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P.E.N.-Vorkongress 2006:
Kapitulation oder neue Herausforderung?
Schriftsteller in der Mediengesellschaft
am 24. März 2006 in der Akademie der Künste, Berlin

Autorisierte Textfassung zum Vortrag:
"Schreiben im Netz"

von Dr. Roberto Simanowski

Der O-Ton zum Vortrag, mit einer Länge von 21:18 Minuten, steht im mp3-Format in drei Dateigrößen wie folgt zur Verfügung:

48 KB/s (rd. 10,2 MB)
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/240306_PEN-vorkongress_20_48.mp3
96 KB/s (rd. 20,4 MB)
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/240306_PEN-vorkongress_20_96.mp3
192 KB/s (rd. 40,8 MB)
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/240306_PEN-vorkongress_20_192.mp3
 


Dr.Roberto Simanowski
Foto: © Dr. Simanowski, privat

 

__________________________________________

Vom Schreiben im Netz
von Dr. Roberto Simanowski

Meine Damen und Herren,

als man mich fragte, ob ich auf dieser Tagung über das Schreiben im Netz sprechen wolle, zögerte ich länger als man von jemandem erwartet hätte, der zu diesem Thema mehrere Bücher geschrieben und herausgegeben hat. Der Grund für mein Zögern: Ich wusste nicht, in welcher Rolle ich hier auftreten sollte. Ich kann weder den Warner vor dem Verlust der Lesekultur geben, noch den Advokaten literarischer Experimente in den neuen Medien. Für ersteres fehlt es mir an Pessimismus, für letzteres an missionarischem Eifer.

Ich glaube nicht, dass der Literatur im traditionellen Sinne tatsächlich Konkurrenz von Schreibexperimenten im Internet entsteht. Ich glaube auch nicht, dass Schriftsteller ihre Experimente von der sprachlichen Ebene auf die Ebene der materiellen Erscheinung der Sprache verlagern sollten. Wir wissen von der konkreten Poesie, der Lautpoesie und der Zufallsdichtung, dass all diese experimentellen Schreibformen in der Geschichte der Literatur Ausnahmem geblieben sind und es niemals von den Randbereichen der Literatur in deren Zentrum geschafft haben.

So wird es auch den experimentellen Schreibformen ergehen, die die digitalen Medien eröffnen, also zum Beispiel Texten, die sich auf dem Bildschirm bewegen und auf die Eingaben des Lesers reagieren, Texten, die ihren Lesern verschiedene Navigationsalternativen anbieten, Texten, die kollaborativ von Lesern geschrieben werden, und Texten, die sich mit Bild und Ton verbinden oder den Leser in physische Interaktionen verwickeln.

Im Gegensatz dazu gibt es Texte, die allein mittels Buchstaben und Satzzeichen eine virtuelle Welt vor dem Auge des Lesers entstehen lassen und von einem Autor geschrieben wurden mit dem Ziel, vom Leser von links nach rechts und von oben nach unten und von vorn nach hinten durchgelesen zu werden. Bei diesen Texten handelt es sich - ganz egal, ob sie auf Papier oder auf dem Bildschirm erscheinen - um Literatur im klassischen Sinne. Ich werde mich hüten, Sie davon abbringen zu wollen, weiterhin solche Literatur zu produzieren.

Aber immerhin, da es jene Experimente in den Randbereichen gibt, mag es interessant sein für Literaten, darüber Bescheid zu wissen. Und so wäre die Rolle, die ich hier einnehmen kann, die des Berichterstatters, der neutral informiert, was es so gibt.

Der Bericht lässt sich in zwei Teil gliedern: der erste handelt von Pseudo-Faction, Fan-Fiction und Mitschreibprojekten, der zweite von Hypertext, konkreter Poesie und interaktiven Text-Installationen.


