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P.E.N.-Vorkongress
2006:
Kapitulation oder neue Herausforderung?
Schriftsteller in der Mediengesellschaft
am 24. März 2006 in der Akademie der Künste, Berlin
Autorisierte Textfassung zum Vortrag:
"Der gebildete Autor.
Plädoyer für einen altmodischen Typus"
von Prof. Dr. Gert Mattenklott
Der O-Ton zum Vortrag, mit einer Länge
von 29:31 Minuten, steht im mp3-Format
in drei Dateigrößen wie folgt zur Verfügung:
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Prof. Dr. Gert Mattenklott
Foto: © Prof. Mattenklott, privat
|
__________________________________________
Der
gebildete Autor.
Plädoyer für einen altmodischen Typus
von Prof. Dr. Gert Mattenklott,
Freie Universität Berlin
Bildung in der Form, in der
sie noch den vor dem Zweiten Weltkrieg Geborenen erstrebenswert
war, degeneriert
heute zum Restbestand
von Konversationskultur. Dort erscheint sie samt ihren Inhalten als
Teil einer Geschichte, der sie als lebendiger Tradition endgültig
entwächst.
Wenn Dietrich Schwanitz kurz vor der Jahrtausendwende auf rund 700
Seiten der Taschenbuchausgabe noch einmal „alles, was man wissen
muss“ zusammenstellt
(übrigens so gut wie ohne Berücksichtigung der Naturwissenschaften),
so kann man das kaum anders denn als Realsatire lesen (Quellenangabe
# 1).
Flaubert hatte schon
etwas Ähnliches versucht, im Unterschied zu Schwanitz allerdings,
ohne daran zu glauben und mit deutlichem Sarkasmus: „Dictionnaires
des Idées recues“, ein Wörterbuch der Gemeinplätze
des 19. Jahrhunderts. Mit den vielerlei Inhalten, die früher schon
peu à peu als abgesunkene Kulturgüter deklariert worden waren,
scheint dieses Schicksal nun Bildung ihrem herkömmlichen Begriff nach
insgesamt zu treffen. Sich protestierend und appellierend dagegen
zu stemmen, ist ein Reflex, der der Kontrolle bedarf. Er wird allzu
schnell und dann
verhängnisvoll zum Impuls eines allgemeinen kulturkritischen Geschwätzes,
in dem er sich ununterscheidbar vom Ressentiment aller Opponenten
des Modernisierungsprozesses und seiner technischen Agenturen verliert.
Die Geschichte der Bildung ist in all ihren Phasen eng mit dem Prozess
medialer Modernisierung verschränkt gewesen. Inhalt, Form und Begriff
von Bildung haben sich im Rahmen dieser Verschränkung stetig verändert.
Ein höheres medientechnisches Niveau hat stets zu einer Erweiterung
des Bildungspublikums geführt, zugleich aber auch die Sorge genährt,
dass diese Expansion den exklusiven Sinn von Bildung zum Verschwinden bringen
könnte. Wird doch Bildung nicht nur daran gemessen, wie weit sie sich
erstreckt, sondern auch daran, welche Gestalt sie durch das Vermögen
zu qualitativer Unterscheidung annimmt. Immer haben sich deshalb traditionelle
Bildungsschichten von technischen Innovationen neuer Medien mit ihrer Tendenz
zur Entwertung des überkommenen Kanons und alter Hierarchien herausgefordert
gefühlt und mit Abwehr reagiert. Wer sich unter den gegenwärtigen
Bedingungen neuer Medientechnologien für ein so hausbackenes Konzept
wie das von Bildung stark macht, tut gut daran, sich die neue Medientechnologie
zum Partner zu machen statt sich gegen sie zu verstocken.
