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Das offene Archiv mit
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FÜR EINE NEUE SACHLICHKEIT
IN DER GESELLSCHAFT


 
 
 
 

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P.E.N.-Vorkongress 2006:
Kapitulation oder neue Herausforderung?
Schriftsteller in der Mediengesellschaft
am 24. März 2006 in der Akademie der Künste, Berlin

Abschrift vom O-Ton:
Offene Diskussion mit Karlheinz Braun und Wilfried F. Schoeller, u.a., anläßlich des P.E.N.-Vorkongresses:

Der O-Ton der Diskussion, mit einer Länge von 35:19 Minuten, steht im mp3-Format in drei Dateigrößen wie folgt zur Verfügung:

48 KB/s (rd. 12,7 MB)
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/240306_PEN-vorkongress_18_48.mp3
96 KB/s (rd. 25,4 MB)
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/240306_PEN-vorkongress_18_96.mp3
192 KB/s (rd. 50,8 MB)
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/240306_PEN-vorkongress_18_192.mp3

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Karlheinz Braun und Wilfried F. Schoeller. Verbindung zur Vergrößerung vom Foto.© www.radio-luma.net
Bildbeschreibung: Karlheinz Braun und Wilfried F. Schoeller.
Foto: © www.radio-luma.net

 

_________________________________________

Abschrift der offenen Diskussion
- Es gilt das gesprochene Wort -

Wilfried F. Schoeller: Wenn Sie mit uns diskutieren wollen, austauschen, Gedanken austauschen wollen stehen Karlheinz Braun und ich zur Verfügung, bevor wir eine Pause machen.

Ja! Da hinten!

Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Ja guten Tag. Was halten sie den von Podcast also diesem Radio on Demand oder Radio auf Abruf im Internet?
Glauben sie, das sich da Inhalte halten oder vielleicht sogar vermehren werden, die sie dann in ARD oder in den privaten Radiostationen nicht mehr finden?

Wilfried F. Schoeller: Also, zunächst einmal ist es da, Radio on Demand, da geht es darum das man sich sein Programm selber zusammenstellen kann, programmiert das und kann es dann zur jeden beliebigen Zeit und vor allen Dingen bei einer günstigen Gelegenheit abhören. Man ist nicht mehr an den Augenblick der Sendung verwiesen und das ist natürlich ein großer Vorteil. Keine Frage. Aber das setzt voraus, das ist aber nur eine Nutzungsangelegenheit die wird vermutlich keine Rückwirkung haben, aber wer kann das schon sagen, wie die Rückwirkungen sind. Wir müssen ja im Grunde genommen in sehr kleinen Zeitspannen denken weil der gesamte technische Prozeß und wieder rückwirkt auf die Produktion ja sehr, sehr schwer beschreibbar ist. Karlheinz Braun hat ja jetzt vom Theater der Regisseure gesprochen. Es ist ja jetzt noch nicht so lange her das es auch ein anderes Theater gegeben hat. Es wirkt nur so weit weg. Aber im Grunde genommen sind es zehn Jahre und das jetzt das Theater, das sie jetzt so beschrieben haben, nun so eine große Gültigkeit bekommen hat, ist ja noch nicht so lange her.
Also wir müssen mit kleinen Zeitspannen rechnen und da kann es wenn es sich um technologische Entwicklungen geht. Deshalb ist auch, um den Anschluß zu heute Morgen zu finden, jedes Urheberecht hilfsbedürftig. Wir werden nicht alles regeln können. Gerade wenn man versucht alles zu regeln wird man irgendwie in die starren Fronten hineingeraten und wird ganz viel Neues so zu sagen vergessen und verlieren. Das ist also das Dilemma dieser Angelegenheit weil eben doch die Entwicklung, die Entfaltung der Technologien schneller vonstatten geht und unübersichtlicher ist als unser Vermögen das zu begreifen.

Wollen Sie etwas sagen?

Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Stichwort schneller!
Ich befürchte, vielleicht hoffe ich es auch, ich weiß noch nicht, daß das Medium sehr schnell Informationen verbreiten kann, die wirklich interessant sind. Also: Radio ist gleich für mich Qualität. Fernsehen kann es auch sein. Aber, sie haben ja auch drauf verwiesen, die Produktionsmittel sind heute sehr flexibel und sehr einfach. Also es wird schnell.
Frage: Die Produzenten müssen noch schneller vorarbeiten. Sie müßten eigentlich, denn wenn ich eine reine Information vermittele, das reicht ja dem Publikum nicht. Es will ja eigentlich, und das ist ja die Aufgabe von Kultur, Vorahnung haben was da kommen könnte und das muß geschrieben werden. Das heißt also: Die Schriftsteller werden auch anders arbeiten müssen, wenn sie zum Beispiel das phantastische Medium Rundfunk für die Literatur nutzen wollen.

Wilfried F. Schoeller: Das ist sicher der Fall und dieses große Wunschlatein aus den zwanziger Jahren das ja manchmal sehr komisch wirkt. Auf der anderen Seite doch noch mal wie eine Art groß angelegte Aussage über das Ganze, so zu sagen alle Sachverhalte: Das All, die Welt, die Kommunikation , die Liebe. Das wird ja alles in diesen Aussagen da irgendwie verhandelt und das zeigt wie so zu sagen rückständig die Autoren sind in der Frage, wie man sich mit Worten das zurecht legt was da passiert auf der einen Seite und wie sensibel auf der anderen Seite auf die neuen Herausforderungen reagiert wird. In dieser Doppeldeutigkeit stehen wahrscheinlich alle Autoren die sich ernsthaft mit dem Internet und ähnlichen Angelegenheiten beschäftigen.

Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Ja da darf doch aber gefragt werden ob Ansatzpunkt vom Urheberrecht, den ich im Referat von Karlheinz Braun gehört habe, da richtig greifen kann. Sicherlich ist das Urheberecht so ein Schutzrecht des individuellen Autors für seine Produktionen. Auch des lebenden und schreibenden Autors, der ja von seinem Schreiben leben muß. Aber wenn man in die Debatte des Urheberechts zum Zeitpunkt seines Entstehen hineingeht, wo sie als privatkapitalistisches Urheberecht so zu sagen konzipiert wurde und dann der Autor als Besitzer seines Gedankens, seines Produktes dessen Veränderung er verteidigt gegen jeden Eingriff. Dann findet man, daß da eine Debatte über das Urheberrechts gefunden worden ist, in der, geführt worden ist, in der die neuere Debatte, in der die Autorenrolle wieder aufgerollt wird, schon enthalten gewesen ist. Wenn sie die Debatten die Reimarus in der Frühzeit des Urheberrechts geführt hat und schlicht bestritten hat, daß es so etwas wie einen privaten Besitz, ein privates Urheberrecht, geistiges Eigentum in ganz strikten Sinne geben kann, das man dann zuordnen und schützen kann. Wenn wir auf diese Position zurückgehen dann kommen wir, so glaube ich, auf eine ganze Reihe von gerechtfertigten Fragen die uns erlauben, glaube ich, neue Formen der Produktion, die wir schon längst ja auch hatten im Film, wo der Autor zum Beispiel keineswegs mehr Besitzer seiner Rechte gewesen ist, sondern wo der Produzent alles Urheberrecht in seiner Hand hatte und die Autorenrollen unterteilt gewesen sind. Wenn das alles so ist, dann weiß ich nicht, ob wir gut daran tun aus der Position des Urheberrechts des lebenden Autors, der vor allem am unveränderten Gebrauch seines Werkes festhält und das also dauernd schützen will, wenn wir es von daher wirklich aufrollen wollen.
Es ist doch ganz offensichtlich das die Autorenrolle sich verändert und das diese Form des Autorenverständnisses eine antiquierte ist, die in der Tat mit unserem Urheberecht auch verbunden ist aber vielleicht muß das Urheberecht in der Tat an dieser Stelle mitbewegen und das ist , glaube ich, in all den Debatten die sie über die frühe Rundfunkzeit hier vorgetragen haben eigentlich mit angedacht und damals ja auch diskutiert worden. Es ist ja nicht zufällig, das Benjamin das Stichwort vom Autor als Produzenten gegeben hat mit all diesen Überlegungen das durchaus das Urheberecht auch in Frage stellen und ich glaube an dieser Debatte läßt sich noch weiter machen.

