Die Vertreibung des Autors aus dem Theater
Von Karlheinz Braun
Vor fast 300 Jahren vertrieb die berühmte Leipziger Theaterprinzipalin
Karoline Neuber unter Anstiftung und mit tatkräftiger Hilfe von
Professor Johann Christoph Gottsched in einer spektakulären Aktion
den Hanswurst aus dem Theater. Der Bann traf die zotige und derbe
Spaßkultur dieser Zeit, die Schaubude der Theatermacher, und
gilt seitdem als Geburtsstunde des deutschen Dramas, der deutschen
Schaubühne. Nun ist der Hanswurst ins Theater zurückgekehrt.
Er nennt sich inzwischen „Regisseur“ (es gibt ihn mehr
und mehr auch in der weiblichen Form), und ist zweifellos die mächtigste
Person im Theater, das er (oder sie) sich weitgehend angeeignet hat.
So wie damals die Hanswurste. Der Regisseur (ich gebrauche im Folgenden
vereinfachend die männliche Form) definiert den Spaß und
den Ernst im Theater, und es gilt vor allem seine Vorstellung der
Wirklichkeit auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Für deren
bildliche Darstellung benutzt er alles, was von den anderen Künsten
und Medien als Material verwendbar ist, so wird ihm alles zur Performance
seiner Sicht der Welt, und immer weniger braucht er dazu noch den,
der dafür bisher auf der deutschen Schaubühne zuständig
war: den Autor oder die Autorin (im Folgenden ebenfalls geschlechtsübergreifend „Autor“ genannt.)
. Der Autor, der vor 300 Jahren durch die Vertreibung der Hanswurste
erst möglich wurde, wird heute von eben diesen wieder vertrieben.
Das ist ein sehr vereinfachende Behauptung, ich weiß. Aber um
der Deutlichkeit willen werde ich pauschalisieren müssen, auch
wenn ich weiß, dass sich die Wirklichkeit des Theaters differenzierter
darstellt. Es gibt theaterästhetische Untersuchungen, die von
geschichtlichen Perioden des prädramatischen, des dramatischen
und des postdramatischen Theaters sprechen. Nach dem „dramatischen
Theater“ von der Klassik bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts
befinden wir uns jetzt, so sagen die Theoretiker des neuen Theaters,
am Anfang des postdramatischen, dem Theater „nach dem Drama“.
Und wer die Entwicklung der
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dramatischen Produktion über die letzten hundert Jahren hinweg
verfolgt, so sagen sie, kann doch leicht belegen, dass das Drama am
Ende ist und mit Becketts „Atem“ einen letzten Seufzer
ausgestoßen hat. Gleichzeitig aber hat sich das Theater auch
weiterentwickelt, vor allem dank der Arbeiten der historischen Avantgarden
im ersten Drittel und der Theatererfindungen vor allem im nicht-sprachlichen
Bereich im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts. Diese Erfindungen,
nicht zuletzt auch die Innovationen der Medienkulltur, sind allmählich
und über die Jahre auch ins etablierte Theater eingedrungen und
haben es verändert. Was nicht zu übersehen ist. Die Veränderungen
waren wohl notwendig und rückschauend ein spannender Prozess,
an dem nicht zuletzt auch die Autoren beteiligt waren. Eine „Hamletmaschine“ zum
Beispiel hat das internationale Theater mehr als ein Jahrzehnt irritiert
oder gar verstört, und unübersehbar zur Entwicklung des
neuen Theaters beigetragen. Dieser Prozess hat aber auch die Textproduktion
der Autoren selbst verändert, wir sehen es besonders signifikant
an einer Nobelpreisträgerin, die zu Beginn ihrer Theaterarbeit
noch herkömmliche „Dramen“ schrieb, die auch traditionell
aufzuführen waren, später dann sogenannte „Textflächen“,
die offen sind für eine eigene, selbstbestimmte Darstellung der
Theatermacher, ja diese explizit erfordern. Die Regisseure werden
damit, so fordert es die Autorin geradezu, zu Co-Autoren.
Obwohl immer wieder totgesagt, lebt das Theater, nicht nur zombihaft
in den hergebrachten Konventionen, sondern durchaus auch in immer
neuen Versuchen, sich in seinen Mitteln zu erneuern. Aber es ist
auch nicht zu übersehen, dass die Entwicklung retardiert, gar zu einem
Stillstand gekommen ist, dass sich die Mittel offenbar erschöpft
haben, sich auf eine allmählich unerträgliche Weise wiederholen,
dass die Radikalität von Entwürfen nur noch imitiert oder
fingiert wird, und dass schließlich da, wo seit langem alles
möglich zu sein schien, oft nichts mehr ist, bestenfalls eine
Oberfläche, meist aber eine Leere.