1. Pseudo-Faction, Fan-Fiction und Mitschreibprojekte

Eine der Emails, die ich täglich unerbetener Weise erhalte, liest sich wie folgt:

"Vielen Dank für das Einkaufen bei uns.
Ihr Auftrag #89344 Canon EOS 350 D Profi-Digicam im Wert von Euro 729 ist angenommen.
Dieser Betrag wird von Ihrer Karte abgebucht werden.
In Ihrem Profil können Sie alle Auftragsdetails checken
Klick mal rein um den Auftrag zu sehen http://marya-casto.com
[Anm. # 1]

Vielen Dank
T-Online Online Store
"

Dieser Text ist natürlich nicht Literatur, sondern gehört zu den Raubüberfällen, denen man im Netz täglich begegnet. Wer tatsächlich auf den angebotenen Link klickt, wird sich einen Virus einhandeln, der im besten Falle nur die Festplatte durcheinander bringt, im schlimmsten aber sie nach Kontonummer und Passwort absucht, um am Ende tatsächlich jene 729 Euro abbuchen zu können. Diese Abbuchung wäre in gewisser Weise sogar berechtigt, als Geldstrafe für die gezeigte Medieninkompetenz und Sprachignoranz. Denn wer kann wirklich annehmen, dass es sich hier um eine korrekte Nachricht handelt?! Man mag ja zunächst noch vermuten, dass diese Nachricht den Betrugsversuch eines anderen anzeigt, der beim T-Online Online Store in unserem Namen und mit unserer Kreditkartennummer eine digitale Kamera bestellt hat. Aber spätestens der Umschwung der Anrede vom Formellen ("In Ihrem Profil können Sie alle Auftragsdetails checken") ins Vertrauliche ("Klick mal rein") dürfte klar machen, dass dieser Text nicht ernst zu nehmen ist.

Ich will diese Email mit krimineller Absicht nicht zu einem Text mit künstlerischer Qualität stilisieren – obgleich dies unter dem Aspekt digitale Performance durchaus ginge. Ich will mit dieser Email vielmehr auf eine neue Textsorte verweisen, die gerade mit dem wesentlichsten Merkmal von Literatur, der Fiktionalität, spielt. Das neue Genre heisst Pseudo-Faction, und steht für fiktionale Texte, die vorgeben, nicht fiktional zu sein.

Sie kennen das Verfahren vom "Blair Witch Project", jenem Horror-Film, der im Vorfeld des Kinoanlaufs auf einer Website geschickt als Dokumentation eines wirklichen Ereignisses verkauft wurde. Seitdem blüht der Betrug im Dienste der Kunst. „Der Dichter lügt nicht, denn er behauptet nichts“, heisst eine frühe Wesensbestimmung von Literatur aus dem 17. Jahrhundert. In der Tat, es geht in der Literatur, anders als in nicht literarischen Texten, nicht ausschließlich oder vorrangig um den Realitätsbezug, sondern immer auch um die Art und Weise, in der Realität dargestellt wird, also um das sprachliche Material. Das Spiel mit dem Realitätsbezug gehört freilich zur Tradition der Literatur, wie wir von Herausgebervorworten wissen, die den dokumentarischen Wert eines fiktionalen Textes behaupten. Das Internet eröffnet da viele neue Spielformen, denn hier ist jede Website zunächst einmal gleichermaßen unschuldig wie verdächtig.

Die Website Allyfarson.com zum Beispiel dokumentiert die Fahndung nach einer Serienmörderin in Kalifornien. Es gibt Polizeiberichte, Videos, Fotos vom Tatort, Aussagen von Bekannten der Opfer und der Gesuchten sowie ein Newsgroup-Forum, auf dem sich die Leser der Website über den Fall austauschen können. Einige Leser fragen dort auch, ob es Ally Farson wirklich gibt oder ob die ganze Website Betrug ist. Diesen Lesern mag dann ein mit dem Fall befasster Kriminalbeamter oder die Mutter eines Opfers oder ein anderer Leser beteuern, dass die Sache durchaus wahr ist. Aber wer weiß schon, wer wirklich hinter den Emails steckt. Vielleicht sind ja all die anderen Leser im Forum nur verschiedene Decknamen des Autors und man selbst die einzige reale Person weit und breit.
Ein anderes Beispiel sind gefälschte Webshops, die angeblich dies oder jenes Produkt verkaufen. Auf einer solchen Website liest sich alles wie auf der Website eines richtigen Webshops, nur dass sich die Produktvorstellung etwas seltsam ausnimmt, die Unternehmensphilosophie etwas übertrieben daherkommt und die Fotos der Mitarbeiter zu gestellt oder zu gewagt aussehen, um wahr zu sein.

