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P.E.N.-Vorkongress
2006:
Abschrift der offenen
Diskussion Wilfried F. Schoeller: Wenn Sie mit uns diskutieren wollen, austauschen, Gedanken austauschen wollen stehen Karlheinz Braun und ich zur Verfügung, bevor wir eine Pause machen. Ja! Da hinten! Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Ja guten Tag. Was halten sie den
von Podcast also diesem Radio on Demand oder Radio auf Abruf im Internet? Wilfried F. Schoeller: Also, zunächst einmal ist es da, Radio on
Demand, da geht es darum das man sich sein Programm selber zusammenstellen
kann, programmiert das und kann es dann zur jeden beliebigen Zeit und
vor allen Dingen bei einer günstigen Gelegenheit abhören. Man
ist nicht mehr an den Augenblick der Sendung verwiesen und das ist natürlich
ein großer Vorteil. Keine Frage. Aber das setzt voraus, das ist
aber nur eine Nutzungsangelegenheit die wird vermutlich keine Rückwirkung
haben, aber wer kann das schon sagen, wie die Rückwirkungen sind.
Wir müssen ja im Grunde genommen in sehr kleinen Zeitspannen denken
weil der gesamte technische Prozeß und wieder rückwirkt auf
die Produktion ja sehr, sehr schwer beschreibbar ist. Karlheinz Braun
hat ja jetzt vom Theater der Regisseure gesprochen. Es ist ja jetzt noch
nicht so lange her das es auch ein anderes Theater gegeben hat. Es wirkt
nur so weit weg. Aber im Grunde genommen sind es zehn Jahre und das jetzt
das Theater, das sie jetzt so beschrieben haben, nun so eine große
Gültigkeit bekommen hat, ist ja noch nicht so lange her. Wollen Sie etwas sagen? Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Stichwort schneller! Wilfried F. Schoeller: Das ist sicher der Fall und dieses große Wunschlatein aus den zwanziger Jahren das ja manchmal sehr komisch wirkt. Auf der anderen Seite doch noch mal wie eine Art groß angelegte Aussage über das Ganze, so zu sagen alle Sachverhalte: Das All, die Welt, die Kommunikation , die Liebe. Das wird ja alles in diesen Aussagen da irgendwie verhandelt und das zeigt wie so zu sagen rückständig die Autoren sind in der Frage, wie man sich mit Worten das zurecht legt was da passiert auf der einen Seite und wie sensibel auf der anderen Seite auf die neuen Herausforderungen reagiert wird. In dieser Doppeldeutigkeit stehen wahrscheinlich alle Autoren die sich ernsthaft mit dem Internet und ähnlichen Angelegenheiten beschäftigen. Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Ja da darf
doch aber gefragt werden ob Ansatzpunkt vom Urheberrecht, den ich im
Referat von Karlheinz Braun
gehört habe, da richtig greifen kann. Sicherlich ist das Urheberecht
so ein Schutzrecht des individuellen Autors für seine Produktionen.
Auch des lebenden und schreibenden Autors, der ja von seinem Schreiben
leben muß. Aber wenn man in die Debatte des Urheberechts zum Zeitpunkt
seines Entstehen hineingeht, wo sie als privatkapitalistisches Urheberecht
so zu sagen konzipiert wurde und dann der Autor als Besitzer seines Gedankens,
seines Produktes dessen Veränderung er verteidigt gegen jeden Eingriff.