In dem Maße, in dem sich die Theatermittel des Postdramatischen
mehr oder weniger durchgesetzt haben, was ja zugleich bedeutet, dass
das Primat des Textes im Theater immer mehr zurückgedrängt
wird zugunsten des Performativen, ist derAutor mit seinem Text
mehr oder weniger nur noch ein Lieferant unter vielen, nicht mehr
der bestimmend
dominierende, sondern gleich- oder gar untergeordnet
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den neu entwickelten und sich vom Autor emanzipierenden Theater-Idiomen,
als da wären: die Bewegungen der Körper und Dinge, das Spiel
der Töne und des Lichts, die Aktionen von Spielern und Mitspielern
(Publikum) in allen möglichen variablen Räumen, die Einbeziehung
der audiovisuellen Medien, und so fort...Durch die Performance der
szenischen Mittel wie auch durch die Einbeziehung und Bearbeitung
nicht genuin-dramatischer Vorlagen werden die Theatermacher, sprich
Regisseure, immer mehr zu den eigentlichen Urhebern einer Aufführung,
wachsen in die Rolle des traditionellen Autors.
Und da es längst keine dramatische Norm mehr gibt für ein
Theaterstück, gilt für die, die das Theater machen, die
große Freiheit, auf der Bühne alles, aber auch alles zu
ge- und verbrauchen. Wenn jedoch alles gleichzeitig verfügbar
ist, dann ist auch - so scheint mir - vieles nicht mehr zu unterscheiden,
ist das Einzelne nicht mehr spezifisch für den Zusammenhang des
Ganzen, und wird damit zu einem Teil des großen Katalogs der
Möglichkeiten, aus dem jeder sich aussuchen darf, was er mag.
Noch einmal anders ausgedrückt: Es werden ja durchaus noch Theaterstücke
gespielt. Es gibt nach wie vor Spielpläne mit bekannten Titeln.
Aber viele Regisseure (vor allem die jüngeren) verstehen sich
nicht mehr in der traditionellen Rolle des Interpreten eines Stückes,
sondern mehr und mehr als die des eigentlichen Schöpfers der
theatralischen Aktion. Dazu „benutzen“ sie dann ein altes
oder neues Stück, verarbeiten es zu ihrer sehr persönlichen
und möglichst unverkennbaren Performance - und damit hat der
Autor, der klassische und oft genug auch der zeitgenössische
seine ursprünglichen Rolle als der eigentliche Sprach-und Bedeutungsproduzent
ausgespielt.
Das ist eine Entwicklung über eine, zwei Generationen, und sie
hat uns zuerst als sogenanntes Regietheater in den sechziger/siebziger
Jahren des letzten Jahrhunderts vom Muff der Konventionen des Nachkriegstheaters
befreit, die alten Stücke neu sehen gelehrt und die Entwicklung
neuer Stücke gefördert, dann wurde allmählich damit
begonnen, die alten Stücke zu dekonstruieren und ihre Teile ungewohnt
wieder zusammenzusetzen, schließlich wurden neue Performance-Mittel
erfunden, auch intermedial und oft auch außerhalb der gewohnten
Theaterräume, kurz: das waren höchst produktive, auch internationale
Entwicklungen, die das Theater veränderten und damit erneuerten.
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Doch diese insgesamt positive Entwicklung, während der es auch
genügend Abfall gab – aber mehr oder weniger Abfall gibt
es bei jeder Produktion, zumal der von „Versuchen“, -
hat inzwischen ein Stadium erreicht, das zu Bedenken Anlass gibt.