Das Literarische in all diesen Versuchen besteht gerade in der Vorspiegelung des Nicht-Literarischen, denn es geht nicht um die Darstellung von Realität, sondern darum, bis zu welchem Grade das Publikum diese Darstellung für realistisch hält. Dazu ist es notwendig, die Kommunikationsform der Wirklichkeit glaubwürdig zu immitieren und stellenweise geschickt zu überziehen, so dass sich beim Leser unterschwellig Verdacht regt. Der Aha-Effekt ist ein sprachkritischer, denn der Leser wird sich schließlich bewusst, wie Sprache im entsprechenden Realitätsfeld – des Webshops oder Kriminalberichts – funktioniert und instrumentalisiert wird.
Sie können sich vorstellen, welche Eigendynamik solche Spiele mit dem Publikum annehmen, und Sie sehen natürlich, dass sich hier die Autor-Text-Leser-Relation völlig anders gestaltet als im Fall konventionell produzierter und publizierter Literatur. Diese Eigendynamik und Veränderung liegt auch bei den Mitschreibprojekten vor, die seit der Ankunft des Internet eine neue Blütezeit erleben.( # 1)

Ein Mitschreibprojekt wird zumeist von einem Initiator organisiert und moderiert und erlaubt jedem (zufällig) auf die Website des Projekts kommenden Leser, zu dessen (Ko)Autor zu werden. Als Formen des kollaborativen Schreibens im Internet lassen sich Individual- und Gemeinschafstprojekte unterscheiden.
Bei Gemeinschaftsprojekten schreiben Autoren arbeitsteilig an einer linearen Geschichte. Ein Beispiel aus Deutschland ist die Erzählung Beim Bäcker [Anm. # 2], die 1996 mit einer erotisch aufgeladenen Szene in einer Bäckerei beginnt und unter der Feder verschiedener Autoren eine recht turbulente und inkohärente Entwicklung nimmt. Ein Merkmal dieses Genres der Mitschreibprojekte ist das Schreiben nicht in, sondern neben der Geschichte: Statt die von anderen Autoren eingeführten Figuren zu entwickeln, bringt jeder neue Autor seine eigenen Figuren mit, vernachlässigt den bisher etablierten Handlungsstand und ignoriert gemachte Vorausblicke auf die Zukunft. Es kommt mitunter zu einem regelrechten Kleinkrieg um die Entwicklung der eingeführten Charaktere. Dieser Mangel an Kollaboration wird schließlich zu einem spürbaren Problem und führt die Geschichte zur Reflexion ihrer selbst. Das Interessanteste an diesem Text ist der Text hinter dem Text, die Geschichte vom Versuch verschiedener, sich völlig fremder Autoren, gemeinsam eine Geschichte zu schreiben.

Im Gegensatz zu den Gemeinschaftsprojekten vereinigen die Individualprojekte mehr oder weniger voneinander unabhängige, abgeschlossene Beiträge unter einem spezifischen Stichwort. Das englischsprachige Projekt Noon Quilt etwa sammelt Eindrücke, die Menschen rund um den Erdball jeweils um 12 Uhr Ortszeit haben [Anm. # 3]. Das deutsche Projekt 23:40 sammelt Texte zu den 1 440 Minuten eines imaginären Tages, die jeweils innerhalb einer Minute lesbar sein sollten, da sie jeweils nur während der ihnen zugeordneten 60 Sekunden angezeigt werden. Dieser Einfluss auf die Rezeptionszeit unterstellt die Schrift den Regeln mündlicher Kommunikation und ermöglicht eine Reihe interessanter Effekte, die von den Autoren genutzt werden können.
Beispiele dieser Version der Mitschreibprojekte sind auch NULL und Am Pool, die es 1999 und 2000 zu einiger Aufmerksamkeit in den Print-Medien brachten, weil sie einige einigermaßen bekannte Autoren versammelten und Verlage wie DuMont bzw. Kiepenheuer & Witsch hinter sich hatten. Im Hinblick auf NULL sprachen die Zeitschriften vom “bislang ambitioniertesten Projekt im Internet” (ABENDZEITUNG), das „die Netzliteratur endlich aus ihren Windeln bringt” (BADISCHE ZEITUNG). Das waren große Worte für ein Projekt, das kleine Geschichten, Notizen, Kommentare zum Zeitgeschehen, Zeichnungen und Gedichte in der Reihenfolge ihres Eintreffens - als Email, Fax oder handgeschriebene Postkarte – in HTML-Format brachte, ins Netz stellte, notdürftig durch Links verband und meinte, damit eine Autorengeneration zu repräsentieren, “für die erstmals die Rituale des Bleistifts nicht mehr gelten” (Hettche/Hensel, 17).
Kritischere Berichterstatter merkten denn auch bald den Schwindel und monierten, daß die Autoren an den Möglichkeiten des Mediums vorbei nur aktuelles Rohmaterial und lang schon Liegendes zusammentragen und Halbgares oder Banales durch die Aura des Unmittelbaren adeln. Projektleiter Thomas Hettche begegnete der „Fama von der experimentellen Netz-Literatur, die möglichst multimedial und interaktiv zu sein habe”, mit dem Bekenntnis zum unhintergehbaren geradliniegen Erzählen und der „Einsicht, daß es einer Online-Avantgarde nicht bedarf.” (Hettche/Hensel, 9)
Das Bekenntnis zum unhintergehbaren geradliniegen Erzählen sei freilich jedem Autor unbenommen; ich selbst hatte ja eingangs schon ermuntert, daran festzuhalten und anderen das Experimentieren mit der Literatur im Netz zu überlassen. Nur sollte man sich dann auch bescheiden und darüber schweigen, wovon man nicht reden kann, statt so zu tun, als gäbe es nichts Neues unter der Sonne.