Dann findet man, daß da eine Debatte über das Urheberrechts
gefunden worden ist, in der, geführt worden ist, in der die neuere
Debatte, in der die Autorenrolle wieder aufgerollt wird, schon enthalten
gewesen ist. Wenn sie die Debatten die Reimarus in der Frühzeit
des Urheberrechts geführt hat und schlicht bestritten hat, daß es
so etwas wie einen privaten Besitz, ein privates Urheberrecht, geistiges
Eigentum in ganz strikten Sinne geben kann, das man dann zuordnen und
schützen kann. Wenn wir auf diese Position zurückgehen dann
kommen wir, so glaube ich, auf eine ganze Reihe von gerechtfertigten
Fragen die uns erlauben, glaube ich, neue Formen der Produktion, die
wir schon längst ja auch hatten im Film, wo der Autor zum Beispiel
keineswegs mehr Besitzer seiner Rechte gewesen ist, sondern wo der Produzent
alles Urheberrecht in seiner Hand hatte und die Autorenrollen unterteilt
gewesen sind. Wenn das alles so ist, dann weiß ich nicht, ob wir
gut daran tun aus der Position des Urheberrechts des lebenden Autors,
der vor allem am unveränderten Gebrauch seines Werkes festhält
und das also dauernd schützen will, wenn wir es von daher wirklich
aufrollen wollen. Karlheinz Braun: Ja ich hab es ja angedeutet, daß sich möglicherweise
die Rolle des Autors tatsächlich verändert gerade bei den darstellenden
Künsten, im Theater, im Film, im Fernsehen usw.. Wo ja gerade die
ja nicht einen Urheber haben und wir haben ja im Theater, der Regisseur
ist ja auch ein Urheber in jedem Fall und es geht ja da schon lange immer
der Streit darum, ob er nur einen Leistungsschutz beanspruchen kann oder
auch ein urheberrechtliches Autorenrecht. Es kann durchaus sein, daß diese
Veränderungen in der Rolle des Autors stattfindet. Im Augenblick
haben wir nur, glaub ich, gar kein anderes Mittel um den Mißbräuchen
zu begegnen als eventuell nur mit dem Pochen auf Urheberrecht oder so
etwas. Man muß ab und zu mal Aufschreien. Ob das überhaupt
... wie ich gesagt habe ... geht das unglaublich schnell, wird alles
möglich. Und es ist in dem Augenblick gar keine Hemmschwelle mehr
da, von niemanden mehr, in den Medien und in den Theatern. Wenn sie ...
Ich weiß nicht wie wir uns wehren können. In Film- und Fernsehproduktionen
ist geradezu Gang und Gebe, daß ganz, ganz viele Drehbücher
die der Regisseur mit oder ohne Genehmigung des Drehbuchautors so verändert
hat, daß der Urautor nichts mehr erkennt und das da die Produzenten,
da steht sehr viel Geld auf dem Spiel, es ist schon soviel investiert
worden, und es wird … ununterbrochen einigt man sich darauf das
der Autor seinen Namen zurückzieht und irgendein Pseudonym eingesetzt
wird. Was wollen sie machen? Wollen sie ... Soll der Autor klagen
gegen den Sender oder gegen den Produzenten? Wilfried F. Schoeller: Jetzt war da hinten eine Wortmeldung und dann ... Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Entschuldigung. Sie diskutieren diese Fragen doch in einem sehr schmalen Ausschnitt. Sie sprechen von dem Autor, sie sprechen von dem Theater, sie sprechen von dem Publikum. Vielleicht müßten wir doch mal zur Kenntnis nehmen, daß die überwiegende Mehrheit des Publikums, der Autoren usw. mit dieser Art von Theater nichts mehr zu tun hat. Darin liegt ja eine bedeutende Kritik. Das ist ja in etwa ein Vorgang wie wir ihn in der Architektur haben. Wir haben eine moderne hochintellektuelle, hochkomplizierte Architektur. Aber die Wirklichkeit der meisten Menschen findet in der Architektur der Einkaufszentren, der MacDonalds usw. statt. So ist es ja bei den Theatern ähnlich. Für die Mehrzahl von Theaterbesuchern findet ja das Theater in Stadttheatern, in den Spieltheatern, auf den Freilichtbühnen mit ihren Unsäglichkeiten statt. Da hat natürlich eine Verdrängung stattgefunden, die ich beinahe noch schrecklicher finde, als das was das Regietheater mit den Autoren macht. Karlheinz Braun: Ja es ist natürlich auch ... Ich hab gesagt, daß ich
da sehr pauschalisiere und dieser Zustand, den ich beschrieben habe,
natürlich nicht überall gleich ist, sondern es gibt bestimmte
Trends die natürlich gesetzt werden und die sich dann überall
festsetzt. Ich meine das Publikum ... Sie haben da vollkommen recht,
daß das Theater inzwischen, das liegt aber nicht nur an diesem
Phänomen die ich beschrieben habe, sondern das Theater ist inzwischen
etwas marginal geworden. Es liegt längst nicht mehr, es längst
nicht mehr so im Zentrum des kulturellen Bewußtsein wie vor einer
Generation oder wie vor zwei Generationen. Und daran spielt sicherlich
eine Rolle ... Das hat ganz, ganz viele, viele, viele Ursachen: Verschwindende
Bildung, Bewußtsein, die Konzertveranstalter beklagen das selbe.
