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Dokumentation der Eröffnungsfeier des neu gegründeten Zentralinstituts für Angewandte Ethik und Wissenschaftskommunikation an der Universität Erlangen-Nürnberg
- Am 14. Juli 2006 in der Aula des Erlanger Schlosses -

Textfassung und O-Ton der Begrüßungsrede des Direktors des neu gegründeten Zentralinstitutes Dr. Rudolf Kötter:

Der O-Ton der Rede des Direktors des neu gegründeten Instituts, Dr. Rudolf Kötter, in drei Dateigrößen im mp3-Format:

48 KB/s, 14:59 Min. rd. 5,4 MB
http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/140706_rudolf_koetter_uni-erlangen_48.mp3

96 KB/s, 14:59 Min. rd. 10,7 MB
http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/140706_rudolf_koetter_uni-erlangen_96.mp3

192 KB/s, 14:59 Min. rd. 21,6 MB
http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/140706_rudolf_koetter_uni-erlangen_192.mp3

 
Dr. Rudolf Kötter. ©  Dr. Kötter
Dr. Rudolf Kötter. © Dr. Kötter, privat

Textfassung der Begrüßungsrede des Direktors des neu gegründeten Zentralinstitutes Dr. Rudolf Kötter:

- Es gilt das gesprochenen Wort -

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

als geschäftsführender Leiter des ZIEW darf ich Sie ganz herzlich begrüßen. Ich freue mich, dass Sie an diesem schönen Freitagnachmittag zu uns in die Aula gefunden haben. Mein besonderer Gruß gilt Frau Grille als Vertreterin der Stadt Erlangen, dem Bundestagsabgeordneten Herrn Rohde, dem Landtagsabgeordneten Herrn Vogel und unserem Rektor, Herrn Prof. Grüske, der sich gleich anschließend mit einem Grußwort an Sie wenden wird.