Etwas Neues ist gewiss auch die Fan-Fiction als Abfallprodukt der Rezeption von Computerspielen. Hier handelt es sich um Geschichten, die in den Foren, Chat Rooms und Websites, die um ein Computerspiel herum entstehen, erzählt werden. Die Geschichten werden von den Spielern erzählt und greifen Themen und Charaktere der Welt des entsprechenden Computerspiels auf, was insofern hoch interessant ist, als das Publikum die vorgefundene fiktionale Welt zum Anlass eigener Kreativität und Produktion fiktionaler Welten nimmt.
Mitschreibprojekte und Fan-Fiction dürften für Sie als Produktionsmodell kaum von Interesse sein, da Sie hier nicht als Autoren gefragt wären bzw. in der Gemeinschaft von Hobbyschriftstellern untergingen. Als Themen für die literarische Verarbeitung könnten die beschriebenen Kommunikationsformen allerdings durchaus inspirierend sein. Und vielleicht wäre es für den ’richtigen Schriftsteller’ auch interessant, unter lauter Gelegenheitsdichtern unterzutauchen und zu testen, welche Macht man als Meister des Wortes über deren Textwelten entwickeln kann.
Versuche einer Indienstnahme der kommunikativen Readymades des Internet gibt es bereits, zum Beispiel in Tilman Sacks Chatttheater, das die Gespräche eines Internet-Chat-Rooms aufzeichnet, bearbeitet und zur Grundlage einer Theaterinszenierung macht. Es handelt sich dabei um eine Art falsches Doku-Theater, denn der Regisseur schickt seine eigenen Leute in den Chat-Room, damit sie die dortigen Gespräche durch Dramatisierung und Konfliktschaffung beeinflussen. So wird die übliche individuelle Inszenierung der Internet-User im Cat-Room durch die Inszenierung der ’verdeckten Theaterleute’ gebrochen, die wiederum Vorlage der die Inszenierung auf der Bühne wird.

Das Chatttheater ist, wie auch die Mitschreibprojekte, ein Experiment mit der Erstellung des Textes im Vorfeld seiner Veröffentlichung. Dieses Experiment bestimmt den Gehalt des Endprodukts, ist diesem aber äußerlich nicht unbedingt anzusehen. Es gibt auch literarische Experimente im Netz, die die Text-Gestalt ändern.

