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P.E.N.-Vorkongress
2006
Vom allmählichen Verenden der Radiokultur Von Wilfried F. Schoeller Ich fürchte, ich kann Ihnen nichts Neues sagen, wenn ich mich
meinem Thema in gerader Linie, von vorn, nähere. Sie wissen das
alles bereits. Sie erfahren es, wenn Sie für den Hörfunk
schreiben, im Monatstakt: weniger Sendezeit, kürzere Manuskripte,
die Ratlosigkeitsfrage: Literatur-wassolldas? Immer mehr Talk ins
Programm, die Kultur in die Nacht verschoben, die Jagd nach den Zielgruppen,
das Verschwinden des Partners, genannt Fachredakteur, in einem Wust
von Orgapapieren, Konferenzen, Bürokratismus; die lähmende
Depression, die sich in der ARD unter den Mitarbeitern breit macht.
Sie beschleicht manchmal sogar Intendanten. So hat Ernst Elitz, Chef
des DeutschlandRadios, jüngst auch seine Tätigkeit im Zusammenhang
mit der Gebührenerhöhung beschrieben: „Fragebogen
ausgefüllt, Aktenordner abgeschickt, Tadel eingesteckt, neue
Zahlenkolonnen geliefert, Textentwürfe der KEF studiert, Bedenken
angemeldet, Verbesserungsvorschläge gemacht und sich dabei rund
um die Uhr mit Begriffen herumschlagen wie: Zuhörerkontaktaufwand,
indexgestütztes integriertes Prüf- und Berechnungsverfahren
[…], mittelfristige Finanzbedarfsplanung nach modifizierter
liquiditätsorientierter Planungsmethode“ – ich erspare
Ihnen das weitere. Ich könnte die Strophen des Überdrusses
und der Klage auf der Redakteursebene wiederholen, mit guten Gründen
und aus langjähriger Erfahrung. Gäbe es ein Album, betitelt: „Die ersten zehn Jahre“: Wer träte da ins Bild? Ein gutes Dutzend Schriftsteller, im programmatischen Miteinander vereint, versammelt mit Intendanten, die ihrerseits vor literarischen Ambitionen schier bersten, die „Hörspieler“ geschart ums Mikrofon, das bisweilen auch „der Ausschöpfer“ genannt wird, gebannt im Studio, beschäftigt mit der Verwicklung von Literatur ins technische Abenteuer. Dieses Familienbild des Radios leuchtet einige Jahre, bis es 1933, mit der Machterschleichung der Nazis, verschwindet, um dann zwölf Jahre später wieder Glanz zu erhalten. Dann hat zwar die Besetzung fast vollständig gewechselt, aber die Ideen und Fantasien, Utopien und Sehnsuchtsfetzen, die damals umgewälzt und erprobt, verteidigt und verworfen wurden, kamen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zum Vorschein. Eine Gewissheit hat sich über den Zivilisationsbruch von 1933 erhalten: Literatur ist ein Generator des Radios. Sie ist nicht eine beliebige Zutat, ein Element in einem umfassenderen Mix, sie formuliert die Gründungsurkunde des freien Rundfunks mit. Wer also die Literatur aus dem Programm verbannen oder in ihm minimalisieren will, stellt die Grundlagen infrage. Es ist einfach eine historische Pflicht für den Rundfunk, Literaten
zu fördern, ästhetisch-literarische Bildung zu betreiben,
den radiophonen Formen der Literatur zur Geltung im Programm zu verhelfen.
Das war nach 1945 selbstverständlich, als beispielsweise Alfred
Andersch, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Helmut Heissenbüttel,
Johannes Poethen Redakteure und Dramaturgen waren und sich die Zeit
nahmen, überdies ihre literarische Produktion zu befördern.
Die Aufbruchsjahre vor 1933 spielten den Nachfahren noch etwas zu.