Lassen Sie mich kurz unser Institut vorstellen und seine Aufgaben umreißen. Beginnen wir wie immer bei solchen Gelegenheiten mit etwas Geschichte. Das ZI hat einen Vorläufer, das „Interdisziplinäre Institut für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte”, das über 30 Jahre eine Brücke von den Geistes- und Sozialwissenschaften zu den Natur- und Technikwissenschaften und zur Medizin gebildet hat. Hinter dem spröden Titel dieses Instituts verbirgt sich eine Materie, die heute als etwas spröde und theorielastig empfunden wird. Das war allerdings nicht immer so. Als jenes Institut ins Leben gerufen wurde, war Wissenschaftstheorie ein in weiten akademischen Kreisen heiß diskutiertes Thema. Man erhoffte sich viel von der Wissenschaftstheorie: eine Entideologisierung der Sozialwissenschaften, eine Klärung des Verhältnisses von empirischen und hermeneutischen Wissenschaften, eine Abgrenzung von naturphilosophischen und methodologischen Ansprüchen. Beflügelt durch die große Nachfrage, glaubten nicht wenige Philosophen, dass die Wissenschaftstheorie das Kerngeschäft der Philosophie überhaupt darstellen könne (so zum Beispiel Paul Lorenzen, Wolfgang Stegmüller, Friedrich Kambartel oder auch Jürgen Mittelstraß). Aber jede Disziplin unterliegt Konjunkturen. Und obwohl die Wissenschaftstheorie eine ganze Reihe von einstmals brisanten Fragen abschließend beantworten und damit viele der in sie gesetzten Erwartungen tatsächlich erfüllen konnte, musste sie nach ihren Höhenflügen zur Landung ansetzen und den weiteren Weg der Normalforschung zu Fuße fortsetzen. Das allgemeine Interesse wanderte mit der Zeit weg von den theoretisch-methodologischen Aspekten der Wissenschaften hin zu ihren praktisch-ethischen oder -politischen Aspekten. Dieser Wandel hat verschiedene Gründe.
Zum einen rücken in unserer Zeit Grundlagenforschung und angewandte Forschung immer enger zusammen. In Erlangen geschieht dies seit Gründung der technischen Fakultät im wörtlichen Sinne, im übertragenen Sinne aber meint dies, dass die Zeit, die benötigt wird, um Grundlagenerkenntnisse in technische Innovationen umzusetzen, immer kürzer wird. D. h. der praktische Anwendungsaspekt von Wissenschaft wird deutlich erfahrbar.
Diese Erfahrung wurde in Politik und Teilen der Öffentlichkeit als Basis für die Forderung genommen, Wissenschaft müsse sich als nützlich in einem ökonomisch-technischem Sinne erweisen. Selbst konservative Kreise sehen heute Wissenschaft in erster Linie unter wirtschaftlichem Blickwinkel als einen Standortfaktor an und teilen damit geschichtsvergessen eine Vorstellung, die unter dem Schlagwort „Produktivkraft Wissenschaft” vor vielen Jahren im Dunstkreis sozialistischer Theoretiker gepflegt worden ist. Damit ist Wissenschaft unter einen gehörigen Rechtfertigungsdruck geraten, der nicht nur bei den Wissenschaftlern selbst Unbehagen auslöst.
Und schließlich ist die Öffentlichkeit in den letzten Jahrzehnten immer sensibler geworden gegenüber den Folgen von Wissenschaft und Technik. Längst ist es nicht mehr nur die Atombombe, die Fragen nach der Verantwortung der Wissenschaftler stellen lässt. Unser Leben ist tiefgreifend geprägt von Wissenschaft und Technik und der Raum der Möglichkeiten, der fast täglich um neue Dimensionen erweitert wird, fordert uns Entscheidungen ab, die zu treffen häufig als Zumutung empfunden wird. Denn dem Nutzen, den die wissenschaftlich-technische Entwicklung für uns alle bringt stehen Nachteile gegenüber, die schwer wiegen und oft auch nur schwer zu erkennen sind.
Die Betrachtung all dieser normativen Aspekte, die mit Wissenschaft und ihren Folgen für Technik, Medizin und unser tägliches Leben verbunden sind, werden unter dem Stichwort „Angewandte Ethik” behandelt. Die Angewandte Ethik zerfällt nun wieder in verschiedene Teilbereichen, die sich an bestimmten Praxisfeldern orientieren: So haben wir z. B. die Wirtschaftsethik, die Unternehmensethik, die Medizin- und Bioethik oder die Umweltethik. Generell kann man sagen, dass der Ausdruck „Angewandte Ethik” sicher nicht der glücklichste ist, denn zum einen ist „Ethik” immer anwendungsorientiert und zum anderen werden unter diesem Begriff auch Fragen behandelt, die gerade nicht ethisch in einem wie auch immer gearteten strengeren Sinne sind.
So geht es z. B. in der Umweltethik häufig um das Verhältnis von kurzfristig angelegter versus langfristig angelegter Rationalität (Stichwort „Nachhaltigkeit”). Und in der Bioethik nimmt z. B. die Frage, wann Leben menschlich-personale Qualität besitzt, eine zentrale Rolle ein. Diese Frage, die genau genommen in den Bereich der philosophischen Anthropologie gehört, muss aber schon beantwortet sein, wenn ethische Überlegungen ansetzen. Sie sehen also, dass die Angewandte Ethik ein sehr breites Feld von normativen Fragen abzudecken hat, das sich von der Ethik im engeren Sinne bis in Bereiche der Politik und Ökonomie erstreckt.
Nun ist die Angewandte Ethik nicht erst mit der Gründung des Zentralinstituts an unsere Universität gekommen. Im Gegenteil: Unsere Universität gehört mit St. Gallen sicher zu den ersten Universitäten im deutschsprachigen Raum, an denen Unternehmens- und Wirtschaftsethik intensiv gepflegt wurde; wir haben außerdem eine Professur für Medizinethik und Fragen der Umwelt- und Bioethik werden bei Theologen wie Philosophen seit langem kompetent behandelt.
Aber: diese Anstrengungen sind bislang über verschiedene Fakultäten verteilt, die Lehrangebote fließen in ganz unterschiedliche Studiengänge und die potentiellen Adressaten in den Natur-und Technikwissenschaften sowie in der Medizin wissen oft nichts von dem Angebot, das in den Geisteswissenschaften gemacht wird. Die Überwindung dieser mißlichen Situation ist eine der wesentlichen Aufgaben des neuen Zentralinstituts. Wir wollen unsere Kompetenzen, die wir auf dem Feld der Angewandten Ethik besitzen, zusammenzuführen mit dem Ziel, ein Lehrangebot zu unterbreiten, das unsere Studierenden befähigen soll, die Chancen und die Folgen, die Vorteile wie die Gefahren, die sich mit Wissenschaft, Technik und Medizin verbinden zu reflektieren und zu bewerten. Dieses Angebot wird sich in erster Linie an fortgeschrittene Studierende und an Doktoranden wenden, denn es ist klar: um über den Tellerrand der eigenen Disziplin blicken zu können, muss man diesen Tellerrand vorher wenigstens in Umrissen schon in den Blick genommen haben. Für das kommende Semester haben wir übrigens schon Schritte in diese Richtung unternommen und ein entsprechendes Veranstaltungspaket geschnürt.
Wer sind nun diese „wir”, von denen ich immer wieder gesprochen habe? Dem ZI gehören Professoren aus fast allen Fakultäten als Zweitmitglieder an, denen die Aufgaben des Instituts ein ernstes Anliegen ist. Zur Zeit haben wir 15 Mitglieder und ich kann an dieser Stelle nur all diejenigen, die sich vom Programm des Instituts angesprochen fühlen und die glauben, etwas beitragen zu können, herzlich einladen, doch aktiv mitzumachen.
Die Erörterung der normativen Aspekte von Wissenschaft ist ein wichtiges Beispiel für einen Diskurs, der nicht nur über die Fächer hinaus geht, sondern der insbesondere Wissenschaft und Öffentlichkeit verbindet. Daneben gibt es aber noch andere Fragen, die eine interdisziplinäre, ja transdisziplinäre Kommunikation erforderlich machen. Die neuen Organisationsstrukturen der Universität und die neuen Studiengänge zwingen die Fächer, ob sie es wollen oder nicht, näher zusammen; spätestens, wenn es um die Verteilung von Mitteln geht, wird man sich über unterschiedliche Forschungsziele und deren Bedeutung für die Universität und die Gesellschaft ernsthaft unterhalten, wenn nicht streiten müssen. Und um die großen Entwicklungspotentiale nutzen zu können, die sich häufig gerade an den Berührflächen verschiedener Disziplinen ergeben, muss man diese Flächen erkennen können. In jedem Fall heißt dies aber, dass man in der Lage sein muss, sich mit seinen disziplinären Nachbarn auseinanderzusetzen. Dazu braucht man sicher keine Detailkenntnisse, wohl aber eine Vorstellung davon, nach welchen Erkenntniszielen die anderen streben und welche Methoden sie dabei einsetzen (an dieser Stelle kommt dann auch wieder die gute alte Wissenschaftstheorie zu ihrem Recht). Die Behandlung solcher Fragen wird in Zukunft für die Fächer an Bedeutung gewinnen, gleichwohl gibt es keine Disziplin, die allein diese Fragen zu ihrem genuinen Arbeitsthema machen könnte. Wir brauchen also ein Forum, auf dem solche Fragen erörtert werden können und zwar in der gebotenen wissenschaftlichen Distanz und etwas abseits vom täglichen Geschäft.
Das Gleiche gilt auch für den angesprochenen Diskurs zwischen Universität und Öffentlichkeit: Gerade unsere Universität, die ja nicht nur die klassischen Fakultäten, sondern auch eine technische Fakultät umfasst, verfügt über einen ungeheueren Schatz an Informationen zu Themen, die für jedermann von Interesse sind oder werden könnten - man müsste sie nur in geeigneter Weise abrufen können. Hier sehen wir die Pflicht einer öffentlichen Institution, den Interessen der Öffentlichkeit entgegenzukommen. Das heißt konkret, wir werden uns bemühen, in Zukunft aktuelle wissenschaftliche Themen, aber auch Themen, die die Universität als Institution betreffen, einer breiteren Öffentlichkeit zur Diskussion anzubieten. Dies bedeutet zugleich die Chance für die Universität, sich nachdrücklich als kompetenter Gesprächspartner in das Bewusstsein der Bevölkerung einzuprägen. Die Bemühungen, eine rege Kommunikation innerhalb der Universität und über ihre Grenzen hinaus in Gang zu setzen, werden unter dem Titel „FAU-Forum-Wissenschaft” laufen. Erste Planungen für den kommenden Winter sind schon in die Wege geleitet; ein Thema wird sein „Qualitätsmanagement und Wissenschaft” darüber hinaus haben wir vor, zu dem Umweltthema, das sich die Stadt Erlangen für das nächste Jahr gegeben hat, Beiträge zu liefern.

