P.E.N.-Vorkongress
2006:
Kapitulation oder neue Herausforderung?
Schriftsteller in der Mediengesellschaft
am 24. März 2006 in der Akademie der Künste, Berlin
Autorisierte Textfassung zum Vortrag:
"Schreiben im Netz"
von Dr. Roberto Simanowski
Der O-Ton zum Vortrag, mit einer Länge
von 21:18 Minuten, steht im mp3-Format
in drei Dateigrößen wie folgt zur Verfügung:
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 Dr.Roberto Simanowski
Foto: © Dr. Simanowski, privat
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Vom Schreiben im Netz
von Dr. Roberto Simanowski
Meine Damen und Herren,
als man mich fragte, ob ich auf dieser Tagung über das Schreiben
im Netz sprechen wolle, zögerte ich länger als man von jemandem
erwartet hätte, der zu diesem Thema mehrere Bücher geschrieben
und herausgegeben hat. Der Grund für mein Zögern: Ich wusste
nicht, in welcher Rolle ich hier auftreten sollte. Ich kann weder den Warner
vor dem Verlust der Lesekultur geben, noch den Advokaten literarischer
Experimente in den neuen Medien. Für ersteres fehlt es mir an Pessimismus,
für letzteres an missionarischem Eifer.
Ich glaube nicht, dass der Literatur im traditionellen Sinne tatsächlich
Konkurrenz von Schreibexperimenten im Internet entsteht. Ich glaube
auch nicht, dass Schriftsteller ihre Experimente von der sprachlichen Ebene
auf die Ebene der materiellen Erscheinung der Sprache verlagern sollten.
Wir wissen von der konkreten Poesie, der Lautpoesie und der Zufallsdichtung,
dass all diese experimentellen Schreibformen in der Geschichte der
Literatur
Ausnahmem geblieben sind und es niemals von den Randbereichen der
Literatur in deren Zentrum geschafft haben.
So wird es auch den experimentellen Schreibformen ergehen, die die
digitalen Medien eröffnen, also zum Beispiel Texten, die sich auf
dem Bildschirm bewegen und auf die Eingaben des Lesers reagieren,
Texten, die ihren Lesern verschiedene Navigationsalternativen anbieten,
Texten,
die kollaborativ von Lesern geschrieben werden, und Texten, die sich
mit Bild und Ton verbinden oder den Leser in physische Interaktionen verwickeln.
Im Gegensatz dazu gibt es Texte, die allein mittels Buchstaben und
Satzzeichen eine virtuelle Welt vor dem Auge des Lesers entstehen
lassen und von einem Autor geschrieben wurden mit dem Ziel, vom Leser von
links
nach rechts und von oben nach unten und von vorn nach hinten durchgelesen
zu werden. Bei diesen Texten handelt es sich - ganz egal, ob sie
auf Papier oder auf dem Bildschirm erscheinen - um Literatur im klassischen
Sinne.
Ich werde mich hüten, Sie davon abbringen zu wollen, weiterhin solche
Literatur zu produzieren.
Aber immerhin, da es jene Experimente in den Randbereichen gibt,
mag es interessant sein für Literaten, darüber Bescheid zu wissen.
Und so wäre die Rolle, die ich hier einnehmen kann, die des Berichterstatters,
der neutral informiert, was es so gibt.
Der Bericht lässt sich in zwei Teil gliedern: der erste handelt von
Pseudo-Faction, Fan-Fiction und Mitschreibprojekten, der zweite von
Hypertext, konkreter Poesie und interaktiven Text-Installationen.
1. Pseudo-Faction, Fan-Fiction und Mitschreibprojekte
Eine
der Emails, die ich täglich unerbetener
Weise erhalte, liest sich wie folgt:
"Vielen Dank
für
das Einkaufen bei uns.
Ihr Auftrag #89344 Canon EOS 350 D Profi-Digicam im Wert von Euro 729 ist angenommen.
Dieser Betrag wird von Ihrer Karte abgebucht werden.
In Ihrem Profil können Sie alle Auftragsdetails checken
Klick mal rein um den Auftrag zu sehen http://marya-casto.com [Anm.
# 1]
Vielen Dank
T-Online Online Store"
|
Dieser Text ist natürlich nicht Literatur, sondern gehört zu
den Raubüberfällen, denen man im Netz täglich begegnet.