Nicht nur, dass sich postdramatisches Theater in vielen Abstufungen
flächendeckend durchgesetzt hat, sich seine Theatermittel emanzipierten,
- es bestimmt auch längst die Ausbildungsstätten der Theatermacher,
und offensichtlich in einer Weise, dass es für die Regiestudenten
das herkömmliche „dramatische“ Theater gar nicht
mehr zu geben scheint, dass die Mittel für dessen Menschen- Darstellung,
seine Spielweisen, historische Bezüge, Psychologie, nicht zuletzt
Sprache, zumal geformte Sprache, „Kunst-Sprache“, obsolet
geworden sind. Für viele sind dies nur noch Relikte eines Theaters
der Repräsentation vergangenen bürgerlichen Bewusstseins,
das sie nicht mehr verstehen oder verstehen wollen, und das in unserem
Theater heute nichts mehr zu suchen hat. Wenn die Großmeister
der Dekonstruktion die alten Stücke einst zertrümmerten,
dann wusste sie wenigstens noch - und mit ihnen wahrscheinlich auch
das Publikum - was da zu Bruch ging und warum. Aber was ist mit den
Jungen, die nur noch die Trümmer kennen und als folgsame Schüler
ihrer verehrten Vorbilder irgendwie weiter machen müssen? Was
bleibt ihnen anderes übrig, als die Alten zu imitieren, ihr Repertoire
zu wiederholen oder es gar zu radikalisieren? Aber auch den Alten
wird inzwischen bereits vorgeworfen, ihre einst ingeniösen Theatererfindungen
seien längst abgenutzt, verbraucht und verflacht, es bliebe ihnen
nur noch ihre Repetition, und die Zuschauer, so heißt es, würden
mit den immer gleichen Theatermitteln nur noch gelangweilt. Was tun?
Zurück zu den Großvätern des dramatischen Theaters
kann der Weg nicht führen, aber wohin soll er gehen?
Die Regisseure spüren dieses Dilemma. Und sie versuchen, dagegen
anzugehen: Indem sie die Reizschwellen höher legen. Es gibt – so
die Überschrift eines Spiegel-Artikels - eine „Ausweitung
der Schamzone“, und dies nicht nur in Bezug auf körperliche
oder sexuelle Darstellungen. Die Körper entblößen
sich jetzt nicht mehr einzeln, sondern kollektiv, die filmischen Bilder
begleiten und überschwemmen die Bühne jetzt non-stop ebenso
wie die lauten Rhythmen der Musik, die Räume stellen nichts mehr
dar, sind eher karge Spielräume für Schauspieler, die sich
schließlich derart verausgaben, dass man sich um ihr Wohlergehen
sorgen muss, d.h. sie scheinen weniger zu spielen als direkt physisch
zu erleben und zu erleiden; die
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Zuschauer werden immer direkter ins Bühnengeschehen einbezogen, die vierte
Wand der Bühne ist längst gefallen, es gilt die ganz gegenwärtige,
nicht-illusionistische „action“ – kehren wir zurück
zu den atavistischen Ritualen der Vorzeit?
Es ist ziemlich schwierig, für solche Theatervorgänge noch rationale
Kriterien der Beurteilung zu finden, selbst für Leute vom Fach, für
Theatermacher wie für Kritiker, ganz zu schweigen vom übrigen Rest
der Menschheit. So ist es denn auch folgerichtig, wenn ein (zumeist) jüngeres
Publikum sich mit solchen Theatervorgängen identifiziert und sich wie
bei einem Pop-Conzert oder in der Disco verhält: ein Fanclub und ein DJ,
sein Regisseur. Während ein älteres, noch eher bürgerliches
Publikum vorzeitig geht oder erst gar nicht mehr kommt.
Aber ich will hier nicht länger über das Theater der Regisseure sprechen,
nicht über das in den letzten Wochen mehr denn je skandalisierte „Ekeltheater,
diese selbstgeschnitzten Blödmannszenen, dieses Punk-und Rockzeug, das
wilde Beischlafgestöhne, und das Kacken und Urinieren, das Brüll!-Kreisch!-Donner!-Schepper!“-Theater
- all dies Stichworte aus Joachim Lottmanns polemischen SPIEGEL-Artikel vom
Anfang März, der die Theaterleute in seiner Undifferenziertheit empört
hat. Aber hat er nicht gerade deshalb auch einen Nerv getroffen? Wenn ich ähnlich
pauschal vom Regisseurstheater gesprochen habe, dann deshalb, weil ich erst
einmal diese Szene hell beleuchten musste, auf der ein Dramatiker und sein
Werk noch eine Rolle spielen soll. In einem „Regisseurtheater“,
das das „Autorentheater“ insofern abgelöst hat, als seine
Autoren nun die Regisseure sind.
Das schafft Probleme, sowohl für die Regisseure wie für die Autoren.