Meine Damen und Herren, ich hoffe, dass Ihnen das Programm dieses Instituts als eine wertvolle Ergänzung Ihrer eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit erscheinen wird. Wir haben einiges vor und ich wünsche mir, Ihnen gelegentlich nicht nur von Plänen, sondern auch von Erfolgen berichten zu k önnen.

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Weitere Informationen hier im Archiv:
Die Dokumentation der Eröffnungsfeier des am 14. Juli 2006 neu gegründeten Zentralinstituts für Angewandte Ethik und Wissenschaftskommunikation an der Universität Erlangen-Nürnberg mit O-Ton und Textfassungen.

Die separate Seite mit der Kurzvita von Dr. Rudolf Kötter.

Weitere Informationen im Internet:
Die Homepage von Dr. Rudolf Kötter, u.a. mit der detaillierten Liste der Publikationen von Dr. Rudolf Kötter, erreichen Sie direkt unter www.philosophie.phil.uni-erlangen.de/personen/koetter.html, im Informationsangebot der Universität Erlangen-Nürnberg.

Die Startseite vom Zentralinstitut für Angewandte Ethik und Wissenschaftskommunikation der Universität Erlangen-Nürnberg erreichen Sie direkt unter: www.ziew.uni-erlangen.de.

Die Startseite der Internetpräsenz der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) erreichen Sie unter: www.uni-erlangen.de.

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Veröffentlichung dieser Seite am xx. September 2006