Wer tatsächlich auf den angebotenen Link klickt, wird sich einen Virus
einhandeln, der im besten Falle nur die Festplatte durcheinander bringt,
im schlimmsten aber sie nach Kontonummer und Passwort absucht, um am Ende
tatsächlich jene 729 Euro abbuchen zu können. Diese Abbuchung
wäre in gewisser Weise sogar berechtigt, als Geldstrafe für die
gezeigte Medieninkompetenz und Sprachignoranz. Denn wer kann wirklich annehmen,
dass es sich hier um eine korrekte Nachricht handelt?! Man mag ja zunächst
noch vermuten, dass diese Nachricht den Betrugsversuch eines anderen anzeigt,
der beim T-Online Online Store in unserem Namen und mit unserer Kreditkartennummer
eine digitale Kamera bestellt hat. Aber spätestens der Umschwung der
Anrede vom Formellen ("In Ihrem Profil können Sie alle Auftragsdetails
checken") ins Vertrauliche ("Klick mal rein") dürfte
klar machen, dass dieser Text nicht ernst zu nehmen ist.
Ich will diese Email mit krimineller Absicht nicht zu einem Text
mit künstlerischer Qualität stilisieren – obgleich dies
unter dem Aspekt digitale Performance durchaus ginge. Ich will mit dieser
Email vielmehr auf eine neue Textsorte verweisen, die gerade mit dem wesentlichsten
Merkmal von Literatur, der Fiktionalität, spielt. Das neue Genre heisst
Pseudo-Faction, und steht für fiktionale Texte, die vorgeben, nicht
fiktional zu sein.
Sie kennen das Verfahren vom "Blair Witch Project", jenem Horror-Film,
der im Vorfeld des Kinoanlaufs auf einer Website geschickt als Dokumentation
eines wirklichen Ereignisses verkauft wurde. Seitdem blüht der Betrug
im Dienste der Kunst. „Der Dichter lügt nicht, denn er behauptet
nichts“, heisst eine frühe Wesensbestimmung von Literatur aus
dem 17. Jahrhundert. In der Tat, es geht in der Literatur, anders als in
nicht literarischen Texten, nicht ausschließlich oder vorrangig um
den Realitätsbezug, sondern immer auch um die Art und Weise, in der
Realität dargestellt wird, also um das sprachliche Material. Das Spiel
mit dem Realitätsbezug gehört freilich zur Tradition der Literatur,
wie wir von Herausgebervorworten wissen, die den dokumentarischen Wert
eines fiktionalen Textes behaupten. Das Internet eröffnet da viele
neue Spielformen, denn hier ist jede Website zunächst einmal gleichermaßen
unschuldig wie verdächtig.
Die Website Allyfarson.com zum Beispiel dokumentiert die Fahndung
nach einer Serienmörderin in Kalifornien. Es gibt Polizeiberichte,
Videos, Fotos vom Tatort, Aussagen von Bekannten der Opfer und der Gesuchten
sowie ein Newsgroup-Forum, auf dem sich die Leser der Website über
den Fall austauschen können. Einige Leser fragen dort auch, ob es
Ally Farson wirklich gibt oder ob die ganze Website Betrug ist. Diesen
Lesern mag dann ein mit dem Fall befasster Kriminalbeamter oder die Mutter
eines Opfers oder ein anderer Leser beteuern, dass die Sache durchaus wahr
ist. Aber wer weiß schon, wer wirklich hinter den Emails steckt.
Vielleicht sind ja all die anderen Leser im Forum nur verschiedene
Decknamen des Autors und man selbst die einzige reale Person weit
und breit.
Ein anderes Beispiel sind gefälschte Webshops, die angeblich dies
oder jenes Produkt verkaufen. Auf einer solchen Website liest sich alles
wie auf der Website eines richtigen Webshops, nur dass sich die Produktvorstellung
etwas seltsam ausnimmt, die Unternehmensphilosophie etwas übertrieben
daherkommt und die Fotos der Mitarbeiter zu gestellt oder zu gewagt
aussehen, um wahr zu sein.