Wenn ich jetzt davon spreche, werde ich wieder pauschalisieren müssen,
so mag sich nur der getroffen fühlen, den es betrifft.
Im Gegensatz zu den zu den Autoren, die mit Sprache, Menschenfiguren und Dramaturgie „Theater-Kunst-Stücke“ zu
kreieren versuchen, setzen die Urheber von Regisseurstheater in der Regel die
performativen Mittel ein, über die das technische und darstellerische
Repertoire des Theaters und darüber hinaus verfügt. Den Kern, die
Idee, den Nukleus eines Inhaltes müssen sie sich in der Regel von woanders
her besorgen. Und so ist inzwischen der Begriff des „Materials“ entstanden,
dessen sich die Regisseure zu bedienen pflegen. Dieses Material kann, aber
muss kein
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herkömmliches älteres oder neues Theaterstück mehr sein – obgleich
das klassische Dramen-Repertoire sich dafür bestens eignet, schon wegen
der bekannten und zugkräftigen Titel und der oft mythischen Grundkonstellationen.
Auch Romane und andere Prosawerke können „Material“ sein,
wie wir es seit Jahren erleben, besonders beliebt sind Filme mit marktgängigen
Titeln, aber auch Collagen von Wort & Musik zu bestimmten Themen, es gibt
in unseren Schauspielhäusern auch schon theatrale Kongresse mit Aktionen
und Ausstellungen, Installationen und Performance, nicht zuletzt alle denkbaren
intermedialen Aktivitäten.
Natürlich sind die Grenzen im Gebrauch all dieser Materialien fließend,
bei den Projekten freier Theatermacher sind sie oft weiter gesteckt er als
bei den etablierten Theatern, die immer noch – im subventionierten Kulturauftrag – das
klassische Erbe bewahren und das Theater der Gegenwart pflegen sollen. Aber
wie soll das gehen - immer noch im Rahmen der geschilderten Entwicklung?
Verwenden die Regisseur bestehende dramatische Werke, ältere oder auch
neue, so werden diese häufig mit Texten aus anderen Werken des Autors
versetzt, ebenso mit Fremdtexten, mehr oder weniger umfangreichen Texten anderer
Autoren, die das Theater wohl als „Zitate“ betrachtet, ohne sie
indessen als solche kenntlich zu machen. Der Zuschauer muss also annehmen,
dass alle Texte auf der Bühne von dem angegebenen Dramenautor stammen.
Abgesehen davon, dass solche Fremdtexte oft das Zitatrecht überschreiten,
ist es doch bemerkenswert, wie eine solche über die Jahre immer mehr zunehmende
Praxis von den „benutzten“ Autoren wie auch von deren Rechtevertretern
toleriert wird. Die Verlage haben zwar inzwischen in ihren Aufführungsverträgen
mit den Theatern einen Passus eingefügt, der die Verwendung solcher Fremdtexte
ohne vorherige Genehmigung untersagt, aber da eine Verletzung dieses Passus
in den wenigsten Fällen geahndet wird (oder werden kann), hat sich schleichend
eine Praxis herausgebildet, die das Urheberrecht mehr und mehr aushöhlt.
Bei den alten, nicht mehr geschützten Stücken betrifft diese Praxis
eher die darin eingefügten Fremdtexte von heute, mit deren Hilfe die alten
Stücke in die Gegenwart geholt werden sollen, ein probates Verfahren,
das aber weder Ross noch Reiter nennt, und so die Rechte der ohne Quellenangabe
zitierten Autoren verletzt. Sie können das Verfahren übrigens in
Berlin in vielen Aufführungen eines trendsetzenden Theaters am Luxemburgplatz überprüfen.
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Einen größeren Freiraum beanspruchen die Theater zu Recht bei dem
immer beliebteren Spiel, einen Roman oder einen Film auf die Bühne zu
bringen. Natürlich muss dann der Roman oder der Film für das Theater
bearbeitet werden, das mag glücken oder auch nicht, bemerkenswert ist
jedoch auch hier die Nonchalence der Roman-oder Filmautoren und deren Rechtevertreter,
mit der sie ein solches Verfahren meist ohne jede Teilnahme am Prozess der
Umverwandlung genehmigen. Autoren oder auch ihre Erben geben dem Theater einen
Blancoscheck für die Transformation ihres Werkes, dessen Integrität
sie doch sonst über Jahrzehnte auf Punkt und Komma verteidigt haben. Plötzlich
treffen sich die „Buddenbrocks“ in einem zweieinhalbstündigen
Digest auf der Bühne, verführt ein frühreifes Girlie namens
Lolita einen älteren akademischen Herrn, führt „La Strada“ gar über
die Bühnenbretter und jault der „Steppenwolf“ im Burgtheater.