Karlheinz Braun: Ja ich hab es ja angedeutet, daß sich möglicherweise die Rolle des Autors tatsächlich verändert gerade bei den darstellenden Künsten, im Theater, im Film, im Fernsehen usw.. Wo ja gerade die ja nicht einen Urheber haben und wir haben ja im Theater, der Regisseur ist ja auch ein Urheber in jedem Fall und es geht ja da schon lange immer der Streit darum, ob er nur einen Leistungsschutz beanspruchen kann oder auch ein urheberrechtliches Autorenrecht. Es kann durchaus sein, daß diese Veränderungen in der Rolle des Autors stattfindet. Im Augenblick haben wir nur, glaub ich, gar kein anderes Mittel um den Mißbräuchen zu begegnen als eventuell nur mit dem Pochen auf Urheberrecht oder so etwas. Man muß ab und zu mal Aufschreien. Ob das überhaupt ... wie ich gesagt habe ... geht das unglaublich schnell, wird alles möglich. Und es ist in dem Augenblick gar keine Hemmschwelle mehr da, von niemanden mehr, in den Medien und in den Theatern. Wenn sie ... Ich weiß nicht wie wir uns wehren können. In Film- und Fernsehproduktionen ist geradezu Gang und Gebe, daß ganz, ganz viele Drehbücher die der Regisseur mit oder ohne Genehmigung des Drehbuchautors so verändert hat, daß der Urautor nichts mehr erkennt und das da die Produzenten, da steht sehr viel Geld auf dem Spiel, es ist schon soviel investiert worden, und es wird … ununterbrochen einigt man sich darauf das der Autor seinen Namen zurückzieht und irgendein Pseudonym eingesetzt wird. Was wollen sie machen? Wollen sie ... Soll der Autor klagen gegen den Sender oder gegen den Produzenten?
Es ist wirklich eine komplizierte Situation und gerade in all diesen Bereichen der darstellenden Künste.
Bitte!

Wilfried F. Schoeller: Jetzt war da hinten eine Wortmeldung und dann ...

Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Entschuldigung. Sie diskutieren diese Fragen doch in einem sehr schmalen Ausschnitt. Sie sprechen von dem Autor, sie sprechen von dem Theater, sie sprechen von dem Publikum. Vielleicht müßten wir doch mal zur Kenntnis nehmen, daß die überwiegende Mehrheit des Publikums, der Autoren usw. mit dieser Art von Theater nichts mehr zu tun hat. Darin liegt ja eine bedeutende Kritik. Das ist ja in etwa ein Vorgang wie wir ihn in der Architektur haben. Wir haben eine moderne hochintellektuelle, hochkomplizierte Architektur. Aber die Wirklichkeit der meisten Menschen findet in der Architektur der Einkaufszentren, der MacDonalds usw. statt. So ist es ja bei den Theatern ähnlich. Für die Mehrzahl von Theaterbesuchern findet ja das Theater in Stadttheatern, in den Spieltheatern, auf den Freilichtbühnen mit ihren Unsäglichkeiten statt. Da hat natürlich eine Verdrängung stattgefunden, die ich beinahe noch schrecklicher finde, als das was das Regietheater mit den Autoren macht.

Karlheinz Braun: Ja es ist natürlich auch ... Ich hab gesagt, daß ich da sehr pauschalisiere und dieser Zustand, den ich beschrieben habe, natürlich nicht überall gleich ist, sondern es gibt bestimmte Trends die natürlich gesetzt werden und die sich dann überall festsetzt. Ich meine das Publikum ... Sie haben da vollkommen recht, daß das Theater inzwischen, das liegt aber nicht nur an diesem Phänomen die ich beschrieben habe, sondern das Theater ist inzwischen etwas marginal geworden. Es liegt längst nicht mehr, es längst nicht mehr so im Zentrum des kulturellen Bewußtsein wie vor einer Generation oder wie vor zwei Generationen. Und daran spielt sicherlich eine Rolle ... Das hat ganz, ganz viele, viele, viele Ursachen: Verschwindende Bildung, Bewußtsein, die Konzertveranstalter beklagen das selbe. Und wenn sie in große Konzertsäle gehen ist da auch ein Silbermeer zu sehen und die Jungen fehlen usw..
Das ist eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung, die in all diesen Institutionen so stattfindet und natürlich auch längst nicht in den Stadttheater in abgestufter Form. Aber gehen sie mal in Ingolstadt ins Theater und da macht ein junger Regisseur, Schüler hier vom Luxemburgplatz-Theater, der macht dort seine erste, zweite Inszenierung. Das wollen sie mal sehen.