Welch Pathos des Aufschwungs, als Alfons Paquet seinen hymnischen
Funkspruch eröffnete: „Gruß euch, die ihr bereit
seid zu hören, mit dem elastischen Stahlband über dem Kopfhaar
und den schwarzen Muscheln an beiden Ohren – nun in der plötzlichen
Stille die eine Stimme aufzufangen, die im Weltraum zu euch hin
eilt wie das Schiffchen auf seiner Welle, gerade zu euch, aber auch
dorthin,
wo kein Ohr ist.“ Der Rundfunkpionier Alfons Paquet fragte ahnungsvoll: „Wo aber können die Schwingungen des Tages tiefer erklingen, als wenn sich der Dichter und Sender verbinden?“ Die Frage hat Antworten zuhauf gefunden. Die Archive der Sender sind randvoll mit einem bisher unausgeschöpften, kaum besichtigten Bestand an Aussagen übers Werk, über die Bedingungen des Schreibens, über die Kritik und ihre Wirkung, die Spannung zwischen Leben und Werk. Jeder Literaturredakteur, der eine entsprechende Sendung nicht nur verwaltet, sondern auch moderiert, führt im Lauf seines Berufslebens wenigstens fünfhundert solcher Gespräche. Keine Frage: diese Berichte aus der Schreibwerkstatt haben die Poetik als Gattung ersetzt. Keine Lehre über Literatur, die nicht im Radio verfügbar gemacht worden wäre. Die Rundfunkarchive wurden zum Gedächtnis für den Produktionsprozeß, zum Speicher für die Texte, die sich seiner annahmen. Das Massenmedium Radio hat einen imposanten Sachverhalt erzeugt: seitdem wird die Literatur selbst eingekreist von einer überwältigenden Textmasse über sie. Wird dieses bisher nur punktuell gesichtete Material weiterhin für die Zukunft offen bleiben? Oder wird sie, handlich in Hörbücher portioniert, zur antiquarischen Größe werden? Aus Lesungen und Reportagen mit dem „Weltsprachrohr“ Mikrofon (so Karl Würzberger) entwickelte sich das Sprechstück, das „Theater des Wortes“, das Hörspiel. 1928 sendete Hermann Kesser den Funkmonolog „Schwester Henriette“; Arnolt Bronnen fertigte aus Kleists „Michael Kohlhaas“ ein „Rundfunkdrama“ und drängte Schillers „Wallenstein“ auf eine Stimmenvorführung von 75 Minuten zusammen. So sind, zunächst mit nichts mehr als dem Mut zu Übergriffen und zum Dilettantismus, die Schriftsteller aufs Wort mit Geräuschkulisse verfallen und sie sind für diese Abschweifung mit einem Zugewinn an Möglichkeiten belohnt worden. Ernst Hardt meinte: „Der Hörspieler, erlöst von der kommenden Zwangsvorstellung des vergessenen Textes, befreit von Schminke, Kostüm und aller körperlichen Ablenkung, ist für seine Wirkung einzig und allein gestellt auf die seelische und gedankliche Erfülltheit seines Innern, das sich nicht anders als in den abertausendfachen Tönungen des gemeisterten Wortklangs offenbaren kann.“ Das Theater ohne Augen bedeutete auch die endgültige Überwindung des nur physikalischen Tons. Der Rundfunk hat damals die Kunst des Hörens wieder zugänglich gemacht – gegen alle Geräuschinflation in den Städten. Selige Zeiten, als der Intendant des Schlesischen Rundfunks, Friedrich Bischoff, sein Hörspiel „Hallo! Hier Welle Erdball!“ selbst inszenierte und die Technik der Tonüberblendung erfand. Die neue, „funkische“ Gattung wurde populär: junge Autoren wie Elisabeth Langgässer, Günter Eich, Ernst Glaeser, Manfred Hausmann und Wolfgang Weyrauch erprobten das Spiel mit der menschlichen Stimme, die begrenzt ist vom Schweigen und rhythmisiert durch die Pausen, die sie macht. Albert Einstein hat 1930 bei der Eröffnung der Berliner Funkausstellung „die
göttliche Neugier und den Spieltrieb des bastelnden und grübelnden
Forschers und nicht minder die konstruktive Phantasie des technischen
Erfinders“ gepriesen. Techniker und „wahre Demokratie“ sah
er ineins, denn sie machten doch „die Werke der feinsten Denker
und Künstler, deren Genuß noch vor kurzem ein Privileg
der bevorzugten Klasse war, der Gesamtheit zugänglich und erwecken
so die Völker aus schläfriger Stumpfheit“. Der philosophische
Pädagoge Rousseau war in Einstein am Werk und der bürgerliche
Bildungsbegriff noch nicht ermüdet. Gewiß hat das Radio
den Eros des Emporbildens zum letzten Mal entfacht. Als das Fernsehen
massenwirksam wurde, blieben die pädagogischen Fanfaren aus. Einem feurigen Utopismus huldigte Arno Schirokauer,
als er 1929 über
die Reichsrundfunkgesellschaft schrieb: „An drei Millionen Apparaten
hören drei Millionen Familien, das heißt zirka neun Millionen
Menschen Radio. Die Öffentlichkeit der Kunst hat einen nicht
mehr übersteigbaren Grad erreicht. Die Kunst ist sozialisiert.