Der Scheck, das erweist sich dann meist in der Premiere, ist in der Regel ungedeckt,
ein künstlersicher Mehrwert wird in den wenigsten Fällen erwirtschaftet.
Aber kommt es denn bei solch weiteren Verwertungen nur noch auf die „Kohle“ an,
nicht mehr auf die von den Autoren doch einmal getroffene Entscheidung für
eine bestimmte Form und eine bestimmten Gattung? Diese Frage an die Theater,
aber auch an die Autoren, ihre Erben und zuständigen Verwerter, ist sicherlich
inzwischen gänzlich welt-und theaterfremd, aber ist sie deshalb unzulässig?
Wenn aber die subventionierten Staats-und Stadttheater ihrem Auftrag nachkommen
und die klassischen Stücke der dramatischen Literatur spielen, dann sind
sie oft für den Kenner dieser Stücke kaum mehr wiedererkennbar, und
der, der sie noch nicht kannte und sie zum ersten Mal sieht – und das
ist besonders das jugendliche Publikum – lernt sie durch die Aufführung
auch nicht kennen. Für die Fortwirkung des klassischen Repertoires und
dessen zukünftiges Publikum hat dies verheerende Konsequenzen, die vor
allem im Abbruch der historischen Kontinuität bestehen und den oft zitierten
Bildungsnotstand nur noch verstärken. Und was tendenziell inzwischen auch
für die öffentlich-rechtlichen Medien gelten könnte, dass nämlich
die Berechtigung für die Zwangsgebühr entfällt, wenn sie den
Informations-und Kulturauftrag nicht mehr genügend wahrnehmen, das müssten
dann eigentlich auch die Theater befürchten, wenn sie weiter subventioniert
werden sollen. Ich will mich hier nicht weiter auf den vielstrapazierten Begriff
der „Werktreue“ einlassen, vielmehr 8von den Konsequenzen sprechen,
die sich für die noch urheberrechtlich
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geschützten dramatischen Werke und dann vor allem für den
heute schreibenden Autor ergeben.
Denn die Klassiker der Moderne sind im Prinzip den gleichen Gefahren
ausgesetzt wie die alten. Sind bei der geschilderten Behandlung der
alten allerdings keine
Sanktionen zu befürchten, so tragen in der Regel Erben und Verlage/Agenten
die Verantwortung für das, was mit den noch urheberrechtlich geschützten
Werken heute auf den Bühnen geschieht. Bei berühmten Stücken
und mit gehöriger zeitlicher Distanz zur Entstehungszeit sind stärkere
Eingriffe in das Werk, Kürzungen, Reduzierung des Personals und Vernachlässigung
der Bühnenanweisungen sicherlich eher möglich als bei einem weitgehend
unbekannten neuen Werk. Ja, sie sind oft sogar notwendig, damit das Stück überhaupt
noch aufgeführt werden kann. Es ist unsinnig zu verlangen, dass „Die
Weber“ so aufgeführt werden sollen, wie sie Ende des 19.Jahrhunderts
geschrieben wurden. Aber ist eine so weitgehende Bearbeitung mit den zusätzlichen
Chören, wie sie im letzten Jahr in Dresden zu Einsprüchen geführt
hat, noch im Rahmen des Zulässigen? Und ein Einspruch dagegen gleich Zensur?
Seltsamerweise haben sich die Medien über den chorischen Wunsch nach Auslöschung
einer Fernsehmoderatorin mehr echauffiert als über die eklatanten Urheberrechtsverletzungen.
Und als der Starkritiker einer „Zeitung für Deutschland“ vor
wenigen Wochen während einer Ionesco-Premiere in Frankfurt von einem Schauspieler
handgreiflich und verbal attackiert wurde, schien das der größere
Skandal zu sein als der Umstand, dass von Ionescos Stück in der Aufführung
nur schätzungsweise 10-20 Prozent geblieben waren. Daran ist zu sehen:
das Urheberrecht ist eine höchst unbeliebte Schranke auf dem Weg zur Freiheit
der künstlerischen Selbstdarstellung, dem normalen Kulturkonsumenten ist
es nahezu unbekannt, aber auch für die Produzenten wie die Kritiker ist
es eher störend und zu vernachlässigen. Das ist gut mit meinem dritten
Beispiel zu illustrieren, das sich unlängst in München abspielte.