Wilfried F. Schoeller: Ja da hinten noch ...

Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Mich bewegt eine Frage, die ich einmal als blanke Impression in den Raum stellen möchte.
Warum ist es so schwierig geworden heute über diese zwei Bereiche anders zu sprechen, als mit einem Batzen von Melancholie und Wehmut?
Viele die zustimmen werde, daß beide Vorträge trefflich in ihren Aussagen, absolut belegt in ihren Äußerungen und Ansprüchen waren, könnten vielleicht diese Frage teilen. Ich habe keine wirklich befriedigende Antwort darauf, frage mich aber: Waren wir alle, dieser Generation die hier zumeist vertreten ist, waren wir alle zu sehr groß geworden mit Benjamins Gedanken von der so viel Demokratie versprechenden Reproduzierbarkeit der Künste oder eben mit der hier sehr schönen herangeholten Radiotheorie von Brecht. Es kann nicht nur so zu sagen an den enttäuschten Erwartungen und Hoffnungen liegen mit Blick auf diese beiden Äußerungen in der Vergangenheit, die eine ach so große Verbreitung so viel Beachtung fanden. Es kann nicht nur damit zu tun haben.
Ich frage mich ob ein Weg, ein anderer Weg wäre, wo möglich doch wie wir es zumindest im letzten Vortrag stärker andeutungsweise vernahmen, den Gegenstand zu historisieren. Der Blick auf die Zwanziger Jahre hat ja nach wie vor etwas Erfrischendes. Wenn wir nur auf die Gegenwart blicken, möchte ich ein wenig den Sinn dieses Diskurses, der ja in einer Akademie der Künste stattfindet, in Frage stellen.
Es ist ja nicht so, daß dieses Thema: Schriftsteller in einer medialen Welt, daß dieses Thema nicht ein Ort der Anregung bestimmter, auch medialer, aber auch geistiger Energien sein sollte. Ich stelle mir vor, wie würden jüngere Schriftsteller hier unter uns sitzen und diese, in der Tat noch einmal so ausgewogenen Äußerungen, die doch so verdammt traurig waren, aufnehmen?

Wilfried F. Schoeller: Also wir teilen ja den Wunsch und die Hoffnung das es jüngere Leute gibt die da hinstehen und ihre Position beschreiben und auch wie sie so zu sagen hinter solchen Apparaten ihr Recht und ihre Arbeitsmöglichkeiten erwerben. Nur, ich hab es ja ganz am Anfang gesagt: Ich hab keinen gefunden. Da sagt keiner was. Das muß man einfach mal so nehmen wie es ist. Ich hab mich redlich bemüht also so zu sagen es steht ein Melancholiker und noch ein anderer Melancholiker steht da und sagt: eine Welt, die man unterschiedlich in ihren zeitlichen Ausdehnungen beschreiben kann. Ich bin bis zu den Zwanzigern zurück gegangen, weil das eben die großen Signale waren, die auch schon ein bisschen komisch sich anhören, aber die man auch ironisch nehmen kann, die aber noch mal einmal so zu sagen alles noch mal geredet worden ist angesichts dieser neuen Herausforderung. Das ist ein größerer Zeitraum als der, den Karlheinz Braun nimmt, aber dann müßten sie tatsächlich die jungen Leute fragen, aber nun suchen sie mal ... Das ist nicht so einfach.

Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Ich bin eigentlich ganz dankbar für den Beitrag. Ich hätte das Gleiche auch gesagt, nur viel kürzer.
Ich hätte sie nämlich gefragt: Was ist mit der frischen, kalten Wut, die sie vermissen, und jetzt kann ich gleich noch ihren Ausführungen anhängen die Frage: Ja, warum müssen das Junge sein? Warum nicht Alte? Die frische kalte Wut ist ja nicht auf junge Menschen ausgelegt oder die sind ja nicht ... Ich denke eher umgekehrt. Aber sie haben ja angedeutet warum es nicht funktioniert bei den Alten und ich denke: Es gibt da neue Konzepte, wenigstens im Kopf. Wie gesagt, mein Anspruch ist, und der ist gewaltig. Ich strafe mich da selbst der Arroganz aber man muß seiner Zeit, ich will nicht Rilke zitieren, aber man muß seiner Zeit mit dem Schicksal. Aber man sollte wenigstens der Zeit in der man lebt ein bisschen voran sein.