Und wenn sie in große Konzertsäle gehen ist da auch ein Silbermeer
zu sehen und die Jungen fehlen usw.. Wilfried F. Schoeller: Ja da hinten noch ... Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Mich bewegt
eine Frage, die ich einmal als blanke Impression in den Raum stellen
möchte. Wilfried F. Schoeller: Also wir teilen ja den Wunsch und die Hoffnung das es jüngere Leute gibt die da hinstehen und ihre Position beschreiben und auch wie sie so zu sagen hinter solchen Apparaten ihr Recht und ihre Arbeitsmöglichkeiten erwerben. Nur, ich hab es ja ganz am Anfang gesagt: Ich hab keinen gefunden. Da sagt keiner was. Das muß man einfach mal so nehmen wie es ist. Ich hab mich redlich bemüht also so zu sagen es steht ein Melancholiker und noch ein anderer Melancholiker steht da und sagt: eine Welt, die man unterschiedlich in ihren zeitlichen Ausdehnungen beschreiben kann. Ich bin bis zu den Zwanzigern zurück gegangen, weil das eben die großen Signale waren, die auch schon ein bisschen komisch sich anhören, aber die man auch ironisch nehmen kann, die aber noch mal einmal so zu sagen alles noch mal geredet worden ist angesichts dieser neuen Herausforderung. Das ist ein größerer Zeitraum als der, den Karlheinz Braun nimmt, aber dann müßten sie tatsächlich die jungen Leute fragen, aber nun suchen sie mal ... Das ist nicht so einfach. Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Ich bin eigentlich
ganz dankbar für den Beitrag. Ich hätte das Gleiche auch gesagt, nur viel
kürzer. Wilfried F. Schoeller: Ja! Wortmeldung aus dem Publikum, eine jüngere männliche Stimme (N.N.): Ja, da die jungen Leute nun angesprochen worden sind. Ich kann das also nur bestätigen was sie gesagt haben. Jetzt nur als Beispiel da das Deutschlandradio erwähnt worden ist. Das erste Hörspiel was ich dort gehabt habe, das ist jetzt auch schon einige Jahre her, das ist nur zustande gekommen, erstens weil das Theaterstück dazu, was die Grundlage dafür war, einen Preis bekommen hat. Das Hörspiel ist so einigermaßen, also für beide Seiten, sagen wir mal befriedigend gewesen, und beim zweiten Hörspiel wurde mir schon gesagt: Das Ganze war damals ein Mißverständnis. Die Programmdirektion hatte sich noch nicht so artikuliert wie eben die Normative sind und da gab es für die Redakteure noch einen Spielraum und der sei jetzt nicht mehr da. Und da hab ich noch einen Kompromiß gemacht mit diesem Sender, das war eine Parodie die ich geschrieben habe und daraus wurde dann eine Klamotte gemacht und da hab ich dann aufgehört fürs Radio zu schreiben, eben auf Grund dessen was sie beschrieben haben. Und dann gibt es für den Autor eigentlich nur noch die Möglichkeit entweder da mitzulaufen, mit dem Mainstream, sich zu ekeln wenn man noch ästhetische Ansprüche hat oder sich eine andere Nische zu suchen. Wilfried F. Schoeller: Ich glaube aber trotzdem
das es ... Es gibt immer Spielräume. Also das sagt mir meine Lebenserfahrung das es immer
Spielräume gibt, daß sie immer auch erworben werden müssen.