Dort inszenierte ein junger Regisseur Martin Sperrs „Jagdszenen aus Niederbayern“ von
1966, das bekanntlich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in einem niederbayerischen
Dorf spielt (was beides für das Stück essentiell ist). Von den fast
20 Rollen des Stücks, die die Bevölkerung des Dorfes repräsentieren,
strich der Regisseur über die Hälfte, damit auch fast 60% des gesamten
Textes. Die ursprünglich breit angelegte Geschichte wird ins Heute und
an einen unbestimmten eher städtischen Ort verlegt und auf knappe Gewalt,
-
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Liebes- und Sexszenen reduziert, - die durchaus Eindruck machen.
Die Aufführung
wurde ein Erfolg, die Kritik lobte das effektvolle Spektakel und den vehementen
Einsatz der Schauspieler – und Theater wie Kritiker und Publikum reagierten
dann völlig unverständig auf den Einspruch der Rechtevertreter des
Autors. Bei einem Verbot der Aufführung, das leicht zu erwirken gewesen
wäre, wäre der Schaden für alle Beteiligten groß gewesen:
So einigte man sich darauf, dass das Theater die Aufführung unter einem
anderen Titel laufen lässt („Nieder Bayern“) und der Name
des Autors nicht mehr genannt wird (ein Verfahren übrigens, das auch bei
der Produktion von Fernsehfilmen inzwischen immer häufiger vorkommt, meist
in der Variante eines Pseudonyms). Bedenklich bei dieser Affaire war, dass
erstens weder das Theater, noch das Publikum oder die Kritik irgendein Verständnis
für den Einspruch der Rechteinhaber hatten, diesen zweitens als eine Art
von „Zensur“ betrachten, und allen (drittens) jegliches Problembewusstsein
abging. Die stillschweigende Duldung einer solchen Praxis geht meist bis in
die Leitung der Theater, die es sich nicht mit ihren Regisseuren verderben
will; sie wird aber auch nicht in den Ausbildungsstätten der darstellenden
Künstler problematisiert, gar theoretisch behandelt. Und auch der Deutsche
Bühnenverein als Vertreter aller Bühnen hält sich eher vornehm
zurück. Ich behaupte hier einfach mal: Je nach der Strenge des angelegten
Maßstabes wäre heute jede dritte Inszenierung zu untersagen. Dass
dies nicht geschieht, liegt einerseits an der begreiflichen Angst der Verlage
vor langwierigen gerichtlichen Auseinandersetzungen, bei denen möglicherweise
erhebliche Regressansprüche auf dem Spiel stehen, und andererseits in
dem Bewusstsein, dass ja alle, Autoren, Theater und Verlage in einem Boot sitzen,
das man ja nicht leck schlagen will. Und so entsteht ein circulus vitiosus:
je toleranter die Autoren und ihre Vertreter gegenüber den Rechtsverletzungen
sind, desto größere Freiheiten nehmen sich die Regisseure gegenüber
den geschützten Werken heraus. Was in einem Fall nicht geahndet wurde,
kann doch in einem ähnlichen anderen nur schwer verfolgt werden, - so
sinkt die Hemmschwelle bei den Theatermachern von Jahr zu Jahr und damit das
Vertrauen der Urheber in den Zustand des Rechts.
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Um dies wieder herzustellen, gibt es jetzt sogar eine Gesetzesinitiative
der Bundesregierung, die der bereits erwähnte und als Gegner
des inkriminierten Regisseurtheaters bekannte Frankfurter Kritiker „eine
der besten und wohl auch fruchtbarsten Ideen“ nannte, „die
eine Bundesregierung je gebar: Eine Änderung des Urheberrechts
soll den Anspruch von Dramatikern und Komponisten festschreiben, künftig
von Bühnen „den Ersatz ihres immateriellen Schadens“,
also eine Art Schmerzengeld, verlangen zu können, wenn ihre Werke
für die Inszenierung „über das erlaubte Maß hinaus
verändert“, also – so der Kritiker – verstümmelt
werden; nach dem Gusto von Regisseuren, die sich längst als die
wahren Autoren des Theaters aufspielen.“ Zitat Ende.