Ein gutes Beispiel für eine solche Aufgeschlossenheit bietet kein
anderer als Goethe an einer für die mediale Modernisierung besonders
wichtigen Schwelle, die durch neue Reproduktionstechnologien charakterisiert
war. In anekdotischer Konzentration ist das einem Zeugnis zu entnehmen,
in dem der Dichter das entscheidende Bildungserlebnis seines Lebens
mitteilt:
Denn es geht,
man darf wohl sagen, ein neues Leben an, wenn man das Ganze mit
Augen sieht, das man
teilweise
in- und auswendig kennt. Alle Träume meiner Jugend seh ich nun
lebendig, die ersten Kupferbilder, deren ich mich erinnre (mein Vater
hatte die Prospekte von Rom auf einem Vorsaale aufgehängt),
seh ich nun in Wahrheit, und alles, was ich in Gemälden und
Zeichnungen, Kupfern und Holzschnitten, in Gyps und Kork
schon lange gekannt, steht nun beisammen vor mir, wohin ich gehe,
find
ich eine
Bekanntschaft in einer neuen Welt, es ist alles wie ich mirs
dachte, und alles neu.
(Quellenangabe
# 2 ) |
Bemerkenswerterweise waren Kunst und Geschichte des Altertums in
ihrer seinerzeit modernsten medialen Form dem Bildungserlebnis
als lebendiger Erfahrung vorgängig. So war die bildliche Reproduktionstechnik unter
den gegebenen technischen Mitteln perfektioniert worden. Dennoch bleibt
dieses Wissen so „flach“ wie die als Text oder bildliche Reproduktion
vermittelten Exponate es sind, an denen Goethe Rom vor seiner Reise studiert
hatte. Plastisch wird dieses Wissen erst durch körperlich sinnenhafte
Erfahrung und emotional-intellektuelle Verinnerlichung. Aus dem extern
vergegenständlichten Mediengedächtnis wird durch Bildung des
lebendigen Menschen am lebenden Objekt eine intern wirksame Erinnerung,
die für den Reisenden auch späterhin noch einen anderen Wert
besitzt als die mediale Reproduktion. Die Geschichte Roms, an ihrem Ort
und in der Gegenwart des Reisenden leibhaftig erfahren, erweckt das Medienwissen
zu aktueller Präsenz, in der alles neu erscheint. - Ebenfalls bemerkenswert
ist die Bedeutung, die Goethe von hier an dem persönlichen Zeugnis
des Gebildeten beimisst. Von den Briefen an die Weimarer Freunde bis zur
eigentlichen Begründung der Reiseprosa als eigener Kunstform in der „Italienischen
Reise“ erhält dieses Zeugnis des Gebildeten von der Verwandlung,
die ihm selbst durch lebendige Erfahrung zuteil wurde, einen eigenen Rang
neben der mechanischen Reproduktion. Autorschaft erfährt hier eine
Begründung ganz eigener Art. Mir scheint, dass abstraktes Wissen,
individuelle Erfahrung und eben dieses persönliche Zeugnis erst zusammen
genommen Bildung ausmachen. Denn dieses Zeugnisablegen durch Individuen
kann Tradition stiften. Jedenfalls liegt hierin die Chance, sie anders
zu begründen als durch die Hegemonie der jeweiligen Herrschaftsträger
und ihrer Institutionen.
Ein Missverständnis ist hier sogleich abzuwehren. Die mediale Reproduktion
war ein nicht nur technischer Fortschritt, und es kann nicht etwa darum gehen,
eine ominöse Authentizität von persönlichen Erlebnissen dagegen
auszuspielen. Kupfer- und Stahlstiche haben vielen Generationen den Wissenshorizont
revolutionär erweitert und damit die Voraussetzung von Bildung geschaffen:
ob in den Reiseberichten Cooks, Forsters und Alexander von Humboldts, Diderots
Enzyklopädie oder Linnés Dokumentation von Flora und Fauna, von den
Reproduktionen der Kunstwelt, wie sie der junge Goethe im Elternhaus vorfand,
ganz zu schweigen. Zeitlebens hat deshalb Goethe die Entwicklung der technischen
Medien dankbar und mit höchster Aufmerksamkeit begleitet. Bildung geschieht
aber nicht im Medium, sondern als Reaktion auf das Medium. So wird das auch gegenwärtig
gesehen, freilich mit recht anderen Konsequenzen. So heißt es in einem
Beitrag aus diesem Jahr über „Kognition und Wahrnehmung in der Informations-
und Wissensgesellschaft“:
Wissen
wird also nicht von einem Kopf in einen anderen kopiert,
sondern eine Externalisierung (Verschriftlichung,
Visualisierung) wird interpretiert und konstruktiv angeeignet.