Das heißt der Spielraum der ist nicht einfach da. Man schaut den
Spielraum an und sagt: Aha, das ist der Spielraum. Sondern den muß man
sich erwerben. Das ist zunächst einmal eine virtuelle Größe,
die gefüllt werden muß mit den Entscheidungen, mit der Kraft,
mit der Energie, mit dem Überzeugungswillen der Person, die also
sich diesen Spielraum erwerben wollen. Wenn es dann trotzdem nicht geht,
muss man Ausweichen. Das ist klar. Aber es schon eben mit den neuen Möglichkeiten
gibt es auch neue Möglichkeiten zu produzieren. Das ist ja zunächst
mal das Wichtige. Wenn ich etwas herstellen will, ein Hörspiel kann
in meinem Kopf sein. Niemand kann sich dieses Hörspiel vorstellen,
wenn es nur in meinem Kopf ist. Ich kann es auch nicht richtig formulieren,
sonst müsste ich ja nicht herstellen. Also es muß hergestellt
werden. Wenn ich eine Ahnung von dem was in meinem Kopf ist herstellen
kann mit meinen eigenen Mitteln und nicht auf ein großes Hörfunkstudio
mit manchmal bewundernswert tollen Fachleuten angewiesen bin. Also wenn
die hohe Produktionshürde nicht da ist, habe ich einen neuen Spielraum
der Argumentation auch gegenüber Leuten im Sender. Wortmeldung aus dem Publikum, eine jüngere männliche Stimme (N.N.): Ja, also ich glaube das es längst nicht mehr um die Dekonstruktion von Theaterstücken oder von Theater oder von Dekonstruktion von Hörspiel handelt, sondern wir befinden uns in einer Situation von einer Dekonstruktion der Gesellschaft und in dieser Gesellschaft gibt es viel zu viel Feigheit und zu wenig Widerstandsgeist. Zwischenruf aus dem Publikum: Könnte vielleicht jeder zuerst seinen Namen sagen? Wilfried F. Schoeller: Die Bitte heißt, daß sie ihren Namen hinzufügen. Maik Hamburger: Erstens zur Frage der Dekonstruktion.
Ich glaube ich erinnere mich nicht, Herr Prof. Weimann kann mich ja
da korrigieren wenn,
daß Dekonstruktion ist eigentlich ein literarischer Begriff. Der
bedeutet das man den Text genau auf seinen Hintersinn, auf seine Widersprüchlichkeiten,
auf seine Eigenheiten prüft. Während heutzutage die Dekonstruktion,
der Begriff wird angewendet auf eine Zerstörung schlechthin, auf
eine Kaputtmachung, das ist vielleicht auch schon bezeichnend,
das dieser Wandel stattgefunden hat. Karlheinz Braun: Sehr, sehr schwierig. Ich habe heute den SPIEGEL-Artikel von Joachim Lottmann, der so verärgert hat die Theaterszene und natürlich hat der Lottmann voll zu unrecht alles über einen Kamm geschoren. Er hat zum Beispiel, ich hab sie nicht gesehen, aber alles was man hört und liest und von Leuten hört, die dies gesehen haben dies Mac Beth-Inszenierung in