Soweit ist es also inzwischen gekommen. Natürlich protestiert
der Bühnenverein, sieht die Freiheit des Theaters in Gefahr.
Nur, was so überraschend neu erscheint, ist ja so neu gar nicht.
Jede Produktion eines geschützten Werkes ist schon immer durch
das Urheberrecht und die Verlagsverträge geschützt. Jedes
Theater unterschreibt zum Beispiel Aufführungsverträge mit
der Verpflichtung zur werkgetreuen Aufführung und beispielsweise
folgendem Passus:
„
Zusätze zum Text dürfen nicht erfolgen. Streichungen und Änderungen,
welche die künstlerische Eigenart des Werkes verletzen oder die
Tendenz verändern, dürfen nicht vorgenommen werden. Änderungen
und Bearbeitungen des Textes sowie das Einfügen von Fremdtexten
jeglicher Art dürfen nur nach schriftlicher Einwilligung des
Verlages, beziehungsweise des Autors vorgenommen werden.“
Stünde dieser Vertragspassus nicht nur auf dem Papier, sondern
würde mit den daraus folgenden Sanktionen auch gelebt, bedeutete
dies den Zusammenbruch des deutschen Theaters. Auch die aus den Verstößen
resultierenden Vertragsstrafen sind bereits in den Verträgen
fixiert. Würden also die vertraglichen Regeln von den Theatern
respektiert bzw. von den Verlagen gegenüber den Theatern durchgesetzt,
bedürfte es keiner neuen Gesetze. Neu an dem Gesetzesvorhaben
ist allerdings, dass der dem Urheber entstandene immaterielle Schaden
materiell, d.h. in einer bestimmten Höhe, entgolten werden soll,
analog den Regelungen der Verwertungsgesellschaften, die bei Verstößen
z.B. doppelte Gebühren verlangen. Und das wiederum gefällt
unserem Frankfurter Kritiker ungemein, denn er sieht
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bereits die Theater wegen ihrer klammen Etats die verhängten
Strafgebühren auf die Regisseure überwälzen. Zitat: „Beim
Geld hört bekanntlich das Regietheater auf, da pochen noch die
größten Verhunzer auf absolute Werk, - also Banknotentreue.“
Musste es soweit kommen? Und kann dies die Lösung der Probleme sein? „Man
muss kein Freund des Regietheaters sein – schreibt der Kritiker der anderen
Frankfurter Zeitung, - um von willkürlicher und überflüssiger
Regelungswut mit Freiheitseinschränkung alarmiert zu sein.“ Aber
wenn es denn nicht anders geht?
Vielleicht könnten ja einmal die Intendanten als die dafür angestellten
Verantwortlichen vor der Premiere in eine Inszenierung so eingreifen, wie die
Regisseure in die Werke der Autoren eingegriffen haben. Wie die dann wohl reagieren
würden?
Zum Schluss noch eine Bemerkung, vielleicht auch nur Vermutung zu den Auswirkungen
des Regisseurstheater auf die ästhetische Praxis der Autoren. Ging die
Entwicklung über die Jahrzehnte von der Dekonstruktion der klassischen
Texte und der Bearbeitung auch neuerer Stücke hin zu den entsprechenden
Neuschöpfungen der Regisseure, – all dies zum Zwecke der Vergegenwärtigung
der Stücke für ein heutiges Publikum, - dann bedeutete diese Vergegenwärtigung
natürlich immer die Gegenwart des Regisseurs, sein Stil, sein Ausdruck,
seine ganz persönliche Sicht. Und dann stellt sich doch die Frage, wie
denn diese Regisseure mit gerade entstandenen neuen Stücken von Autoren
umgehen können, die damit ja ebenso ihre Gegenwart, ihren Stil und ihre
ganz persönliche Sicht ausdrücken wollen. Da stehen sich zwei gegenüber
wie in einem Duell, einem imaginären Duell, und einer wird verlieren.