Dabei
ist heute das meiste Wissen sozusagen ‘second head‘,
denn es beruht nicht mehr auf eigenen Erfahrungen, sondern
es ist angelesen oder abgeschaut. Das kollektive Wissen einer Gesellschaft
ist über viele Hirne verteilt und kann nur effektiv werden,
wenn diese miteinander kommunizieren.
(Quellenangabe
# 3) |
Mit diesen Worten wirbt Steffen-Peter Ballstaedt, ein Informationstheoretiker,
für die neue Wissensgesellschaft. Und in der Tat, die technischen Medien,
vor allem in ihrer digitalisierten Form, expandieren mit der Dynamik eben dieser
technischen Perfektibilierung zu einem gigantischen Wissensspeicher. Doch ohne
Individualisierung bleibt dieses Wissen kontur- und gestaltlos, bleibt auch die
Kommunikation über das „Angelesene“ und „Abgeschaute“ persönlich
beziehungslos. Eben hierin liegt aber der entscheidende Unterschied zwischen
der individuell angeeigneten, verinnerlichten und bezeugten Bildung und Konzepten,
wie dem zitierten. Bildung ist an die Idee des Individuums untrennbar gebunden,
das unter den extern gegenständlichen Wissensbeständen auswählt,
sie bewertet, emotional verinnerlicht und seine Bedeutung bezeugt. Wenn die Wissens-
und Mediengesellschaft Bildung aus der Perspektive einer amorphen Wissensmasse
konzipiert, die auf die eine oder andere Weise ihrer effektiven Verwertung durch
die Konsumenten zuzuführen ist, so bedeutet das eine perverse Verkehrung
auf Kosten des Subjekts und seiner individuellen Mitbestimmung und Wahlfreiheit.
Im Bildungserlebnis und seiner Bezeugung erhält das Wissen eine persönliche
Signatur. Begriffe wie „Volksbildung“, „Erwachsenenbildung“ etc.
täuschen trügerisch über diese Voraussetzung hinweg, als könnten
Kollektive und ihre Anleitung durch Medienpädagogen und –didaktiker
diese persönliche Aneignung ersetzen. – Lassen Sie mich diesen Zusammenhang
an einer weiteren Anekdote erläutern. In Marburg an der Lahn hat der erste
Proletariersohn auf einem kunstgeschichtlichen Lehrstuhl Richard Hamann in großem
Maßstab die fotographische Dokumentation als Lehrmittel in den akademischen
Unterricht eingeführt. Auf ihn geht die Institutionalisierung des wohl weltgrößten
Fotoarchivs einer Universität zurück, das seine Bestände bis heute
mit Fotokampagnen in aller Welt systematisch erweitert und unter Nutzung modernster
technischer Mittel, sowohl akademisch als auch schon lange kommerziell zugängig
macht. Für Hamann war es unerträglich, dass häuslicher Kunstbesitz
und kostspielige Reisen in die Kunststädte der Alten Welt zu privilegierenden
Voraussetzungen des kunstgeschichtlichen Studiums gehören sollten. Parallel
zu den Attacken marxistischer Kunsttheorien gegen die Aura des Originals, wie
Walter Benjamin sie in seinem berühmten Essay vorgetragen hatte, machte
Hamann das Studium an der technischen Reproduktion zum Normalfall. Ich übergehe
das Privileg dessen, der die Ziele der Kampagnen auswählt und bewertet,
zumal primäre Kunsterfahrung dabei durchaus nicht immer vorgängig ist.