2. Hypertext, konkrete Poesie und interaktive Text-Installationen

Die älteste Form dieser Experimente des Schreibens im Netz ist der HT. Sie alle wissen vom Internet, dem größten Hypertext der Welt, wie das funktioniert: Es gibt mehrere Links innerhalb eines Textes, die dazu einladen, den Text in verschiedene Richtungen zu verlassen. Die Leser müssen nicht nur entscheiden, in welche Richtung sie den Text verlassen wollen, sondern auch wann. Die Rhetorik des Hypertextes ist eine des Absprungs, des Aufschubs und des Zweifels, denn man weiss nie, ob man den richtigen Link gewählt hat. Und nun stellen Sie sich einen Roman in der Form eines HTs vor! Es gibt solche Romane, und die Forschung zur digitalen Literatur feierte darin lange Zeit die technische Umsetzung der postmodernen Philosophie: Denn jedes Textsegment wird immer wieder neu kontexualisiert, und durch die alternativen Navigationsmöglichkeiten des Lesers stellt dieser faktisch den Text individuell zusammen und, so hieß es, unterminiert die Dominanz des Autors.
Die Nachwuchswissenschafter, die offenbar die postmodernen Theorien zum Tod oder Verschwinden des Autors missverstanden hatten, waren begeisterter vom literarischen Hypertext als die Leser, die nicht einsahen, dass sie dem Autor die Arbeit der Text-Komposition abnehmen sollten. Das Gefühl des „Lost in Cyberspace“, das die Wissenschaftler als adäquates Lektüreergebnis in postmoderner Zeit preisten, funktioniert vielleicht einmal, im Sinne der Konzept-Kunst, kann aber, sowenig wie diese, nicht ständig wiederholt werden und wirkt, wenn es sich nicht dem Thema des Textes verbindet, schließlich beliebig.
Es gibt positive Ausnahmen, wo die Verlinkung einen semantischen Mehrwert entwickelt. Generell aber muss ich sagen: Ich warte noch auf den Autor, der nicht nur Links setzen kann, sondern auch gut schreiben, und der seinen Links eine tiefere Bedeutung gibt als die, zwischen zwei gleichlautenden Worten zu verlinken. Ich warte auf die Autorin, die es wirklich schafft, dass je nach Navigation durch das Textnetz einmal der Kutscher der Mörder ist und ein andermal der Gärtner, und zwar nicht, weil man jeweils verschiedene Textstellen gelesen hat, sondern weil die gleichen Textstellen in unterschiedlicher Kontextualisierung ihre Bedeutung verändern. Dies benötigt freilich einen Meister der Komposition, der - das scheint die Crux zu sein - nicht nur lineare, statische Texte komplex strukturieren kann, sondern auch multi-lineare, flüssige wie den Hypertext.

Seit Computer und Internet bild- und tonfähig sind, verbündet sich der Text im digitalen Medium gern auch mit anderen Zeichensystemen als dem der Sprache. Das hat Tradition in der konkreten Poesie, wo die linguistische Bedeutung der Wörter durch die Bedeutung ihrer räumlichen Anordnung ergänzt oder auch konterkariert wird. Im Reich des Digitalen kommen zur räumlichen Komponente Zeit und Interaktion hinzu.
Ein Beispiel ist das Gedicht Fine View von David Knolb, das von einem abgestürzten Dachdecker berichtet und sich Zeile für Zeile immer schneller dem Leser entgegenbewegt, der den Text schließlich nicht mehr lesen kann, so wie ein Abstürzender seine Umwelt nicht mehr wahrnehmen kann.
Ein anderes Beispiel, bei dem es auch auf die Interaktion des Lesers ankommt, ist YATOO der Wiener Netzkünstler Ursula Hentschläger und Zelko Wiener. Hier kann der User durch Mouse-Kontakt auf einen fünfeckigen Stern Audiodateien mit den Worten eines Liebesgedichts aktivieren (www.zeitgenossen.com/outerspaceip/index1.html). Die Navigation über die Teile des Sterns muss in einer bestimmten Ordnung erfolgen, um die Worte zu einem sinnvollen Satz zusammenzusetzen und die Teile des Sterns zu einem neuen harmonischen Gebilde zu formen. In dieser vorgegebenen Rezeptionsweise liegt der ironische, desillusionierende Kommentar zu den allzu romantischen Versen des Liebesgedichts: Ohne die Beachtung bestimmter Regeln ist auch in der Liebesbeziehung keine erfolgreiche Kommunikation möglich. Dieser Kommentar erfolgt wortlos und resultiert allein aus der spezifischen Grammatik der Interaktion, in die das Werk den User einbezieht.