Es ist nicht der, der im Theater die Macht hat. Zu diesem Duell kommt es jedoch
bezeichnenderweise nicht kaum mit den Größen des Regisseurtheaters,
denn die treten dazu erst gar nicht an, sie kreieren lieber ihre eigenen Stücke
mit den genannten vorbestehenden Materialien. Die Kleinen indes, die mit den
Aufmerksamkeit bringenden Ur-und Erstaufführungen aus den Startlöchern
wollen, und auch die, die keinen Trend verpassen wollen, - die versuchen sich
in einem Spagat, der sie nicht selten zerreißt. Sie inszenieren das Stück
des Autors und sie inszenieren ihr Stück, und heraus kommt eine Aufführung,
die das Stück des Autors nur noch erahnen lässt, nicht unbedingt
wegen möglicher
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Urheberrechtsverletzungen, eher aus der verbreiteten Unfähigkeit,
sich auf etwas „anderes“ einzulassen, auf eine andere
Sicht der Welt, auf andere Gefühle, eine andere Sprache, andere
Formen. So finden sich die Autoren auf der Bühne oft nicht wieder,
erkennen ihre Stücke nur formal, nicht in dem ihnen Eigenen.
(Letzte Beispiele: die Stücke der Theresia Walser).
Und so muss sich niemand wundern, wenn sie dann, weil sie vielleicht
vom Theater nicht lassen können, dann keine ausgeführten
Dramen mehr schreiben, sondern – ja, was? Eben diese Materialien,
aus denen die Regisseure dann Aufführungen nach ihrem Gusto machen.
Die Autoren werden zu Textlieferanten, und liest man die neuen Stücke
als das, was sie vorgeben zu sein, fehlt deutlich eben das, was das
Theater, sprich die Regisseure, aus dem Szenario erst machen sollen.
Und wenn man dem neuen Drama vorwirft, es mangele ihm Welt, es gäbe
darin keine Menschen mehr, sondern nur noch Abziehbilder, keine Gefühle,
sondern noch Klischees, keine Sprache, sondern vorgestanzte Sätze,
dann liegt das möglicherweise auch daran, dass der Autor (bewusst
oder unbewusst) zum dramaturgischen Mitarbeiter des Regisseurs geworden
ist. Seine für das Theaterstück genuin-schöpferische
Rolle ist auf den Regisseur übergegangen.
Die Doppelrollen der Theaterproduzenten lassen sich jedoch auch
vereinen: der Autor ist auch sein Regisseur. Es muss also nicht
erstaunen, wenn diese neue Spezies von Theatermachern an unseren Theatern
vermehrt
auftritt. Der Autor firmiert als Felix Kater, der Regisseur als
Armin Petras, - und ist doch ein und dieselbe Person. Und der Autor
René Pollesch
darf fordern, dass ausschließlich der Regisseur René Pollesch
die Pollesch-Stücke inszeniert, und als der Autor vor kurzem
eine Ausnahme machte, und einem anderen Regisseur erlaubte, sein Stück
zu inszenieren, hier im Berliner Prater, ließ der Regisseur
Pollesch die Produktion kurz vor der Premiere absagen. Gut, dass er
dazu auch als künstlerischer Leiter des Prater berechtigt war.
Der einzelne Autor, der von außen ins das Machtgefüge eines
Theaters gerät, ist in solchen Kämpfen meist das Opfer,
also fügt er sich und tritt den Rückzug an. Es wird ihn
noch weiter geben, aber er wird vielleicht besser Gedichte schreiben
oder Romane, das Theater hat ihn vertrieben. Der Hanswurst hat
ihn vertrieben.
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Aber ohne die Hanswurste geht es auch nicht. Und wer aus diesen
Ausführungen folgert, es brauche eine neue Neuberin, der übersieht,
dass vielleicht gerade die Hanswurste das Theater in der Mediengesellschaft
wieder zu seinen ureigenen Möglichkeiten bringen könnten,
und vielleicht sind die neuen und nicht notwendigerweise verbalen
Kommunikationsformen zwischen der Bühne und dem Publikum für
das Theater existentieller als die der dramatischen Dichter und Denker,
wer weiß, und vielleicht ist die Aufforderung des Schauspielers
an den Frankfurter Kritiker „Hau ab, du Arsch, verpiß dich“ auch
eine Einladung zum Dialog, zur Kommunikation zwischen entfremdeten
Parteien. Ein dialektischer Zustand, aus dem vielleicht eines Tages
wieder ein gemeinsames Theater entstehen könnte, in dem jeder
dichtet und inszeniert und spielt. Das wären dann paradiesische
Zustände, von denen wir, ich weiß, weit entfernt sind.
Also bleiben wir hier und heute und wehren uns gegen die Vertreibung
des Autor, ohne den, das wird man vorhersagen können, sich auch
die Hanswurste nicht halten k önnen.
Wie schon vor 300 Jahren.
Karlheinz Braun
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