Kollegen Hamanns haben die Ankunft von dessen Fotographen gelegentlich dem Auftauchen
von Geiern mit feiner Witterung für den Tod verglichen. Hamann schickte
seine Fotographen vorrangig an solche Orte, die er im Fall kriegerischer Auseinandersetzungen
für besonders gefährdet hielt. Eine Gefahr hat Hamanns mediale Vergesellschaftung
kunsthistorischen Wissens freilich darin, dass sie die Verfügbarkeit dieses
Wissens an jedem Ort und zu jeder Zeit durch ihre Reproduktion mit der Präsenz
von Kunsterfahrung verwechseln lässt. Doch auch für Hamann ersetzt
die technisch optimale Reproduktion nicht die individuelle Erfahrung. Allerdings
konzediert er, dass diese nicht nur mit dem Original, sondern auch mit dessen
Reproduktion verbunden sein kann. Bildung ist wohl tatsächlich die einmalig
individuelle Verinnerlichung von Erfahrung und Wissen. Das heißt aber nicht,
dass diese Erfahrung nur an Unikaten, nicht auch an medialen Reproduktionen gewonnen
werden kann. Und erst recht bedarf sie ihrer Bezeugung, egal in welchem Medium.
Bildung in dem hier ins Auge gefassten Sinn ist nicht in erster Linie durch
den Umfang von Wissen auf möglichst vielen Gebieten bestimmt, sondern durch
die Qualität dieses Wissens, wie sie durch Auswahl, Bewertung und Bezeugung
seiner Inhalte zustande kommt. Festplatten sind nicht gebildet. Der Computer
ist für Struktur und Dynamik von Bildung eine untaugliche Metapher. Weder
ist Bildung sinnvoll durch die quantitative Kapazität des neuronalen Speichers
zu definieren noch sind ihre Daten so homogen codiert, wie die auf der Festplatte
gespeicherten Informationen. Tatsächlich verliert sich denn auch der Bildungsbegriff
aus der aktuellen Verständigung über die digitalisierte Wissensgesellschaft,
oder er wird nur noch in Rückzugsgefechten des Kulturkonservatismus verschiedenster
couleur verwendet, wir mir scheint, mit fatalen Folgen.
An die Stelle von Bildung tritt in der Mediengesellschaft Kompetenz, an die
Stelle der Bewertung von Inhalten tritt Aufmerksamkeit. Dieser Wandel, den
ich im Folgenden
kommentieren möchte, scheint eine rund zweihundertjährige Allianz zu
beenden, die zwischen Journalismus und dem gebildeten Autor bestanden hat. An
ihrem Anfang standen die Berichte und Reportagen von Waiblinger aus Rom, Campes
und später Heines aus Paris, im 20. Jahrhundert die Mitarbeit von Benjamin
und Krakauer an der Frankfurter Zeitung, Anderschs, Hans Mayers, Hubert Fichtes
am Süddeutschen und Hessischen Rundfunk sowie die Teilnahme ungezählter
und ungenannter Intellektueller an Printmedien und Hörfunk bis in unsere
Tage. Es ist ein Bündnis - gewesen, so muss man, fürchte ich, sagen,
das beiden Seiten gut bekam: dem Journalismus durch die Orientierung an Maßstäben
für Inhalte und Hierarchien, die über den Tag hinaus Programmgestaltung
und Perspektive erleichtern konnten; aber auch den Intellektuellen, die die Mobilisierung
ihrer Bildung für Antworten auf die Fragen des Tages zur Auffrischung ihrer
Bestände und Aktualisierung ihrer Sprache nötigte. Anders als Karl
Kraus an Heine tadeln zu müssen glaubte, kein Verrat am Geist, sondern seine
Vergegenwärtigung.
Voraussetzung von spezieller Kompetenz ist zu wissen, wie man wo zu dem benötigten
Wissen gelangt, das Wissen des Wissens, für dessen Ensemble man die Begriffe
Kern- oder Schlüsselkompetenz geprägt hat. Über die Mittel des
Wissens verfügen, nicht über dieses selbst, soll demnach den Ausschlag
geben. Was vor zwanzig Jahren noch als Teil einer speziellen Professionalität
galt, z.B. die von Archivaren, Bibliothekaren und hilfswissenschaftlichen Bibliographen,
die Arbeit der Türöffner, tritt zunehmend an die Stelle von Wissensinhalten.