Das Literarische in all diesen Versuchen besteht gerade
in der Vorspiegelung des Nicht-Literarischen, denn es geht nicht um die
Darstellung von Realität,
sondern darum, bis zu welchem Grade das Publikum diese Darstellung für
realistisch hält. Dazu ist es notwendig, die Kommunikationsform der
Wirklichkeit glaubwürdig zu immitieren und stellenweise geschickt
zu überziehen, so dass sich beim Leser unterschwellig Verdacht regt.
Der Aha-Effekt ist ein sprachkritischer, denn der Leser wird sich schließlich
bewusst, wie Sprache im entsprechenden Realitätsfeld – des Webshops
oder Kriminalberichts – funktioniert und instrumentalisiert wird.
Sie können sich vorstellen, welche Eigendynamik solche Spiele mit
dem Publikum annehmen, und Sie sehen natürlich, dass sich hier die
Autor-Text-Leser-Relation völlig anders gestaltet als im Fall konventionell
produzierter und publizierter Literatur. Diese Eigendynamik und Veränderung
liegt auch bei den Mitschreibprojekten vor, die seit der Ankunft
des Internet eine neue Blütezeit erleben.( # 1)
Ein Mitschreibprojekt wird zumeist von einem Initiator
organisiert und moderiert und erlaubt jedem (zufällig) auf die Website
des Projekts kommenden Leser, zu dessen (Ko)Autor zu werden. Als Formen
des kollaborativen
Schreibens im Internet lassen sich Individual- und Gemeinschafstprojekte
unterscheiden.
Bei Gemeinschaftsprojekten schreiben Autoren
arbeitsteilig an einer linearen Geschichte. Ein Beispiel aus Deutschland
ist die Erzählung
Beim Bäcker [Anm.
# 2], die 1996 mit einer erotisch aufgeladenen Szene
in einer Bäckerei beginnt und unter der Feder verschiedener Autoren
eine recht turbulente und inkohärente Entwicklung nimmt. Ein Merkmal
dieses Genres der Mitschreibprojekte ist das Schreiben nicht in,
sondern neben der Geschichte:
Statt die von anderen Autoren eingeführten Figuren zu entwickeln,
bringt jeder neue Autor seine eigenen Figuren mit, vernachlässigt
den bisher etablierten Handlungsstand und ignoriert gemachte Vorausblicke
auf die Zukunft. Es kommt mitunter zu einem regelrechten Kleinkrieg
um die Entwicklung der eingeführten Charaktere. Dieser Mangel an Kollaboration
wird schließlich zu einem spürbaren Problem und führt die
Geschichte zur Reflexion ihrer selbst. Das Interessanteste an diesem
Text ist der Text hinter dem Text, die Geschichte vom Versuch verschiedener,
sich völlig fremder Autoren, gemeinsam eine Geschichte zu schreiben.
Im
Gegensatz zu den Gemeinschaftsprojekten vereinigen die Individualprojekte
mehr oder weniger voneinander
unabhängige,
abgeschlossene Beiträge
unter einem spezifischen Stichwort. Das englischsprachige Projekt Noon
Quilt etwa
sammelt Eindrücke, die Menschen rund
um den Erdball jeweils um 12 Uhr Ortszeit haben [Anm.
# 3]. Das deutsche
Projekt 23:40 sammelt
Texte zu den 1 440 Minuten eines imaginären Tages, die jeweils innerhalb
einer Minute lesbar sein sollten, da sie jeweils nur während der ihnen
zugeordneten 60 Sekunden angezeigt werden. Dieser Einfluss auf die
Rezeptionszeit unterstellt
die Schrift den Regeln mündlicher Kommunikation und ermöglicht
eine Reihe interessanter Effekte, die von den Autoren genutzt werden
können.
Beispiele dieser Version der Mitschreibprojekte sind auch NULL und
Am Pool, die es 1999 und 2000 zu einiger Aufmerksamkeit in den Print-Medien
brachten, weil sie einige einigermaßen bekannte Autoren versammelten
und Verlage wie DuMont bzw. Kiepenheuer & Witsch hinter sich hatten.