Aus Privatbesitz ist sie übergeführt in den Besitz aller.
Der Künstler ist ein so öffentlicher Mensch wie der Staatsmann.
Seine Produktion gehört nicht mehr dem einen Auftraggeber, dem
Besteller, dem Konsumenten, sondern den neun Millionen Empfängern.
Die einmalige Produktion des Künstlers wird durch geniale Reproduktionsmechanismen
Allgemeingut.“ Eine Art Kunstsozialismus machte sich breit.
Die Wirklichkeit damals sah anders aus: die freie Rede über die
Chancen des Radios war konterkariert durch die Reglements der Zensur.
Der Staat hatte sich den Vorbehalt über die politischen Fragen
und den ästhetisch-moralischen Geschmack in den Funkanstalten
gesichert. Weil fast alles von oben entschieden wurde, konnten die
Nazis die Apparate auch sofort gleichschalten. Merkwürdigerweise
haben die Autoren die Zensur nicht kritisiert, vielmehr kaum bemerkt:
die Euphorie über die Chancen, die der Apparat Rundfunk bot, überwogen
alles andere. Egon Erwin Kisch schrieb eine Reportage über den Mann „im
Verstärkerraum, gleich neben dem Vorführsaal“: „Nichts
ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer
als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit.
Und nichts Sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit, in der
man lebt.“ Das Radio hat die realistische Genauigkeit von Literatur
verstärkt, hat ihr einen Zugewinn an Präsenz verschafft,
hat Beschreibung ins vielfarbene Kaleidoskop übersetzt, hat das
Tempo der Sätze beschleunigt. Walter Benjamin mischte sich in die Auseinandersetzungen
um die „funkische“ Form
ein. Fünf Jahre lang hat er, unter Pseudonymen oder eigenem Namen,
fürs Radio geschrieben. Er war sich für nichts zu schade:
weder für die „Stunde der Jugend“ noch für den
Schulfunk: Gang durch ein Messingwerk, Wahre Geschichten von Hunden,
Räuberbanden im alten Deutschland, Karussell der Berufe, Briefmarkenschwindel.
Dazu Rezensionen, Essays, Gespräche. Und im besonderen „Hörmodelle“,
szenische Ausarbeitungen von Stoffen, oft mit handgreiflichen Themen:
Wie nehme ich meinen Chef; Gehaltserhöhung, wo denken Sie hin?!,
Frech wird der Junge auch noch. Die Epoche der technischen Reproduzierbarkeit
nahm er so operativ wie möglich: als Experiment, das von der
Kolportage bis zur intellektuellen Ausarbeitung reichte. An das Radio hat auch Alfred Döblin nicht gerade geringe Erwartungen
geknüpft: er wollte durch diese Technik die Verbindung zum Rhapsoden
wieder knüpfen. Die Literatur könne sich auf den Ätherwellen
zurückwenden zu ihrer Frühe, könne ihren Aktionsradius
erweitern, eine Wiedergutmachung erfahren: „Da tritt nun im
ersten Viertel des 20. Jahrhunderts überraschend der Rundfunk
auf und bietet uns, die wir mit Haut und Haaren Schriftsteller sind,
aber nicht Sprachsteller – und bietet uns wieder das akustische
Medium, den eigentlichen Mutterboden jeder Literatur.“ Döblin
war zu vorsichtig, um einen bloßen Rollentausch vom Schriftsteller
zum mündlichen Erzähler zu empfehlen. Aber: „Es heißt
jetzt Dinge machen, die gesprochen werden, die tönen.“ Im
gleichen Jahr, 1929, erschien das furiose Monument der ineinander
redenden Stimmen, des Jargons, der Zeitungsmeldungen und Reklame,
der Gassenhauer und der mythischen Bilder, der Roman der Großstadt,
das epische Universum „Berlin Alexanderplatz“. Die Szenerie
des mündlichen Sprechens, der kollektive Sprachdrang, das Tempo
des Wechsels, die unverblümte Sinnlichkeit der Wörter, alle
Merkmale des Radios, „Hörbarkeit, Kürze, Prägnanz,
Einfachheit“, waren eingekehrt in den Roman, hatten ihn unvergleichlich
triumphal modernisiert. So hat Alfred Döblin zwar 1947 im nachhinein
behauptet, er sei trotz „allem Anreiz nur unbedeutend und nicht
tiefgehend durch die Tatsache des Rundfunks bewegt“ worden,
aber der Augenschein seines orgiastischen Rederomans spricht dagegen. Die Gleichschaltung von damals hat heute ein
analoges Schlagwort. Niemand will die Systeme parallelisieren, aber
doch eine osmotische
Verbindung von Stichwörtern bemerken. Was „Volk“ hieß,
heißt heute „Mehrheit“. Die negative Konnotation
von „Literatur“ damals heißt seit mindestens einem
halben Jahrzehnt „Entwortung“. Es bedeutet „Verstummen“.