Was für diese Verlagerung zu sprechen scheint, ist die Beständigkeit
der formalen Kompetenz über die Unzuverlässigkeit von inhaltlichen
Wertbildungen aller Art. Seit den siebziger Jahren, als Habermas, Luhmann und
Baake den Begriff propagiert haben, gilt „Medienkompetenz“ als eine
Art wertbeständige Altersversicherung und sichere Anlage bis zum vierten
Lebensalter, wie Paul Baltes verspricht:
Der
aus meiner Sicht wichtigste Eckpfeiler einer guten psychologischen
Architektur lebenslanger
Entwicklung und des produktiven Umgangs mit Unfertigkeit
ist das, was ich als die Plastizität oder auch die adaptive Flexibilität
des Ichs bezeichne. Damit meine ich das Ausmaß, in dem Einzelne
sich als veränderbar, als resistent, entwicklungsfähig
und entwicklungswillig erleben.
(Quellenangabe
# 4) |
Den selbstgestellten Einwand,
einen Mann ohne Eigenschaften und Inhalte zu propagieren, fertigt Baltes
als „typisch deutsch“ ab. Es müsse darum gehen,
so formuliert er geschmeidig, „adaptive Ich-Plastizität im Kontext
eines Grundkanons von Werten zu praktizieren, wie dieser etwa im Konzept
der Weisheit und damit zusammenhängender Tugenden enthalten ist.“(Quellenangabe
# 5).
Eines der Argumente für diese Formalisierung ist die kurze Halbwertzeit
der Inhalte, ein anderes das explosionsartige Anwachsen verfügbarer Informationen.
Diese Verschiebung hat bereits in der relativ kurzen Zeit weniger Jahrzehnte
zu einer markanten Veränderung des mentalen Habitus geführt, zur Ausbildung
eines Reflexes, der die Entsorgung von Inhalten vom internen in das externe Gedächtnis
bewirkt. Die Auswirkungen für alle Formen des kulturellen Austauschs, von
der privaten Geselligkeit über die vielfältigen Formen kultureller Öffentlichkeit
bis zur wissenschaftlichen Kommunikation sind erheblich. Die Auslagerung des
Gedächtnisses in externe Speicher vermindert die Geistesgegenwart bei allen
Anlässen, bei denen Präsenz und Einfallsreichtum von Bildung gefragt
wären. Dergestalt verkümmern charakteristische Formen gebildeter Konversation,
wie die Anekdote und die Improvisation über Musik-, Literatur- oder Kunsterlebnisse;
werden Mitteilungen zeitlich entlegener Ereignisse, Assoziationen über Räume
und Zeiten hinweg seltener, verfällt die Grundlage kultureller Beziehungen
für den Austausch der Generationen untereinander.
Über Kompetenz lässt sich nicht streiten (man kann sie jemandem höchstens
streitig machen), sie ist aber als Fertigkeit technisch formaler Art wenig
unterhaltsam. So kann sie zwar in der Organisation des Wissens anstelle von Bildung
treten,
nicht aber in der Unterhaltungskultur. Der medienkompetente Autor kann
die Lücke
nicht ohne weiteres ausfüllen, die bei der Verabschiedung des gebildeten
Autors entsteht. Der Rückbildung intellektueller Appelle proportional
ist deshalb die Steigerung sensueller Reize im Wettstreit der Unterhaltungsmedien
um Aufmerksamkeit. Wird Bildung durch Kompetenz ersetzt, so Bedeutung durch
Aufmerksamkeit.