Im Hinblick auf NULL sprachen die Zeitschriften vom “bislang ambitioniertesten
Projekt im Internet” (ABENDZEITUNG), das „die Netzliteratur
endlich aus ihren Windeln bringt” (BADISCHE ZEITUNG). Das waren große
Worte für ein Projekt, das kleine Geschichten, Notizen, Kommentare
zum Zeitgeschehen, Zeichnungen und Gedichte in der Reihenfolge ihres Eintreffens
- als Email, Fax oder handgeschriebene Postkarte – in HTML-Format
brachte, ins Netz stellte, notdürftig durch Links verband und meinte,
damit eine Autorengeneration zu repräsentieren, “für die
erstmals die Rituale des Bleistifts nicht mehr gelten” (Hettche/Hensel,
17).
Kritischere Berichterstatter merkten denn auch bald den Schwindel
und monierten, daß die Autoren an den Möglichkeiten des Mediums
vorbei nur aktuelles Rohmaterial und lang schon Liegendes zusammentragen
und Halbgares oder Banales durch die Aura des Unmittelbaren adeln. Projektleiter
Thomas Hettche begegnete der „Fama von der experimentellen Netz-Literatur,
die möglichst multimedial und interaktiv zu sein habe”, mit
dem Bekenntnis zum unhintergehbaren geradliniegen Erzählen und der „Einsicht,
daß es einer Online-Avantgarde nicht bedarf.” (Hettche/Hensel,
9)
Das Bekenntnis zum unhintergehbaren geradliniegen Erzählen sei freilich
jedem Autor unbenommen; ich selbst hatte ja eingangs schon ermuntert, daran
festzuhalten und anderen das Experimentieren mit der Literatur im Netz
zu überlassen. Nur sollte man sich dann auch bescheiden und darüber
schweigen, wovon man nicht reden kann, statt so zu tun, als gäbe es
nichts Neues unter der Sonne.
Etwas Neues ist gewiss auch die Fan-Fiction als Abfallprodukt
der Rezeption von Computerspielen. Hier handelt es sich um Geschichten,
die in den Foren,
Chat Rooms und Websites, die um ein Computerspiel herum entstehen,
erzählt
werden. Die Geschichten werden von den Spielern erzählt und greifen
Themen und Charaktere der Welt des entsprechenden Computerspiels auf, was
insofern hoch interessant ist, als das Publikum die vorgefundene fiktionale
Welt zum Anlass eigener Kreativität und Produktion fiktionaler Welten
nimmt.
Mitschreibprojekte und Fan-Fiction dürften für Sie als Produktionsmodell
kaum von Interesse sein, da Sie hier nicht als Autoren gefragt wären
bzw. in der Gemeinschaft von Hobbyschriftstellern untergingen. Als Themen
für die literarische Verarbeitung könnten die beschriebenen Kommunikationsformen
allerdings durchaus inspirierend sein. Und vielleicht wäre es für
den ’richtigen Schriftsteller’ auch interessant, unter lauter
Gelegenheitsdichtern unterzutauchen und zu testen, welche Macht man als
Meister des Wortes über deren Textwelten entwickeln kann.
Versuche einer Indienstnahme der kommunikativen Readymades des Internet
gibt es bereits, zum Beispiel in Tilman Sacks Chatttheater, das die
Gespräche
eines Internet-Chat-Rooms aufzeichnet, bearbeitet und zur Grundlage einer
Theaterinszenierung macht. Es handelt sich dabei um eine Art falsches Doku-Theater,
denn der Regisseur schickt seine eigenen Leute in den Chat-Room, damit
sie die dortigen Gespräche durch Dramatisierung und Konfliktschaffung
beeinflussen. So wird die übliche individuelle Inszenierung der Internet-User
im Cat-Room durch die Inszenierung der ’verdeckten Theaterleute’ gebrochen,
die wiederum Vorlage der die Inszenierung auf der Bühne wird.
Das Chatttheater ist, wie auch die Mitschreibprojekte,
ein Experiment mit der Erstellung des Textes im Vorfeld seiner Veröffentlichung.
Dieses Experiment bestimmt den Gehalt des Endprodukts, ist diesem aber äußerlich
nicht unbedingt anzusehen. Es gibt auch literarische Experimente im Netz,
die die Text-Gestalt ändern.
