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P.E.N.-Vorkongress
2006:
Entgegnung auf die
Rede der Bundesministerin Brigitte Zypries von Helge
Malchow Ja, meine Damen und Herren, da die Ministerin ganz am Anfang ihrer Ausführungen gleich von historischen Beispielen massenhaft auftretender Autoren gesprochen hat, die glücklich darüber sind, daß ihre Werke unentgeltlich verbreitet werden, erlauben sie mir, einen kleinen Fall zu schildern, es geht um Gabriel García Márquez, den in Deutschland der Verlag Kiepenheuer & Witsch verlegt und der in Ländern hochgeliebt und viel gelesen wird, in denen es mit dem Urheberrecht auch nicht so ganz wunderbar steht, zum Beispiel Kolumbien und der ist bei seinem letzten Buch so verzweifelt gewesen über die massenhaft auftretenden, auch sein Verlag, über die massenhaft auftretenden Raubkopien, daß er, nachdem dieses ganze Geschäft der Raubkopien schon in Gang war, ungefähr eine Woche bevor das originale Buch dann erschienen ist, in der Druckerei, am letzten Tag noch schnell das letzte Kapitel umgeschrieben hat, damit es dann eine Originalausgabe gibt. Also, heute scheint sich ein Bewusstsein dafür international doch durchgesetzt zu haben, daß es darum geht, das Originalwerk dann auch entsprechend honoriert zu bekommen. Erlauben sie mir deswegen,
mit ein paar Plattitüden zu beginnen,
auch in die Vergangenheit, denn das in unserer Verfassung verankerte
Schutz des geistigen Eigentums ist meines Erachtens keine Selbstverständlichkeit,
sondern das Ergebnis jahrhundertelanger hartnäckiger Kämpfe
für die Freiheit des gesprochenen und geschriebenen Worts und der
kulturellen Autonomie des einzelnen Bürgers. Von Anfang an waren
dabei der Gedanke der Freiheit des Wortes immer verbunden mit dem Gedanken
des materiellen Eigentums des Schöpfers an seine geistigen Leistungen.
Ohne diesen Schutz des geistigen Eigentums gibt es keine geistige Freiheit.
Die Alternativen kennen wir: Kontrolle, Gängelung durch früher
feudale, staatliche oder auch ökonomische Macht. Die digitale Revolution
jetzt stellt eine ungleich größere
Herausforderung dar, und es ist notwendig und richtig, die dort liegenden
Chancen für die Verbreitung zu nutzen und die Gefahren auch gesetzlich
zu bekämpfen. Insofern gebührt der Bundesregierung Dank für
auch die gesetzlichen Initiativen. Die Ergebnisse der Gesetzesnovellen über
die Neugestaltung des Urheberrechts, da wird Herr Sprang gleich im einzelnen
zu Stellung nehmen, zeigen allerdings aus meiner Sicht doch, zeugen von
einem manchmal dramatischen Erinnerungsverlust über den Stellenwert
des geistigen Eigentums. Eine Gesellschaft wie die deutsche, deren Reichtum
seit langer Zeit nicht auf Rohstoffen basiert, lebt durch nichts anderes
als die geistige Kreativität ihrer Mitglieder und je schlechter
das Eigentum an dieser geistigen Kreativität geschützt wird,
desto weniger wird es in diesem Land von dieser Kreativität, diesem
Rohstoff geben. Unter diesem gesunden Gesichtspunkt waren viele der gesetzlichen
Regelungen seit 2002 gravierende Verschlechterungen, die in ihrer Gesamtheit
ein bedrohliches Ausmaß erreicht haben und die im Kern mit in vergleichbaren
westlichen Ländern nicht im gleichen Maße vorliegen. Dies
geht einher, und das ist für die Verleger in diesem Lande wichtig,
mit einem galoppierenden Verlust an öffentlichem Bewusstsein über
diesen Zusammenhang. Heute können sie überall Anleitungen zum
Schwarzbrennen, illegalen Herunterladen, zur illegalen Verbreitung von
Daten kaufen, lesen und hören. Übrigens auch von Kollegen in
Verlagen werden solche Bücher angeboten. Und hier treffen leider
oft pseudo-linksradikale Begründungen, die im Eigentum selbst bereits
Inhumanität sehen, mit der Argumentation von mächtigen Herstellern
von Hardware und Software, die billigen sogenannten, so sagt man