Dass Bildungsinhalte leicht verderblich sind, hat ein guter Teil gerade
der gebildeten Bevölkerung beim Kollaps der DDR dramatisch erfahren müssen. Für
sie bringen das formale Kompetenzangebot und die Verführungen durch die
Aufmerksamkeits- und Eventkultur das Versprechen einer schnellen Karriere unter
den neuen Verhältnissen mit sich. So hat sich der Trend zum Abbau der Bildungsidee
in den neuen Medien seit 1990 deutlich verstärkt, wie freilich auch der
Widerstand dagegen besonders in Ostdeutschland deutlicher und bewusster artikuliert
wird, freilich nicht besonders aussichtsreich. Schneller Entwertung war ja nicht
nur die im engeren Sinn marxistisch-leninistische Grundausbildung und weltanschauliche
Orientierung ausgesetzt. Folgenreicher, weil von höherem kulturpolitischen
Allgemeinheitsgrad, war und ist das Absinken einer kompletten Bildungswelt, zu
der die so genannte Erbekultur samt ihrer philiströsen Degeneration ebenso
gehört, wie ihre Aufklärung durch Bertolt Brecht, Volker Braun und
Heiner Müller, Christoph Hein, Irmtraut Morgner und Christa Wolf. Natürlich
gibt es das alles noch, zum Teil höchst leibhaftig. Nichts davon gehört
aber zum täglich Brot, zur intellektuellen Grundversorgung der Republik,
weil diese einer zunehmend strikten Diät von Inhaltslosigkeit unterworfen
wird. Der intellektuelle Konsens der neuen Bundesrepublik ist ungewiss in seiner
Reichweite. Dass er nicht sehr belastbar ist, kann man vermuten. Wo Proben darauf
vorliegen, legen sie Skepsis nahe. Der Zusammenschluss der beiden Berliner Akademien
war eine. Hat ihr gegenwärtiger deplorabler Zustand wirklich nichts mehr
damit zu tun? Andere solcher Proben sind zuverlässig jedes Mal erinnerungspolitische
Kontroversen, etwa um ein Denkmal für Rosa Luxemburg in Berlin oder die
Mauer. Paul Celans memento des Judenmords eröffnet das Gedächtnis auch
an Rosa Luxemburg; aber der Zugang über die Ermordung der Sozialistin Luxemburg
ist blockiert. Stets wird Bildung selektiv verfahren durch Ein- und Ausschluss.
In diesen Jahren wird die Auseinandersetzung darüber aber selten geführt,
sondern unter der Oberfläche eines formalen Konsensus auf dem kleinstmöglichen
Nenner verdrängt. Sein Namen ist Erinnerungskompetenz auf dem Niveau einer
gedächtnispolitisch ausgewogenen Kleinindustrie von Denkmalsstiftungen.
Ihre Bewertung in den Medien unterliegt Eventkriterien.
Dennoch ist pauschalierende Schwarzmalerei über Bildungsschwund nicht angebracht.
Das Werk Richard Wagners etwa, diese Inkunabel des deutschen Bildungsbürgertums,
hat den Sprung über die Hürde von 1990 geschafft, egal ob als Gegenstand
einer vielteiligen Sendereihe eines Mediävisten im Rundfunk oder als Bayreuther
Event in Anwesenheit höchster Staatsgäste, wie Ludwig II es nicht toller
hätte phantasieren können. Ja es muss auch der Gerechtigkeit halber
gesagt sein, dass etwa Hörfunksendungen zu passabler Sendezeit mit Texten
von Georges Perec u.a. (57 Min.) und Jürgen von der Wense (60 Min.), eine
Geburtstagswürdigung für Siegfried Lenz (60 Min.), über Gedenkstätten
in Brandenburg (45 Min.) oder Lesungen Edgar Hilsenraths, Bernhard Schlinks,
Evelyn Waughs, Prousts, Kafkas und Tolstojs (zwischen 30 und 60 Minuten) auf
der ganzen Welt noch immer ihresgleichen suchen. Selbst die Naturwissenschaften,
Ethnologie und Theologie können einen gewissen Anteil beanspruchen. Wo gibt
es denn solche anspruchsvollen Programme, wie das Kulturradio RBB oder das entsprechende
Programm des Deutschlandfunks sonst noch, um nur gerade Beispiele aus der Region
Berlin/Brandenburg zu nennen. (In Europa außerhalb Deutschlands meines
Wissens nicht, und in den USA, für die ich es etwas besser weiß, auch
nicht.) Auch unter den Feuilletons der Zeitungen dieser Welt können sich
die deutschsprachigen der Frankfurter Allgemeinen, der Süddeutschen und
der Neuen Zürcher Zeitung nach wie vor sehen lassen.