2. Hypertext, konkrete Poesie und interaktive Text-Installationen
Die älteste Form dieser Experimente des Schreibens im Netz ist der
HT. Sie alle wissen vom Internet, dem größten Hypertext der
Welt, wie das funktioniert: Es gibt mehrere Links innerhalb eines Textes,
die dazu einladen, den Text in verschiedene Richtungen zu verlassen. Die
Leser müssen nicht nur entscheiden, in welche Richtung sie den Text
verlassen wollen, sondern auch wann. Die Rhetorik des Hypertextes ist eine
des Absprungs, des Aufschubs und des Zweifels, denn man weiss nie, ob man
den richtigen Link gewählt hat. Und nun stellen Sie sich einen Roman
in der Form eines HTs vor! Es gibt solche Romane, und die Forschung zur
digitalen Literatur feierte darin lange Zeit die technische Umsetzung der
postmodernen Philosophie: Denn jedes Textsegment wird immer wieder neu
kontexualisiert, und durch die alternativen Navigationsmöglichkeiten
des Lesers stellt dieser faktisch den Text individuell zusammen und, so
hieß es, unterminiert die Dominanz des Autors.
Die Nachwuchswissenschafter, die offenbar die postmodernen Theorien
zum Tod oder Verschwinden des Autors missverstanden hatten, waren
begeisterter vom literarischen Hypertext als die Leser, die nicht einsahen,
dass sie
dem Autor die Arbeit der Text-Komposition abnehmen sollten. Das Gefühl
des „Lost in Cyberspace“, das die Wissenschaftler als adäquates
Lektüreergebnis in postmoderner Zeit preisten, funktioniert vielleicht
einmal, im Sinne der Konzept-Kunst, kann aber, sowenig wie diese, nicht
ständig wiederholt werden und wirkt, wenn es sich nicht dem Thema
des Textes verbindet, schließlich beliebig.
Es gibt positive Ausnahmen, wo die Verlinkung einen semantischen
Mehrwert entwickelt. Generell aber muss ich sagen: Ich warte noch
auf den Autor, der nicht nur Links setzen kann, sondern auch gut schreiben,
und
der seinen Links eine tiefere Bedeutung gibt als die, zwischen zwei
gleichlautenden Worten zu verlinken. Ich warte auf die Autorin, die es
wirklich schafft,
dass je nach Navigation durch das Textnetz einmal der Kutscher der
Mörder
ist und ein andermal der Gärtner, und zwar nicht, weil man jeweils
verschiedene Textstellen gelesen hat, sondern weil die gleichen Textstellen
in unterschiedlicher Kontextualisierung ihre Bedeutung verändern.
Dies benötigt freilich einen Meister der Komposition, der - das scheint
die Crux zu sein - nicht nur lineare, statische Texte komplex strukturieren
kann, sondern auch multi-lineare, flüssige wie den Hypertext.
Seit Computer und Internet bild- und tonfähig sind, verbündet
sich der Text im digitalen Medium gern auch mit anderen Zeichensystemen
als dem der Sprache. Das hat Tradition in der konkreten Poesie, wo die
linguistische Bedeutung der Wörter durch die Bedeutung ihrer räumlichen
Anordnung ergänzt oder auch konterkariert wird. Im Reich des Digitalen
kommen zur räumlichen Komponente Zeit und Interaktion hinzu.
Ein Beispiel ist das Gedicht Fine View von David Knolb, das von einem
abgestürzten Dachdecker berichtet und sich Zeile für Zeile immer
schneller dem Leser entgegenbewegt, der den Text schließlich nicht
mehr lesen kann, so wie ein Abstürzender seine Umwelt nicht mehr wahrnehmen
kann.
Ein anderes Beispiel, bei dem es auch auf die Interaktion des Lesers
ankommt, ist YATOO der Wiener Netzkünstler Ursula Hentschläger
und Zelko Wiener. Hier kann der User durch Mouse-Kontakt auf einen fünfeckigen
Stern Audiodateien mit den Worten eines Liebesgedichts aktivieren (www.zeitgenossen.com/outerspaceip/index1.html).
Die Navigation über die Teile des Sterns muss in einer bestimmten
Ordnung erfolgen, um die Worte zu einem sinnvollen Satz zusammenzusetzen
und die Teile des Sterns zu einem neuen harmonischen Gebilde zu formen.