- Ein drittes und letztes Beispiel sei Screen von Noah Wardrip-Fruin (vgl. Video www.dichtung-digital.com/2004/2/Wardrip-Fruin/Screen.mov [Anm. # 4]). Dieses Werk ist im Cave zu besichtigen, einem kleinen Raum, auf dessen drei Seiten sowie Boden Informationen projiziert werden können; der Betrachter trägt eine Brille, die die dreidimensionale Wahrnehmung dieser Informationen erlaubt, sowie einen Handschuh, mit dem die Position seiner Hand im Raum berechnet werden kann. Das Werk beginnt mit dem Einsprechen eines Textes über den Verlust von Erinnerungen. Anschließend werden nacheinander alle drei Wände mit dem Text kurzer Episoden gefüllt. Schließlich fallen einzelne Wörter dieser Texte von den Wänden und kommen auf den Betrachter zu, der nun die Möglichkeit hat, diese mittels seiner ‘Handschuh-Hand’ an ihre alte Position zurückzustoßen. Die Häufigkeit und Geschwindigkeit dieses Abfalls nimmt im Verlauf des Geschehens zu, am Ende fallen alle Wörter von der Wand, die nicht zurückgestoßen worden waren.

Mit Screen hat der Leser nicht nur das Reich der Sprache verlassen, sondern auch den heimischen Sessel. Literatur ist hier Bestandteil einer Installation, die man an einem gesonderten Ort aufsuchen muss und zumeist in kollektiver Weise rezipiert. Es kann sein, dass in zehn Jahren neben der Maus auch eine 3-D-Brille zur Grundausstattung des Computers gehört, und man solchen Installationen wieder individuell daheim begegnen kann. Dann könnte man dem User auch größere Textlandschaften zumuten als in einer Galerie-Situation.
Die Buchmesse mag dann einen eigenen Stand mit entsprechenden DVDs haben, so wie sie in Frankfurt ja jetzt schon einen Stand mit Computerspielen führt. Ich hoffe, dass Computerspiele und DVDs mit 3-D-Literatur dann nicht das gute alte Buch an den Rand gedrängt haben werden, und ende in diesem Sinne mit einem Vorschlag: Sie schreiben weiter ganz normale Texte, die weder das Internet benötigen noch eine spezielle Lesebrille; ich erzähle Ihnen in 10 Jahren dafür, welch neue Experimente mit dem Wort es im Reich des Digitalen gibt.

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Quellenangaben/Anmerkungen:

Anm. d. Red. # 1:
Diese Adresse war am 22.04.06 nicht erreichbar; es scheint, daß diese Adresse gesperrt worden ist.
 
Quellenangabe # 1:
Von ihren medienexternen Vorläufern (Cadavre exquis, Mailart) unterscheiden sich die Mitschreibprojekte des Internet durch den Verzicht auf die Inklusion/Exklusion einer persönlichen Adressierung der Beteiligten.
 
Anm. d. Red. # 2:
Sie können das Video unter http://home.snafu.de/klinger/baecker/ herunterladen (letztmals besucht: 23.04.06; dort stehen gepackte Dateien zur Verfügung, die ausgepackt auf dem heimischen PC in etwa ein Abbild der vormaligen Netzdarstellung wiederspiegeln).
 
Anm. d. Red. # 3:
Die Startseite vom englischsprachigen Projekt Noon Quilt erreichen Sie unter http://trace.ntu.ac.uk/quilt/info.htm (letztmals besucht: 24.04.06.)
 
Anm. d. Red. # 4:
Sie können das www.dichtung-digital.com/2004/2/Wardrip-Fruin/Screen.mov herunterladen (letztmals besucht: 24.04.06; dort erhalten Sie einen Videoclip im Apple-Dateiformat, Größe rd. 9,9 MB; zum Abspielen benötigen Sie "Quick Time", ein auch auf microsoft-Systemen funktionierendes Medien-Abspielprogramm; dies erahlten Sie zum kostenfreien Herunterladen direkt unter: www.apple.com/quicktime/download/win.html).
 

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Weitere Informationen im Internet:

Roberto Simanowski, Interfictions. Vom Schreiben im Netz. Frankfurt am Main 2002; sowie ders. Einleitungsessay zum Wettbewerb Literatur.digital. 2001. In: www.t-online.de/literaturpreis/essay/index.htm. (Zuletzt besucht am 23.04.2006)

Veröffentlichung dieser Seite am 18. Mai 2006