dann heute, Content brauchen, um ihre Systeme zu verkaufen, zusammen. Was den ersten Korb des Urhebergesetzes betrifft, die dort beschlossenen Regelungen für Gratisbenutzung urheberrechtlich geschützter Texte im Bildungs- und Wissenschaftsbereich über sogenannte Intranetze ist eine deutliche Verschlechterung für Autorenhonorare. Die sogenannte angemessene Vergütung via VG Wort bedeutet immer ein Umlageprinzip nach Gießkannenmethode. Das heißt immer auch, daß kleine spezialisierte Fachzeitschriften und auch Verlage darunter viel schärfer leiden als große, allgemeine Veröffentlichungen mit höheren Auflagen von vornherein. Die anstehende Evaluierung nach drei Jahren wird, wenn sie korrekt erfolgt, die Verschlechterung deutlich machen, da bin ich sicher. Das gleiche gilt für die Vergütungssysteme, die nun im zweiten Korb beschlossen worden sind. Die erwähnte Regelung der indirekten Umlagefinanzierung über die Gerätepreise ist eine deutliche Verschlechterung. Autorenhonorare werden abhängig von, unter Umständen, Dumpingwettbewerben, trotz der Ausführungen der Ministerin. Keine genügende Einbeziehung der Zusatzmaterialien, was oft durch die Hintertür ein Verfahren ist, mit dem sich die Hersteller der Geräte ihren Pflichten entziehen und die Obergrenze von fünf Prozent wird aus unserer Sicht nicht ausreichend sein. Besonders dramatisch aber für Wissenschaftsverlage ist die Ausweitung der Möglichkeiten für Bibliotheken und Archiven, Museen und da müssen wir jetzt drüber diskutieren gleich, Texte, auch solche, die sie selbst gar nicht erworben haben, zugänglich zu machen. Vielleicht zum Schluß, bitte vergessen sie nicht, in einer arbeitsteiligen Gesellschaft benötigen Autoren, Wissenschaftler, Künstler usw. für die Verbreitung ihrer Werke professionelle Unternehmen, das heißt vor allem Verlage und Medienunternehmen. Aber sie brauchen in diesem Zusammenhang nicht nur einzelne Partner, sondern eine große Vielfalt, eine große Variationsbreite von Verlagen, kleinen, mittleren, großen Unternehmen und sie brauchen eine inhaltliche Vielfalt. Genau diese Vielfalt ist nachhaltig gefährdet, wenn diese Unternehmen nicht mehr rentabel wirtschaften können. Die Verlage der Holtzbrinck-Gruppe beispielsweise müssen, um mal den Gesamtzusammenhang nur anzudeuten, zum Beispiel zum Schutz ihrer Autoren im Augenblick erhebliche Rückstellungen bilden, um den kommerziellen Angriff, ich sage das mal so drastisch, auf Urheberrechte zum Beispiel durch die Strategien der Google-Suchmaschine, wo dann in einigen Jahren Volltextangebote von Büchern in Millionenhöhe herunterzuladen sind, abzuwehren und eigene Systeme aufzubauen, in denen die Rechte der eigenen Autoren besser geschützt sind. Wir müssen allein für dieses Projekt in dem nächsten Jahr oder zwei Jahren bis zu zwei Millionen Euro veranschlagen, um nur ein Minimum dieses Schutzes zu erreichen. Wenn sie dann die dramatisch gestiegenen Kosten durch die Künstlersozialkasse hinzu rechnen und die juristisch wie finanziell, erlauben sie mir das auch kurz zu sagen, Katastrophe der Übersetzungsvergütungen, die durch unglückliche Formulierungen in Korb Eins und den dortigen Begründungen ohne Not entstanden sind und die jetzt schon zu einem deutlichen Rückgang von Übersetzungen in deutschen Verlagen geführt haben. Auch da müssen wir, aufgrund der unklaren Gesetzeslage Rücklagen bilden, dann kann man die Situation der Verlage gar nicht schwarz genug zeichnen und wie immer gilt eben in diesem Zusammenhang auch, zuerst trifft es die kleinen, oft spezialisierten, dann die mittleren und zum Schluß erst die großen Verlage und wie immer ist dadurch der Pluralismus gefährdet. Zu Anfang sagte ich, der, vielleicht das als letzte Bemerkung, der Schutz des geistigen Eigentums ist nur die eine Seite der Medaille, die Freiheit des geistigen und künstlerischen Ausdrucks die andere. Und so wie die materielle Seite dieser Gleichung bedroht ist, ist durch eine Reihe von Urteilen der jüngeren Vergangenheit, zum Beispiel im Fall „Ezra“ von Maxim Biller, auch die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks gefährdet, weil hier in der notwendigen Abwägung von Grundrechten systematisch das Grundrecht auf freien künstlerischen Ausdruck gegenüber anderen Grundrechten benachteiligt wird. Dies hat ein solches Ausmaß erreicht, daß ich mich als Verleger von Kiepenheuer & Witsch entschlossen habe, eine Verfassungsklage in diesem Falle einzureichen, um hier Klarheit zu schaffen und ich hoffe, daß das Bundesverfassungsgericht den Ernst dieser Situation erkennt und korrigierend eingreift. Sie sehen, die Kerze brennt an zwei Seiten und die Gefahr wird nicht kleiner, sondern größer. Vielen Dank. [Beifall aus dem Publikum] ___________________________________ Weitere Informationen hier im Archiv: ..
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