Wilfried F. Schoeller: Ja!

Wortmeldung aus dem Publikum, eine jüngere männliche Stimme (N.N.): Ja, da die jungen Leute nun angesprochen worden sind. Ich kann das also nur bestätigen was sie gesagt haben. Jetzt nur als Beispiel da das Deutschlandradio erwähnt worden ist. Das erste Hörspiel was ich dort gehabt habe, das ist jetzt auch schon einige Jahre her, das ist nur zustande gekommen, erstens weil das Theaterstück dazu, was die Grundlage dafür war, einen Preis bekommen hat. Das Hörspiel ist so einigermaßen, also für beide Seiten, sagen wir mal befriedigend gewesen, und beim zweiten Hörspiel wurde mir schon gesagt: Das Ganze war damals ein Mißverständnis. Die Programmdirektion hatte sich noch nicht so artikuliert wie eben die Normative sind und da gab es für die Redakteure noch einen Spielraum und der sei jetzt nicht mehr da. Und da hab ich noch einen Kompromiß gemacht mit diesem Sender, das war eine Parodie die ich geschrieben habe und daraus wurde dann eine Klamotte gemacht und da hab ich dann aufgehört fürs Radio zu schreiben, eben auf Grund dessen was sie beschrieben haben. Und dann gibt es für den Autor eigentlich nur noch die Möglichkeit entweder da mitzulaufen, mit dem Mainstream, sich zu ekeln wenn man noch ästhetische Ansprüche hat oder sich eine andere Nische zu suchen.

Wilfried F. Schoeller: Ich glaube aber trotzdem das es ... Es gibt immer Spielräume. Also das sagt mir meine Lebenserfahrung das es immer Spielräume gibt, daß sie immer auch erworben werden müssen. Das heißt der Spielraum der ist nicht einfach da. Man schaut den Spielraum an und sagt: Aha, das ist der Spielraum. Sondern den muß man sich erwerben. Das ist zunächst einmal eine virtuelle Größe, die gefüllt werden muß mit den Entscheidungen, mit der Kraft, mit der Energie, mit dem Überzeugungswillen der Person, die also sich diesen Spielraum erwerben wollen. Wenn es dann trotzdem nicht geht, muss man Ausweichen. Das ist klar. Aber es schon eben mit den neuen Möglichkeiten gibt es auch neue Möglichkeiten zu produzieren. Das ist ja zunächst mal das Wichtige. Wenn ich etwas herstellen will, ein Hörspiel kann in meinem Kopf sein. Niemand kann sich dieses Hörspiel vorstellen, wenn es nur in meinem Kopf ist. Ich kann es auch nicht richtig formulieren, sonst müsste ich ja nicht herstellen. Also es muß hergestellt werden. Wenn ich eine Ahnung von dem was in meinem Kopf ist herstellen kann mit meinen eigenen Mitteln und nicht auf ein großes Hörfunkstudio mit manchmal bewundernswert tollen Fachleuten angewiesen bin. Also wenn die hohe Produktionshürde nicht da ist, habe ich einen neuen Spielraum der Argumentation auch gegenüber Leuten im Sender.
Und zweitens gibt es ja auch so etwas wie Szenen. Gerade in Berlin gibt es ja also eine ausgeprägte, sowohl im Osten wie im Westen vorhandene Hörspielszene. Die haben ihre eigenen Formen. Die haben ihre eigenen Möglichkeiten sich zu formulieren, sei es der Wasserturm Prenzlauer Berg oder das Observatorium oder sei es der Hanseatenweg wo auch immer diese Hörspieltage da veranstaltet worden sind, und vieles andere mehr. Es gibt einige sehr, sehr gute Dramaturgen hier in Berlin, die einem auch mit Rat und Tat zur Seite stehen können. Ich will damit sagen, hier sind günstige Vorraussetzungen und wenn es möglich ist etwas, wenigstens halbwegs, zustande zu bringen, daß sich jemand was vorstellen kann, ist man in einer besseren Ausgangssituation als wenn man so zu sagen es nur auf dem Papier hinträgt. Das ist zunächst mal ein Zugewinn an Möglichkeiten. Ich glaube wirklich das aus diesen technischen Möglichkeiten wenn die weiter fortschreiten, dass da ernorm viel Rückwirkung dann auf die Sender auch kommen wird und der kann man dann auf die Dauer auch nicht ausweichen. Wenn zehn Leute kommen und sehr intensiv etwas, was zunächst einmal für die Leute, die etwas anderes gewohnt sind, aufprallt bei denen, dann hat der Elfte auf jeden Fall eine Chance und dann setzt sich vielleicht im Nachhinein wieder etwas durch. So ist das neue Hörspiel auch entstanden. Das ist ja auch nicht gerade so zu sagen vom Himmel gefallen und wurde dann von allen geliebt.
Ja!