Zur Euphorie ist dennoch kein Anlass. Das begütigende Argument, mit
dem die Apologeten der alten Medien der neuen Technologie gegenüber
oft zur Gelassenheit raten, alt und neu würden über kurz oder
lang komplementär
koexistieren, trügt. Der Computer ist heute das Symbol der Leittechnik,
und wer sich über die Zukunft von Bildung Gedanken und Sorgen macht,
sollte sich daran orientieren. Das Mediennutzungsverhalten wird zwischen
dem 2. und
dem 9. Lebensjahr geprägt. Nur ein Drittel der Kinder dieses Alters
bekommt vorgelesen oder liest selbst. Jüngste Statistiken über
die Mediennutzung unter Jugendlichen von 15 bis 24 Jahren belegen denn
auch eindeutig die Bevorzugung
des Internets vor TV, Zeitung und Radio (in dieser Reihenfolge) mit der
Tendenz, die älteren Medien durch das neue zu ersetzen (nicht zu ergänzen)(Quellenangabe
# 6).
Es lässt sich nicht daran deuteln: Die älteren Medien werden
zunehmend zu Medien der Älteren. Umso wichtiger scheint es mir zu
sein, Begriff und Inhalte von Bildung, wie sie durch den Autor älteren
Typs auf dem Theater, in den Printmedien und im Radio vertreten waren und
noch sind, in die digitalisierte
Medienwelt mit ihren rhizomatischen Wissensgespinsten sowie neuen Produktions-
und Nutzungsformen zu überführen. Die unendlichen Wissensschätze
des Internets aus allen Kontinenten der gebildeten Welt setzen den sinnvollen
Umgang mit diesen Ressourcen, setzen Bildung schon voraus, die sie ermöglichen
sollen. Ohne ihre Anhaltspunkte – ganz buchstäblich verstanden
- droht der Irrsinn von Gedankenflucht und assoziativem Beziehungswahn.
Hier ist zwar
alles präsent, doch alles gleich nah, eine Simulation pathologischen
Kontrollverlusts. Wissen ist hier im Überfluss, doch verstäubt
und formlos, gewaltige Energien in entropischer Vaporisierung. Der Benutzer
muss selbst Kriterien der
Fokussierung und des Ausschlusses entwickeln, damit Gestalten aus dem Chaos
treten.
Die diversen Formen, in denen der Autor gegenwärtig im Internet auftritt,
reflektieren dieses Problem auf sehr unterschiedliche Weise, doch selten
explizit. Ich übergehe die konservierende Funktion des digitalen Speichers
für
Textarchive, die weder für die dort archivierte Literatur, noch für
die spezifische Leistungsfähigkeit des Computers aussagekräftig
sind. Auch die Nutzung des Computers für ludistische Experimente mit
Textautomaten (z.B. Permutationsmaschinen) fördert meist wenig prinzipiell
anderes zutage, als was die Literaturgeschichte zwischen Quirinus Kuhlmann
und Raymond Queneau
nicht schon kennen würde, wenn auch technisch weniger elaboriert.
Das gilt auch für Archäologie und Aleatorik der Cybertextproduktion,
eines nichtlinearen „talking
across traditions, practices, conventions and technologies“. Roberto
Simanowski weist dennoch zu recht darauf hin, in welchem Maße dsas
neue Medium bereits heute zu grundlegenden Veränderungen von Autorschaft,
Textproduktion und Rezeption führt. Die Trias von Begriffen, die er
für den Wandel findet,
lauten Interaktivität, Intermedialität und Inszenierung (Quellenangabe
# 7). Anders
als in den häufig von Technologie überwucherten theoretischen
Beiträgen
zur Netzliteratur thematisiert er damit ausdrücklich neue ästhetische
Qualitäten dieser Literatur. Doch beschränkt auch er sich - wie
einige andere Ästhetiker des neuen Mediums (#
8) –weitgehend auf strukturelle und
formale Funktionen, ohne auf das Verhältnis von Autorschaft und Wissen,
Auswahl, Inhalt, Formqualität und Sinngebung und damit all das einzugehen,
was ich hier unter dem Stichwort „Bildung“ thematisiert habe. Freilich hat das Nachdenken über Bewertungs- und Kanonisierungsprozesse
von Literatur im Internet eben erst begonnen, nicht zu spät nach gerade
fünfzehn
Jahren, in denen es das Genre gibt.(#
9) Dem Verhältnis von Wissen und
Bildung scheint mir für ein solches Nachdenken allerdings ein zentraler
Ort zuzukommen.
