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Interview mit Dr.
Sigfrid Gauch, Vizepräsident und Writers-in-Exile-Beauftragter
des P.E.N.-Zentrums Deutschland
Abschrift des Interviews: radio-luma: Herr Doktor Gauch, sie als Vizepräsident des Deutschen
PEN-Zentrums und Beauftragter des „Writers In Exile-Programmes“ haben
ja eine gewisse Affinität zu Schriftstellern und Schriftstellerinnen,
die häufig traumatisiert aus Krisenregion, häufig, hier Exil
finden. Dr. Sigfrid Gauch: Das
ist ganz unterschiedlich, das ist individuell sehr verschieden und die
Erfahrung der letzten Jahre hat auch gezeigt,
dass jeder vollkommen anders reagiert. Es gibt Autoren, wie Faraj
Sarkohi, der dreimal zu Scheinhinrichtungen im Iran geführt worden
ist, der so traumatisiert war, das er Jahre gebraucht hat, um überhaupt
bereit zu sein Deutsch zu lernen, weil jeder kommt ja nicht freiwillig
hierher,
jeder will ja wieder zurück, jeder will ja in seiner Sprache und
in seinem Umfeld weiter existieren und schreiben und hat ganz spät
es geschafft, dann nachher Deutsch zu lernen, Deutsch zu sprechen, hat
aber
in Deutschland schon publiziert, natürlich in seiner Muttersprache
geschrieben, das dann übersetzt worden ist. radio-luma: Was heißt das, im Besonderen, -technisch? Sigfrid Gauch: Die schwierige Situation ist die für unsere Stipendiaten: wir können, wir haben die Möglichkeit, die gibt uns der Staatsminister für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt, sechs Wohnungen einzurichten und in diesen sechs Wohnungen jeweils Exilautoren unterzubringen. Die einen kommen alleine, die anderen kommen mit Familie. Eigentlich nach einem Jahr – wir können verlängern – müssten sie eine Möglichkeit sehen, auf eigene Füße zu kommen oder wieder zurückkehren zu können, was beides in der Regel unmöglich ist. D.h., dass wir verlängern, aber länger als zwei, drei Jahre können wir niemanden hier behalten, denn nur sechs Leuten können wir helfen und wenn die ständig dableiben, dann stehen alle anderen da und wissen nicht wie es weiter geht. Gut, es gibt mehrere Organisationen, die in ähnlicher Weise hier unterstützen, aber es ist dann schon sehr schwierig. Wir sagen manchen, wenn das Stipendium ausläuft und sie kein Anschlussstipendium finden – die gibt es ja meinetwegen über die Heinrich Böll-Stiftung oder ähnliches – sagen wir dann: die einzige Chance ist für euch jetzt hier einen Antrag auf Asyl zu stellen. Und das will niemand ... radio-luma: Warum nicht? Sigfrid Gauch: Weil das bedeutet, ich muss meinen Pass abgeben, ich bekomme hier eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung und hab damit keine Möglichkeit mehr, mich frei zu bewegen. Erstmal muss ich, wenn das Stipendium aufhört und ich den Antrag erst dann stelle, in ein Heim für eine ganze Zeit lang, was ja eine furchtbare Situation ist … radio-luma: Eine erneute Traumatisierung ist? Sigfrid Gauch: Es ist eine erneute Traumatisierung, weil ich wieder in einer anderen Art und Weise unfrei bin. Sonst können die Autoren durchaus in andere Länder fahren wenn sie eingeladen werden als Autoren, nach Amerika, wo auch immer hin, ins europäische Ausland. Das können sie dann so nicht mehr! radio-luma: Was wäre aus ihrer Sicht wünschenswert, damit solche
technischen Aspekte wie Asylverfahren und ähnliches menschenfreundlicher
wären in diesem Sinne? radio-luma: Stipendium heißt – um es einmal ein bisschen technischer zu erläutern – dass das Deutsche P.E.N.-Zentrum dabei hilft, Anmeldung, Abmeldung, Krankenversicherung, all diese technischen, wahrscheinlich sehr fremden Aspekte, zu erledigen, Hilfestellung zu leisten. Stipendium heißt aber auch, dass ein Auskommen da ist in Form von Geld. Sigfrid Gauch: Wir stellen eine Wohnung zur Verfügung, wir stellen ein Stipendium für den Lebensunterhalt zur Verfügung. Das richtet sich danach, ob jemand alleinstehend ist oder Familie hat, da ist es jeweils höher oder weniger hoch. Auf jeden Fall so, dass es ausreichend ist zum Lebensunterhalt, weil Miete oder ähnliches fällt ja nicht an. Das übernehmen wir und dann ist der P.E.N., ist unser Büro „Mädchen für alles“. Es kümmert sich wirklich darum und Ursula Setzer (Anm. d. Red.: Die Rede ist von der Geschäftsführerin vom P.E.N.