Wortmeldung aus dem Publikum, eine jüngere männliche Stimme (N.N.): Ja, also ich glaube das es längst nicht mehr um die Dekonstruktion von Theaterstücken oder von Theater oder von Dekonstruktion von Hörspiel handelt, sondern wir befinden uns in einer Situation von einer Dekonstruktion der Gesellschaft und in dieser Gesellschaft gibt es viel zu viel Feigheit und zu wenig Widerstandsgeist.

Zwischenruf aus dem Publikum: Könnte vielleicht jeder zuerst seinen Namen sagen?

Wilfried F. Schoeller: Die Bitte heißt, daß sie ihren Namen hinzufügen.

Maik Hamburger: Erstens zur Frage der Dekonstruktion. Ich glaube ich erinnere mich nicht, Herr Prof. Weimann kann mich ja da korrigieren wenn, daß Dekonstruktion ist eigentlich ein literarischer Begriff. Der bedeutet das man den Text genau auf seinen Hintersinn, auf seine Widersprüchlichkeiten, auf seine Eigenheiten prüft. Während heutzutage die Dekonstruktion, der Begriff wird angewendet auf eine Zerstörung schlechthin, auf eine Kaputtmachung, das ist vielleicht auch schon bezeichnend, das dieser Wandel stattgefunden hat.
Ich wollte aber noch mehr hinterfragen. Das Problem der Maßstäbe. Wir haben gesprochen über die Methodik mit der heute umgegangen wird mit alten Stücken, mit alten Texten, aber es nicht darüber gesprochen worden über das Ergebnis. Ja auch Shakespeare war ein Dekonstrukteur wenn man so wolle. Er hat also alles was er vorfand als Steinbruch verwendet, aber herausgekommen sind Stück also von hoher Qualität.
Wie beurteilt man eine Inszenierung, eine Performance die so entstanden ist wie das Karlheinz Braun beschrieb? Das ist also eigentlich mein Problem, weil ich kann nicht unterscheiden, denke ich, ich kann nicht unterscheiden zwischen Schaumschlägerei und einem ernsten Anliegen. Ich sehe nur das mit Texten, die ziemlich subtil und vielschichtig sind, oft sehr grob verfahren wird. Und da würde ich den Begriff an Stelle der Werktreue, der sehr widersprüchlich ist und sehr schwierig, so etwas wie Werkequivalenz, das heißt das Produkt sollte wenigstens einen ästhetischen und sinnvollen Wert haben, der zumindest annähernd dem des originalen Werk entspricht. Also wenn ein Peter Bruck oder irgendein anderer Regisseur von Format mit alten Texten umgeht, der dann oft umwandelt und sehr rigoros damit umgeht, ist am Ende aber doch etwas zu sehen das man als Kunstwerk anerkennt und das ist mein Problem, das ich das bei den meisten heutigen Aufführungen von Klassikern überhaupt nicht anerkenne. Es besagt mir nichts, ja. Das ist natürlich ganz subjektiv aber es ist ja immer subjektiv bei solchen ästhetischen und künstlerischen Urteilen.
Wer kann uns helfen unser Urteilsvermögen zu bilden, das man zu diesen Produkten eine Meinung haben kann?