In dieser vorgegebenen Rezeptionsweise liegt der ironische, desillusionierende
Kommentar zu den allzu romantischen Versen des Liebesgedichts: Ohne die
Beachtung bestimmter Regeln ist auch in der Liebesbeziehung keine erfolgreiche
Kommunikation möglich. Dieser Kommentar erfolgt wortlos und resultiert
allein aus der spezifischen Grammatik der Interaktion, in die das
Werk den User einbezieht.
-
Ein drittes und letztes Beispiel sei Screen von Noah Wardrip-Fruin
(vgl. Video www.dichtung-digital.com/2004/2/Wardrip-Fruin/Screen.mov [Anm.
# 4]).
Dieses
Werk ist im Cave zu besichtigen, einem kleinen Raum, auf dessen drei
Seiten sowie Boden Informationen projiziert werden können; der Betrachter
trägt eine Brille, die die dreidimensionale Wahrnehmung dieser Informationen
erlaubt, sowie einen Handschuh, mit dem die Position seiner Hand
im Raum berechnet werden kann. Das Werk beginnt mit dem Einsprechen
eines Textes über
den Verlust von Erinnerungen. Anschließend werden nacheinander alle
drei Wände mit dem Text kurzer Episoden gefüllt. Schließlich
fallen einzelne Wörter dieser Texte von den Wänden und kommen
auf den Betrachter zu, der nun die Möglichkeit hat, diese mittels
seiner ‘Handschuh-Hand’ an ihre alte Position zurückzustoßen.
Die Häufigkeit und Geschwindigkeit dieses Abfalls nimmt im Verlauf
des Geschehens zu, am Ende fallen alle Wörter von der Wand, die nicht
zurückgestoßen worden waren.
Mit Screen hat der Leser nicht nur das Reich der Sprache
verlassen, sondern auch den heimischen Sessel. Literatur ist hier Bestandteil
einer Installation,
die man an einem gesonderten Ort aufsuchen muss und zumeist in kollektiver
Weise rezipiert. Es kann sein, dass in zehn Jahren neben der Maus
auch eine 3-D-Brille zur Grundausstattung des Computers gehört, und man
solchen Installationen wieder individuell daheim begegnen kann. Dann könnte
man dem User auch größere Textlandschaften zumuten als in einer
Galerie-Situation.
Die Buchmesse mag dann einen eigenen Stand mit entsprechenden DVDs
haben, so wie sie in Frankfurt ja jetzt schon einen Stand mit Computerspielen
führt. Ich hoffe, dass Computerspiele und DVDs mit 3-D-Literatur dann
nicht das gute alte Buch an den Rand gedrängt haben werden, und ende
in diesem Sinne mit einem Vorschlag: Sie schreiben weiter ganz normale
Texte, die weder das Internet benötigen noch eine spezielle Lesebrille;
ich erzähle Ihnen in 10 Jahren dafür, welch neue Experimente
mit dem Wort es im Reich des Digitalen gibt.
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Quellenangaben/Anmerkungen:
Anm.
d. Red. # 1:
Diese Adresse war am 22.04.06 nicht erreichbar; es scheint,
daß diese Adresse gesperrt worden ist. |
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Quellenangabe
# 1:
Von ihren medienexternen Vorläufern (Cadavre exquis, Mailart)
unterscheiden sich die Mitschreibprojekte des Internet durch
den Verzicht auf die Inklusion/Exklusion einer persönlichen Adressierung
der Beteiligten. |
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Anm.
d. Red. # 2:
Sie können das Video unter http://home.snafu.de/klinger/baecker/ herunterladen
(letztmals besucht: 23.04.06; dort stehen gepackte Dateien zur
Verfügung, die ausgepackt auf dem heimischen PC in etwa ein Abbild
der vormaligen Netzdarstellung wiederspiegeln). |
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Weitere Informationen über
Dr. Roberto Simanowski hier im Archiv:
..
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Diskussionen
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Weitere Informationen im
Internet:
Roberto Simanowski, Interfictions. Vom Schreiben im Netz. Frankfurt
am Main 2002; sowie ders. Einleitungsessay zum Wettbewerb Literatur.digital. 2001.
In: www.t-online.de/literaturpreis/essay/index.htm.
(Zuletzt besucht am 23.04.2006)
Veröffentlichung
dieser Seite am 18. Mai 2006