Zuviel Text und zu lange Textpassagen können, so die Strategen
im Kampf gegen die unverständlichen Minderheitenwörter,
nur durch Kürzungen und durch Wechsel mit Musik ertragen werden.
So gibt es heute bereits Sender, bei denen die Literaturkritik auf
zweieinhalb bis drei Minuten verkürzt wurde, wobei in dieser
vorgegebenen Zeitspanne noch zwei O-Ton-Passagen oder wenigstens zwei
Zitate aus dem Buch enthalten sein müssen. Da man aber schlecht
einen Aufwand rechtfertigen kann, bei dem der Autor für rund
30 Sekunden zum Interview gebeten wird, ist das Schallarchiv zu bemühen.
Irgendwo findet sich eine verwendungsfähige Passage, die so allgemein
gehalten ist, daß sie auch auf das neue Buch zutrifft. Aufs
Ganze gerechnet, wird der redende Autor damit zum Papagei, der die
immer gleichen Archivsätze wiederholt, ohne dass sein Repertoire
erweitert würde. In diesem lakonischen Format ist Kritik nicht
mehr möglich und nicht mehr wünschenswert: das erinnert
an bekannte Absichten. Im übrigen gibt es Gegenentwicklungen, die die Sender in neue
Zugzwänge bringen, die sie geradezu nötigen. Aus dem wachsenden
Defizit an kulturellen Programmen erwachsen Deutschlandfunk und DeutschlandRadio,
die sich ausdrücklich dem mainstream der ARD nicht verpflichten,
neue, zusätzliche Hörer, fast möchte ich es moralisch
ausdrücken: ein Zugewinn an Hörervertrauen. Vielleicht wird der ganze Aufwand, Schriftsteller
und Kritiker im Programm zu entwerten oder aus ihm zu verbannen,
nur betrieben, um
die Sender verkaufsfähig oder sagen wir es vorsichtig: schlüsselfertig
zu machen. Der nächste Schritt dazu wird propagandistisch schon
vorbereitet: gefordert wird für alle Hörfunksender der ARD
eine einzige zentrale Kulturredaktion. Das würde die Arbeitsmöglichkeiten
für Schriftsteller und Kritiker auf einen Schlag minimieren. Aber vielleicht starren wir schon zu lange aufs Radio, diese liebenswerte Organ, das vor mehr als achtzig Jahren unserer Wunschphantasie implantiert worden ist. Längst wandern die Zeitbudgets der Nutzer in die Beschäftigung mit dem Computer ab; er wird zum Handlungsort literarischer Möglichkeiten. Überdies werden wir vermutlich nicht mehr sehr lange mit einem
gebührenfinanzierten Radio von großer Reichweite und Wirksamkeit
rechnen können. Auf welche Dauer wird denn das öffentlich-rechtliche
System, das in seiner Verfassung Bestandsgarantien an Programm für
alle enthält, überhaupt zu halten sein? Die Brüsseler
Strategen, Vorbeter der normierenden Globalisierung, haben ihre großen
Geschütze noch nicht gegen ARD und ZDF aufgefahren, aber sie
haben schon mehrmals die Instrumente vorgezeigt. Und wenn es zu einer
offenen Auseinandersetzung über den Status dieses Systems kommt,
ist der Ausgang noch offener als der beim Kampf um den festen Ladenpreis
der Bücher. ___________________________________ Weitere Informationen hier im Archiv: ..
direkt zur Kurzvita von Wilfried F. Schoeller :: Übersicht der Biographien der Beteiligten :: Zur Startseite dieser Dokumentation Veröffentlichung dieser Seite am 18. Mai 2006 |
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