Karlheinz Braun: Sehr, sehr schwierig. Ich habe heute den SPIEGEL-Artikel von Joachim Lottmann, der so verärgert hat die Theaterszene und natürlich hat der Lottmann voll zu unrecht alles über einen Kamm geschoren. Er hat zum Beispiel, ich hab sie nicht gesehen, aber alles was man hört und liest und von Leuten hört, die dies gesehen haben dies Mac Beth-Inszenierung in Düsseldorf, die ungeheuer radikal sein muß, also wirklich alles übertrifft was man an Grausamkeit und Entblößungen und Schrecken nur überhaupt darstellen kann mit den radikalsten Mitteln, also das muß wirklich ... alle die ...

Zwischenruf aus dem Publikum: Ist aber gut ...

Karlheinz Braun: ... viele die das gesehen haben sagen, das sei der echteste Shakespeare, den sie überhaupt je gesehen hätten Aber Lottmann stellt das gleich mit einem vollkommen anderen Schrott, mit einem Schrott einer anderen Bühne der gar nicht zu vergleichen ist damit. Es ist außerordentlich schwierig. Selbst die Kritik hat ja da ihre größten Schwierigkeiten. Vielleicht ist, das war immer ein Kriterium, ein Maßstab, das allerdings erst nach längerer Zeit herstellte, einer meiner Erfahrungen ist die, das die Aufführungen auch die Stücke die zuerst auf ganz großen Protest gestoßen sind, wo die Leute schrieen und aus dem Theater gingen, daß die vielleicht doch über Jahre im Gedächtnis bleiben, das da doch etwas bewirkt wurde und das da wirklich etwas geschehen ist auf der Bühne, was richtig war und was weiter führte. Die Zeit brachte es dann doch an den Tag was ... Die Zeit war dann das Kriterium. Aber das ist immer schwieriger geworden.

Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Das Moment heute ist das glaube ich gerade weshalb die alten Leute zuwenig Wut haben oder keine Wut zeigen, ist die Verunsicherung, daß in dem Moment wo ein Phänomen sehr stark kritisiert wird die Angst man könnte die Avantgarde verpaßt haben herrscht. Also das ist der Schlagetod mit dem man kommen wird, wenn man irgendwie versucht zu unterscheiden. Weshalb kein Intendant heute mehr den Mut hat eine Aufführung die blöde ist oder die bereits in der Entstehung als Scheitern zu sehen ist, das aus dem Verkehr zieht oder so etwas. Es übernimmt niemand mehr richtig Verantwortung für etwas. Ich glaube das ist das fehlende Wort weshalb so viele Leute dann allenfalls zu Melancholiker werden noch im Alter und weil das in keiner Weise diese Art von Verantwortung gefragt ist und das hängt nämlich ein bisschen mit zusammen, das es so etwas wie Regeln geben könnte und die Ausnahme aber immer erlaubt sein muß. Das ist halt. Es gibt bestimmte Sprichwörter und die vertragen sich mit diesem pseudodemokratischen Verständnis eben nicht. Das ist eben: Quod licet Iovi, non licet bovi, also was dem Herrn Jupiter erlaubt ist, ist noch lange nicht jedem Rindvieh erlaubt. Die Gosch-Inszenierung von MacBeth in Düsseldorf ist eine großartige Sache, würde ich sagen, und so Veranstaltungen wie in Frankfurt die sind hundertfach. Aber daß das nebenher so gleich existieren kann, das es von der Kritik keine Kriterien mehr entwickelt worden sind und das nicht gibt die Unterscheidung und das noch der größte Blödsinn irgendeinen Bejubler findet und andere Dinge zu wenig in ihren hervorragenden Charakter erkannt werden, daß ist im Moment dieser Mediendemokratie, das hat nichts mit Demokratie zu tun.
Und eine Sache nur zurück zu Karlheinz Brauns Anfängen: Das stimmt eben nicht ganz historisch. Der Hanswurst, der da ausgetrieben wurde, das war ein Phänomen.

Karlheinz Braun: (schmunzelnd) Ist schon klar.

Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.) – Fortsetzung: Das war eigentlich der Schauspieler, also das ist in höherer Form der Harlekin und da war immer sehr stark der improvisierende, der Jahrmarktschauspieler, das war im Vordergrund und die Neuberin ist eigentlich eine ungeheure progressive Erscheinung. Was die gemacht hat damals war wirklich ungeheuer gut. Und leider hat ihr Partner Lessing zu wenig Einfluß gehabt erst und es war dieser langweilige Schulmeister Gottsched ein bisschen mehr, ein sehr deutsche Studienrat, und da hat sie sich ein bisschen zu lang mit ihm aufgehalten. Aber was sie wollte war eigentlich ein bewußtes Einführen verantwortlicher Umgehen mit den Texten, die Autoren schreiben und überhaupt mehr Autoren zu Geltung zu verschaffen. Das ist die Neuberin, die erste große Regisseurin des Theaters eigentlich wenn man die Geschichte der Regie könnte man da anfangen lassen, oder so etwas. Das ist wirklich zu sehen und anderseits der Hanswurst was ungeheuer Lebendiges und das muß immer im Widerstreit sein. Dieses Regisseurtheater, würde ich es nur nennen, Regietheater ist etwas Großartiges, dieses Regisseurstheater was daran so dilettantisch ist und verhängnisvoll ist, das müßte genauer bezeichnet werden. Aber leider werden die blödesten Einfälle mit viel größerem medialen Echo belohnt, als eine solide Arbeit. Überhaupt ist das Professionelle, das was die Regel ist oder so was erst einmal sein muß, ist nicht spektakulär und wird nicht belohnt, sondern nur so der geniale Furz, der wird bewundert. Nun sind aber 99 dieser genialen Fürze leere Luft und es gibt nur den einen tollen und das ist eben die Sache. Deswegen müßte die Normalität, die Regel, die müßte mehr Geltung haben und diese Ordnung. Also das fände ich ist das Problem und es ist nicht notwendig. Im ganzen akademischen Bereich, damit hatte ich zwölf Jahre zu tun, mit der Schauspielschule, wo ich noch versuche so Regeln aufrecht zu erhalten, das ein bisschen zu machen. Belohnt wird es nicht in der Weise jetzt was Künste sind, sondern es werden die Schaumschläger doch viel eher erst mal belohnt und die Aufsehen erregen und wer sich damit zufrieden gibt und nicht darauf baut, das er irgendwann mit dem durchkommt was ihn umtreibt künstlerisch, der ist erst mal ein bisschen schlecht dran in dieser, natürlich hängt es mit dem zusammen was dieser Herr da sagte. Wir müssen vielmehr dies in diesem Umkreis sehen was Kohle bringt, was medial macht, das wird unterstützt. Viele Dinge brauchts nicht mehr und die Utopie von Brecht oder Benjamin, das ist halt dahin, die Aufhebung der Grenzen zwischen Produzent und Rezipient. Ist ja wunderbar, wenn das passieren würde aber es braucht erstmal den verantwortungsvollen Produzenten. Aber die Autoren müssen ja heute rum die Gelder eintreiben und dann einen Produzenten finden, der die Gelder verwaltet. Sie dürfen das gar nicht selber. Aber es gibt heute keine Produzenten mehr die das Schultern und für den Künstler durchsetzen wollen, erst. Und diese ganzen Phänomene, es ist so umfänglich in dem Thema. Ein Lehrstuhl für Performance wird bereits belohnt und das wird innovatorisch genannt. Das ist der Skandal, das diese ganzen alten Hüte, die sind gar nicht nötig. Man kann bei vielen Dingen bleiben. Die müssen genau betrieben werden und dann gilt es natürlich diese Regeln oder das Normale zu durchstoßen. Die Ausnahme ist dann die Sensation, aber die entsteht nur auf der Basis der Regel.
Aber ich will sie nie zum Dogma erklären. Sofort würde ich dagegen aufstehen. Vielleicht war die etwas schönere Zeit, wo man so viele Dinge wirklich wieder, so bestimmte Regeln, in die Welt setzen konnte, ist dann interessanter als sie nur zu zerhauen.

[Beifall aus dem Publikum]

Wilfried F. Schoeller: Ja, meine Damen und Herren, damit wir jetzt nicht zu melancholisch werden machen wir eine Kaffeepause und dann geht es frisch und neu los.

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