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Grußwort
von Herrn Staatsekretär Professor Dr. Leonhard, Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst, zur Verleihung der Hermann Kesten-Medaille am 13. November 2005 an die kongolesische Organisation "Journaliste en danger" (JED)

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT


Ich freue mich sehr, auch im zwanzigsten Jahr der Verleihung der Hermann Kesten-Medaille die herzlichen Grüße der Hessischen Landesregierung überbringen zu dürfen.

Wir feiern in Hessen derzeit das 60-jährige Jubiläum unseres Landes. 60 Jahre in Freiheit und Selbstbestimmung sind wahrhaftig ein Grund zum Feiern. Sie sind aber gleichzeitig auch ein Grund, uns unserer Verantwortung in dieser einen Welt bewusst zu werden, in der so vielen Menschen und Völkern ein Leben in Frieden und Freiheit bisher nicht vergönnt war.

Der Internationale P.E.N. und sein Writers in Prison-Komitee, in dem auch das P.E.N.-Zentrum Deutschland aktiv mitwirkt, werden dieser Verantwortung durch den aktiven Einsatz für verfolgte Autoren in vorbildlicher Weise gerecht.

Die Freiheit des Wortes, die in so vielen Ländern dieser Erde noch nicht einmal als besonders zu schützendes Gut gilt, geschweige denn den Schutz der Mächtigen genießt, ist aber – wie wir wissen - die Grundvoraussetzung für die Demokratisierung einer Gesellschaft.

Der Namenspatron der heutigen Auszeichnung, der seinerzeitige Präsident des P.E.N. Deutschland, Büchnerpreisträger und Jahrhundert-Autor Hermann Kesten, hat es in seinem Essay "DieGrenzen der Literatur" so ausgedrückt:

"Ohne schöpferische Freiheit, ohne gesellschaftliche oder soziale Bindung, diesen beiden Komponenten der Moral, ist kein Kunstwerk, keine literarische Schöpfung, keine kulturelle Existenz möglich."

Man darf und muss nachfragen, welche Art menschlicher Existenz überhaupt möglich ist, wo weder Kunstwerk noch kulturelle Existenz Bestand haben.
.
Wie ist dieser Satz im Hinblick auf den geschundenen afrikanischen Kontinent zu verstehen, von dem wir in Europa nur allzu wenig wissen? Gelingt es doch immer erst, wenn die Auswüchse von Diktaturen, Misswirtschaft, gnadenloser Ausbeutung oder auch Naturkatastrophen ein schier unerträgliches Maß annehmen, die Aufmerksamkeit der Medien - und damit unsere Wahrnehmung - zu erreichen.

Erfassen wir dann wirklich mit unserem durch Klischees und Vorurteile getrübten Blick, welche Bedeutung in diesen von Hunger und Mangel jedweder Art gezeichneten Ländern der Kampf um schöpferische Freiheit,um die Freiheit des Wortes, um die Freiheit der Autoren hat?

Allzu schnell möchte man der Linderung der größten materiellen Not den Vorzug geben und ist dafür gelegentlich auch bereit, so manchen Kompromiss mit der Macht einzugehen.

Doch auf lange Sicht ist dies sicher der falsche Weg.
Ohne die Freiheit des Wortes, ohne freie Meinungsäußerung, ohne eine unabhängige Presse werden die Machthaber niemals wirksam vorn Missbrauch ihrer Macht abgehalten werden können.
Denken wir an Schillers Marquis Posa, der von Philipp mutig zuallererst Gedankenfreiheit für das geschleifte Land fordert.
Ruhe und Ordnung einer Gewaltherrschaft erzeugen wohl die Ruhe eines Friedhofs, stillen aber weder leiblichen noch geistigen Hunger.

Das Beispiel der nach dem Ende der spanischen Unterdrückung wirtschaftlich und kulturell aufblühenden Niederlande vermag uns jedoch auch für das heutige Afrika Mut machen.

In diesem Sinne verdient die Organisation "Journaliste en danger" unsere uneingeschränkte Hochachtung und Bewunderung für ihren Mut, sich auch unter Einsatz der eigenen Freiheit und des eigenen Lebens für die um ihrer Wahrhaftigkeit willen verfolgten Autoren und Journalisten einzusetzen.
Ein Blick in den Writers in Prison-Bericht 2005 lässt erkennen, dass der weltweite Kampf für die Freiheit des Wortes auch weiterhin viel Mut, Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit erfordert.
Fast 700 verfolgte, inhaftierte oder zum Exil gezwungene, von denen viele auch ihr Leben verloren, sind die beängstigende Bilanz eines halben Jahres. Aber die Tatsache, dass der Kampf in so vielen Fällen erfolgreich ist, lässt uns wiederum hoffen.

Möge die Verleihung der Hermann Kesten-Medaille ein Zeichen der Ermutigung und Hoffnung für all diejenigen setzen, die in diesem Kampf an vorderster Front stehen.

Ich gratuliere Ihnen, verehrter Herr Präsident Tsimanga und verehrter Herr Generalsekretär Tshivuadi, von ganzem Herzen.

Vielen Dank!