Düsseldorf, die ungeheuer radikal sein muß, also wirklich alles übertrifft was man an Grausamkeit und Entblößungen und Schrecken nur überhaupt darstellen kann mit den radikalsten Mitteln, also das muß wirklich ... alle die ... Zwischenruf aus dem Publikum: Ist aber gut ... Karlheinz Braun: ... viele die das gesehen haben sagen, das sei der echteste Shakespeare, den sie überhaupt je gesehen hätten Aber Lottmann stellt das gleich mit einem vollkommen anderen Schrott, mit einem Schrott einer anderen Bühne der gar nicht zu vergleichen ist damit. Es ist außerordentlich schwierig. Selbst die Kritik hat ja da ihre größten Schwierigkeiten. Vielleicht ist, das war immer ein Kriterium, ein Maßstab, das allerdings erst nach längerer Zeit herstellte, einer meiner Erfahrungen ist die, das die Aufführungen auch die Stücke die zuerst auf ganz großen Protest gestoßen sind, wo die Leute schrieen und aus dem Theater gingen, daß die vielleicht doch über Jahre im Gedächtnis bleiben, das da doch etwas bewirkt wurde und das da wirklich etwas geschehen ist auf der Bühne, was richtig war und was weiter führte. Die Zeit brachte es dann doch an den Tag was ... Die Zeit war dann das Kriterium. Aber das ist immer schwieriger geworden. Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.): Das Moment
heute ist das glaube ich gerade weshalb die alten Leute zuwenig Wut
haben oder keine Wut zeigen,
ist die Verunsicherung, daß in dem Moment wo ein Phänomen
sehr stark kritisiert wird die Angst man könnte die Avantgarde verpaßt
haben herrscht. Also das ist der Schlagetod mit dem man kommen wird,
wenn man irgendwie versucht zu unterscheiden. Weshalb kein Intendant
heute mehr den Mut hat eine Aufführung die blöde ist oder die
bereits in der Entstehung als Scheitern zu sehen ist, das aus dem Verkehr
zieht oder so etwas. Es übernimmt niemand mehr richtig Verantwortung
für etwas. Ich glaube das ist das fehlende Wort weshalb so viele
Leute dann allenfalls zu Melancholiker werden noch im Alter und weil
das in keiner Weise diese Art von Verantwortung gefragt ist und das hängt
nämlich ein bisschen mit zusammen, das es so etwas wie Regeln geben
könnte und die Ausnahme aber immer erlaubt sein muß. Das ist
halt. Es gibt bestimmte Sprichwörter und die vertragen sich mit
diesem pseudodemokratischen Verständnis eben nicht. Das ist eben:
Quod licet Iovi, non licet bovi, also was dem Herrn Jupiter erlaubt ist,
ist noch lange nicht jedem Rindvieh erlaubt. Die Gosch-Inszenierung von
MacBeth in Düsseldorf ist eine großartige Sache, würde
ich sagen, und so Veranstaltungen wie in Frankfurt die sind hundertfach.