Das Navigieren gehört zu den archaischen literarischen Metaphern,
die auf dem Vergleich von Seefahrt und Erzählen beruhen. Der Begriff
hat als terminus
technicus auch Eingang in die Computerwelt gefunden, wo er die Benutzerführung
durch menus oder buttons von einem link zum
nächsten bezeichnet. Anders
als der beliebig den Einfällen des Benutzers folgende browser hat
der navigator selegierende Aufgaben. Bildung unter den Umständen
der neuen Medientechnologie kann man als Orientierung für die Navigation
auf den Weltmeeren einer zeit- und ortlosen Informationsflut verstehen. In
diesem Sinn scheint mir der Autor
als gebildeter Navigator nötiger zu sein als je.
________________________________
Quellenangaben:
# 1:
Dietrich Schwanitz: Bildung. Alles, was man wissen muss. Frankfurt
a. M. 1999. Taschenbuchausgabe München 2002 |
|
|
# 2:
Goethe an den Freundeskreis in Weimar am 1. November 1786. In : Goethe,
Sämtliche Werke, Propyläen-Ausgabe, Bd. 5 (1786-1788), München
1910, S. 400. |
|
|
# 3:
Steffen-Peter Ballstaedt: Kognition und Wahrnehmung in der Informations-
und Wissensgesellschaft. Konsequenzen gesellschaftlicher Veränderungen
für die Psyche. In: www.bpb.de/files/HA65KC.pdf (letztmals
besucht: 19.3.06; 15 Seiten rd. 0,2 MB im PDF-Dateiformat) |
|
|
# 4:
Vgl. etwa: Medienkompetenz. Qualifikation für die Zukunft. Hrsg.
v. Presse- und Informationsamt der [ehem.] Bundesregierung. Bonn, 1997.
S. 6 |
|
|
# 5:
Paul B. Baltes, Das Zeitalter des permanent unfertigen Menschen:
Lebenslanges Lernen nonstop? In: Aus Politik und Zeitgeschichte
B 36(2001), S. 31 sowie S. 32. |
|
|
# 6:
Media Consumption Study der European Interactive Adverting Association
(EIAA). |
|
|
# 7:
Roberto Simanowski, Interfictions. Vom Schreiben im Netz. Frankfurt
am Main 2002; sowie ders. Einleitungsessay zum Wettbewerb Literatur.digital. 2001.
In: www.t-online.de/literaturpreis/essay/index.htm.
(Zuletzt besucht 26.3.2006) |
|
|
# 8:
Christiane Heibach, Literatur im Internet: Theorie und Praxis einer
kooperativen Ästhetik. Berlin 2000 (Diss. Heidelberg 1999) und
Sabrina Ortmann, Netz Literatur Projekt. Entwicklung einer neuen
Literaturform von 1960 bis heute. berlinerzimmer.de 2001. – S.
auch die Bibliographie in: www.netzliteratur.net;
dort insbesondere die Publikationen von Johannes Auer, Friedrich W.
Block, Florian Cramer, Reichard Döhl,
Beat Suter. |
|
|
# 9:
So hat Simonowski im Rahmen eines vor fünf Jahren veranstalteten
Wettbewerbs für „Literatur. Digital“ Kriterien der
Jury zu skizzieren versucht, freilich auch hier ganz in Beschränkung
auf strukturelle und technische Qualitäten: „Auf
jeden Fall wird man darauf achten müssen: -Wie verhalten
sich die benutzen Medien zueinander; illustriert z.B. das Bild den
Text nur oder
gibt es ihm etwas hinzu (Stichwort Multi-
oder Intermedia).- Wie sinnvoll
ist ein technischer Effekt (Stichwort digitaler
Kitsch).- Welche
Rolle
kommt den Lesern zu. Wie sinnvoll ist die Navigation (Wer die
meisten Links setzt, hat noch lange nicht gewonnen.) - Welche
Bildschirmästhetik
liegt vor (Scrollen oder Klicken) - Technikästhetik: Welche technische
Aufwand für welchen Effekt und welche technische Ausstattung des
Publikums. “ |
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