen Erwartungen der deutschen Aufklärung:
Die poetische Konstruktion des Kelten-Mythos umfaßt ungefähr den Zeitraum von der Mitte des 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie koinzidiert mit der zunehmenden Bedeutung der Natur und des Erhabenen sowie der Aufwertung primitiver Lebensformen. Gleichzeitig wird aber auch das Germanische, oder - in zeitgenössischen Begriffen - das Nordisch-Deutsche, mit dem Keltischen verbunden. Als Legitimation dienen antike Schriftsteller, bei denen die Teutonen oft im Zusammenhang mit Kelten oder Skythen erwähnt werden. Leibniz führt in seinen Nouveaux essais sur l'entendement humain (1703-1705) Germanisch, Gälisch und Bretonisch sogar auf dieselbe Grundlage zurück: das Keltisch-Skythische, und zwar mit dem Ziel, die deutsche Sprache zu einer lingua adamica zu machen. Die Publikation der ossianischen
Gedichte gibt der Diskussion um die Bedeutung der Kelten sowie
deren Verhältnis zu den Germanen neue Nahrung und führt
im deutschsprachigen Europa schließlich zur Entstehung einer philologischen
Wissenschaft. Macpherson selbst verweist in seiner Dissertation on
Ossian’s
Antiquity auf die große Vergangenheit der Kelten, und auch in der bereits
zitierten Introduction erscheinen die Kelten als das einzige Volk, das den
Rousseauschen Kriterien eines idealen Naturzustands entspricht. Dennoch wendet
sich Macpherson gegen die Ineinssetzung der Kelten mit den Germanen.
Auch Herder hofft, "daß einmal mit Hülfe der Kenntniß Gallischer Sprache, Gallischer Sylbenmaaße und dem ganzen Gefühl Deutscher Ahnenstärke und Einfalt, noch einmal ein anderer, ganz neuer Oßian erstehen werde". Denn bei Macpherson sind Kunst und Politik noch nicht getrennt, und die Gesellschaft erscheint als organisches Ganzes, das sich aus einer Gedächtniskultur speist und nur dadurch eine für die Epoche einzigartige Dichtung hervorbringen konnte. Der Verlust dieser Einheit, das Vergessen eigener Überlieferungen führt notwendig zum poetischen und damit politischen Niedergang einer Nation. Vor dem Hintergrund einer als problematisch empfundenen Kulturentwicklung wird deshalb nach neuen Allianzen gesucht, wobei sich Deutschland und Großbritannien als "Überlagerungszonen" zwischen dem renaissancefreien Norden und der romanischen Kultur erweisen. So konstatiert Herder in dem Aufsatz Von der Ähnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst (1777):
Um die Genese einer Nationalkultur
zu ermöglichen, soll die
Dominanz der antik-romanischen Tradition durch das Sammeln eigener
Volksdichtungen gebrochen werden. Entsprechende Projekte in Großbritannien
(Macpherson, Percy) fungieren als Vorbild für eine Erneuerung
der deutschen Literatur. Herder selbst empfiehlt in seinem späten
Essay Iduna, oder der Apfel der Verjüngung (1796) der deutschen
Dichtung eine Adaption der nordischen Sagenwelt. Dabei hat Herder
noch immer den keltischen Barden im Hinterkopf. Dies zeigt nicht
nur der zeitgleich entstandene Aufsatz über Homer und
Ossian,
sondern auch der Verweis auf das empfindsame Defizit der 'neuen'
Mythen: "Ein Theil der Fabeln ist fürchterlich nordpolarisch". Für die Entwicklung des Ossianrezeption sind Echtheitsdebatte und
pangermanische Perspektive insofern von Bedeutung, als sie die besagte Abwertung
der gälischen
Lieder zugunsten von Edda und Nibelungenlied begünstigen. Denn je schwieriger
die ethnische Integration Ossians und je fragwürdiger die Existenz deutscher
Barden ist, desto stärker wendet man sich mittelalterlichen und skandinavischen
Vorlagen zu - insbesondere dann, wenn sich die Dichter zugleich von der Empfindsamkeit
distanzieren möchten. Beispiele hierfür sind neben den genannten
Autoren der späte Friedrich Schlegel und Wilhelm Grimm. Da die ossianische
Wonne der Wehmut aber auch bei den Dichtern der 'Romantik' überaus beliebt
bleibt, sprechen sich einige explizit für die Retablierung Ossians gegenüber
der germanisch-nordischen Mythologie aus. Zu ihnen zählen u.a. Fouqué,
Arnim und der späte Jacob Grimm. Auch Herder warnt die Adepten altnordischer
Sagenüberlieferungen vor der "Großsprecherei und Roheit" zu
glauben, "daß die Deutsche Nation, dem Gipfel der Weltüberwindung
nahe, einer gefundnen Mythologie wegen, über alle hervorrage".
Er bezieht sich hier zwar primär auf Gräters Nordische Blumen und
die Zeitschrift Bragur, meint aber die allgemeine Tendenz zur Idolatrie des
Germanischen,
wie sie sich wenig später vor allem bei Ernst Moritz Arndt, Joseph Görres
und Friedrich Heinrich von der Hagen findet. So schreibt letzterer über
die Bedeutung des deutschen Mittelalters: "In der schmachvollsten Zeit
des Vaterlandes war es mir ein großer Trost, eine wahre Herzstärkung
und eine hohe Verheißung der Wiederkehr Deutscher Weltherrlichkeit,
die uns nicht getäuscht hat". Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. __________________________________________________________ .. zur Vita von Dr. Wolf Gerhard Schmidt auf einer separaten Seite ___________________________________ Weitere Informationen hier im Archiv: Dokumentation: "Zum
Selbstverständnis der Deutschen" Die Vorträge im Einzelnen:
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Weitere Informationen zur Veranstaltung im Internet: Die Internetpräsenz der Stadt Worms erreichen Sie unter: www.worms.de. Die Startseite der
Nibelungenfestspiel gGmbH erreichen Sie unter: www.nibelungenfestspiele.de.
Veröffentlichung dieser Seite am 16. September 2006 |
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