Aber daß das nebenher so gleich existieren kann, das es von der
Kritik keine Kriterien mehr entwickelt worden sind und das nicht gibt
die Unterscheidung und das noch der größte Blödsinn irgendeinen
Bejubler findet und andere Dinge zu wenig in ihren hervorragenden Charakter
erkannt werden, daß ist im Moment dieser Mediendemokratie, das
hat nichts mit Demokratie zu tun. Karlheinz Braun: (schmunzelnd) Ist schon klar. Wortmeldung aus dem Publikum (N.N.) – Fortsetzung: Das war eigentlich
der Schauspieler, also das ist in höherer Form der Harlekin und
da war immer sehr stark der improvisierende, der Jahrmarktschauspieler,
das war im Vordergrund und die Neuberin ist eigentlich eine ungeheure
progressive Erscheinung. Was die gemacht hat damals war wirklich ungeheuer
gut. Und leider hat ihr Partner Lessing zu wenig Einfluß gehabt
erst und es war dieser langweilige Schulmeister Gottsched ein bisschen
mehr, ein sehr deutsche Studienrat, und da hat sie sich ein bisschen
zu lang mit ihm aufgehalten. Aber was sie wollte war eigentlich ein bewußtes
Einführen verantwortlicher Umgehen mit den Texten, die Autoren schreiben
und überhaupt mehr Autoren zu Geltung zu verschaffen. Das ist die
Neuberin, die erste große Regisseurin des Theaters eigentlich wenn
man die Geschichte der Regie könnte man da anfangen lassen, oder
so etwas. Das ist wirklich zu sehen und anderseits der Hanswurst was
ungeheuer Lebendiges und das muß immer im Widerstreit sein. Dieses
Regisseurtheater, würde ich es nur nennen, Regietheater ist etwas
Großartiges, dieses Regisseurstheater was daran so dilettantisch
ist und verhängnisvoll ist, das müßte genauer bezeichnet
werden. Aber leider werden die blödesten Einfälle mit viel
größerem medialen Echo belohnt, als eine solide Arbeit. Überhaupt
ist das Professionelle, das was die Regel ist oder so was erst einmal
sein muß, ist nicht spektakulär und wird nicht belohnt, sondern
nur so der geniale Furz, der wird bewundert. Nun sind aber 99 dieser
genialen Fürze leere Luft und es gibt nur den einen tollen und das
ist eben die Sache. Deswegen müßte die Normalität, die
Regel, die müßte mehr Geltung haben und diese Ordnung. Also
das fände ich ist das Problem und es ist nicht notwendig. Im ganzen
akademischen Bereich, damit hatte ich zwölf Jahre zu tun, mit der
Schauspielschule, wo ich noch versuche so Regeln aufrecht zu erhalten,
das ein bisschen zu machen. Belohnt wird es nicht in der Weise jetzt
was Künste sind, sondern es werden die Schaumschläger doch
viel eher erst mal belohnt und die Aufsehen erregen und wer sich damit
zufrieden gibt und nicht darauf baut, das er irgendwann mit dem durchkommt
was ihn umtreibt künstlerisch, der ist erst mal ein bisschen schlecht
dran in dieser, natürlich hängt es mit dem zusammen was dieser
Herr da sagte. Wir müssen vielmehr dies in diesem Umkreis sehen
was Kohle bringt, was medial macht, das wird unterstützt. Viele
Dinge brauchts nicht mehr und die Utopie von Brecht oder Benjamin, das
ist halt dahin, die Aufhebung der Grenzen zwischen Produzent und Rezipient.
Ist ja wunderbar, wenn das passieren würde aber es braucht erstmal
den verantwortungsvollen Produzenten. Aber die Autoren müssen ja
heute rum die Gelder eintreiben und dann einen Produzenten finden, der
die Gelder verwaltet. Sie dürfen das gar nicht selber. Aber es gibt
heute keine Produzenten mehr die das Schultern und für den Künstler
durchsetzen wollen, erst. Und diese ganzen Phänomene, es ist so
umfänglich in dem Thema. Ein Lehrstuhl für Performance wird
bereits belohnt und das wird innovatorisch genannt. Das ist der Skandal,
das diese ganzen alten Hüte, die sind gar nicht nötig. Man
kann bei vielen Dingen bleiben. Die müssen genau betrieben werden
und dann gilt es natürlich diese Regeln oder das Normale zu durchstoßen.
Die Ausnahme ist dann die Sensation, aber die entsteht nur auf
der Basis der Regel. [Beifall aus dem Publikum] Wilfried F. Schoeller: Ja, meine Damen und Herren, damit wir jetzt nicht zu melancholisch werden machen wir eine Kaffeepause und dann geht es frisch und neu los. ___________________________________ Weitere Informationen hier im Archiv: :: Übersicht der Biographien der Beteiligten :: Zur Startseite dieser Dokumentation Veröffentlichung dieser Seite am 18. Mai 2006 |
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