-Zentrum Deutschland) hat hier in den ganzen Jahren aufopferungsvoll alle begleitet zu den entsprechenden Ämtern, im Auswärtigen Amt angerufen, sich gekümmert darum, dass der Pass verlängert wird. All diese Dinge, natürlich die müssen wir machen und die machen wir auch gerne. radio-luma: Die Sicherheit der Stipendiaten, ist die gewährleistet? Kann es passieren, das ausländische Geheimdienste hier asyl- oder exilfindende schreibende Menschen bedrohen, behindern, belästigen? Was tut der Deutsche P.E.N. dann, wenn er so etwas wahrnimmt? Sigfrid Gauch: Ja, eine wichtige Frage! radio-luma: Zurück zu meiner Ausgangsfrage: gibt es Instrumentarien, Werkzeuge seitens des P.E.N.-Zentrums oder von der öffentlichen Hand, auf Landesebene oder kommunaler Ebene oder Bundesebene, um beispielsweise Publikationen von hier in Exil lebenden schreibenden Menschen zu realisieren, so als Werkzeug zu benutzen, zum Schreiben zu motivieren? Sigfrid Gauch: Wir geben da jedes Jahr einen Sammelband heraus, in dem wir auch Texte unserer Exilautoren vorstellen … radio-luma: Das ist im Buchhandel erhältlich? Sigfrid Gauch: Das ist beim PEN erhältlich gegen eine Spende, das haben wir bewusst jetzt nicht mit einer ISBN-Nummer versehen, sondern das sollte ein PEN-Projekt bleiben. Das ist aber jederzeit beim PEN abrufbar und auf der PEN-Webseite ist es auch angekündigt, man kann es da sehen (Anm. d. Red.: Die entsprechende Seite direkt). Da sind Texte, da sind Lebensläufe, da sind Schicksale unserer Exilautoren beschrieben. Das ist eine Möglichkeit. Eine andere ist, manche davon, im Moment Amir Valle, der schreibt in großen Verlagen in mehreren Ländern, die haben gar keine Schwierigkeiten zum Publizieren. Andere, Faraj Sarkohi, tut in der Zeit, in der Welt ganze Seiten veröffentlichen. Es ist ganz unterschiedlich. Im Internet veröffentlichen sie alle, da brauchen sie unsere Hilfe nicht dabei, das ist gar keine Frage. Aber oft auch übersetzen wir dann ins Deutsche ihre Texte, die sie in ihrer Muttersprache schreiben. radio-luma: Den PEN sollte man unterstützen. Findet man da auch alle Kontaktdaten, Kontonummer auf der Webseite? Sigfrid Gauch: Das ist alles auf der Webseite drauf, ja. radio-luma: Außer Geldzuwendungen – was wünscht sich der PEN vielleicht noch? Sigfrid Gauch: Aufmerksamkeit für diese Autoren, Unterstützung dieser Arbeit. Man kann Briefe schreiben, was wir auch machen, an die Regierungen der Länder, aus denen die Autoren kommen. Immer wieder hinschreiben und immer wieder fordern, dass hier Änderungen eintreten (Anm. d. Red.: z.B. .. zum Aufruf vom International PEN: "TURKEY: PEN Protests Sentences under Article 301", vom 12. Oktober 2007 sowie die Übersetzuung vom Aufruf: International PEN: "TÜRKEI: Der Internationale P.E.N. protestiert gegen Verurteilungen nach Paragraph 301", vom 12. Oktober 2007 (.. auf einer separaten Seite). Also da gibt es eine Reihe von politisch begleitender Unterstützung unserer Arbeit. radio-luma: Das war ein Gespräch vom 12. Oktober 2007 von der Frankfurter Buchmesse mit Doktor Sigfrid Gauch – radio-luma, Christoph Urbanietz ___________________________________________________ Weitere Informationen im Themenfeld FREIHEIT DES WORTES hier im Archiv: Das Writers in Exile-Programm des P.E.N.-Zentrums Deutschland (PDF-Datei, 2 Seiten, rd, 1,4 MB, auf einer separaten Seite) Writers
in Prison-Bericht des P.E.N.-Zentrums Deutschland zur Frankfurter
Buchmesse .. zur Vita von Sigfrid Gauch auf einer separaten Seite Weitere Informationen im Internet:
Veröffentlichung dieser Seite am 15. Oktober 2007 |
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