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Abschrift und Audio der Hörfunksendung

Анна Степановна Политковская
Anna Politkovskaya
“Wir vergessen nicht!”

Zum ersten Todestag am 7. Oktober 2007
von der Kleinen Bühne, Theater Basel

"Wenn man den Journalistenberuf wählt, muss man sich auch mit dem Risiko abfinden.", Anna Stepanowna Politkovskaya - Анна Степановна Политковская.
Ihr Tod kam nicht unerwartet.

Das Risiko hat sie auf sich genommen.
Ihr Name steht mehr denn je für kritischen Journalismus. Und heute für den Preis, der dafür gefordert wird. Sie war nicht die erste ermordete Journalistin in Russland, sie wird nicht die letzte sein. Das vergessen wir nicht, darüber schweigen wir nicht.

Ein Gespräch, Kurzlesungen aus Anna Politkovskayas Büchern, kurze Berichte aus Russland.

Gäste:
Maynat Kurbanova, tschetschenische Journalistin und vormals Kollegin Anna Politkovskayas bei der unabhängige russischen Zeitung Nowaya Gazeta.
Irena Brežná, Schriftstellerin, eine Brückenbauerin zwischen Ost und West.
Moderation Bühne: Kristin T. Schnider, Präsidentin DeutschSchweizer PEN-Zentrum
Lesungen Bühne: Katharina Schmidt, Schauspielensemble Theater Basel
Begrüßung Bühne: Christian Vetsch, künstlerischer Leiter Kleine Bühne Theater Basel
Morderation Hörfunk: Christoph Urbanietz, Redaktion radio-luma

.. zu den Audio-Dateien

Abschrift der Sendung

- Es gilt das gesprochene Wort -

Moderation:

"Wir vergessen nicht" - das ist der Titel der heutigen Gedenkveranstaltung für Anna Stepanowna Politkovskaya, auf der Kleinen Bühne im Theater Basel.

Guten Abend.

Artikel 19

Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

Dies wurde am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen im Rahmen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte –, verkündet.

"Wenn man den Journalistenberuf wählt, muss man sich auch mit dem Risiko abfinden." Anna Politkovskaya hat das gesagt. Unermüdlich hat sie über die Tschetschenien-Kriege berichtet und offen Kritik an Putin und der Korruption des Regimes geübt.

Heute vor einem Jahr um 16:01 Uhr Moskauer Zeit ist sie im Treppenhaus ihres Wohnhauses ermordet worden.

Wer war Sie? - Einspielung Vortrag

Über Anna Stepanowna Politkovskaya
[ .. zum Vortrag mit Audio und Abschrift auf einer separaten Seite]

Es folgt nun ein Teil eines Interviews mit dem künstlerischen Leiter der Kleinen Bühne am Theater Basel. - Einspielung Vortrag

[ .. zum vollständigen Interview -"Vom Öffnen und Zusammennähen des Herzens" - mit Christian Vetsch auf einer separaten Seite]

Dieses Gespräch ist vom 2. Oktober. Das vollständige Interview können Sie im O-Ton-Archiv von radio-luma online hören.

Soweit zur Einführung in den heutigen Abend. Wir schalten nun zur Bühne.

Die Präsidentin vom Deutsch-Schweizer PEN-Zentrum übernimmt die Moderation.

[Beginn Abschrift O-Ton Bühne]

Christian Vetsch. © Dominic Jan Geis, Mannheim
Christian Vetsch auf der
Kleinen Bühne, Theater Basel.
Foto: © Dominic Jan Geis, Mannheim

Christian Vetsch: Willkommen auf der Kleinen Bühne zur Veranstaltung "Wir vergessen nicht!" zum ersten Todestag von Anna Politkovskaya.

Wie Sie vielleicht wissen, haben wir auf der Kleinen Bühne ein neues Konzept. Wir möchten vermehrt aktuelle Themen aufgreifen und das Thema inhaltlich nach einem Schwerpunkt ausrichten.

Für die Eröffnungsphase der Kleinen Bühne haben wir uns einen Satz von Elfriede Jelinek dazu genommen, der heißt: "Ich bin im Grunde immer tobsüchtig über die Verharmlosung."

Als Kristin Schnider und Christoph Urbanietz auf mich zugekommen sind für diese Veranstaltung heute Abend, da wusste ich genau, das ist es. Diesen Abend wollen wir hier auf der kleinen Bühne zeigen. Das passt genau zu unserem Thema.

Anna Politkovskaya, eine Frau, die den Mut aufbringt, unabhängig von Gefahren, die das mit sich bringt, sich radikal, unabhängig und subjektiv zu einem Konflikt zu äußern, Stellung zu beziehen und so gegen die Verharmlosung anzukämpfen, dieser Frau wollen wir hier eine Plattform bieten.

Eigentlich ist dieser Abend auch ein trauriger Abend und gleichzeitig kommen bei mir aber verschiedene andere Gefühle hoch. Einerseits die Wut, dass heute immer noch Grundrechte wie die Meinungsäußerungsfreiheit verletzt werden. Andererseits die Ohnmacht, wie wir mit solchen Morden umgehen und nicht zuletzt auch die Bewunderung über einen Menschen, über Menschen, die den Mut haben, sich öffentlich zu äußern mit dem Risiko, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Und so bleibt eigentlich die Hoffnung, dass es auch in Zukunft noch viele Menschen gibt, die den Mut haben, Stellung zu beziehen und so gegen die Verharmlosung anzukämpfen. Und jetzt übergebe ich das Wort an Kristin Schnider.

Kristin T. Schnider: Vielen Dank, Christian Vetsch.

Ich darf Sie nun im Namen des Deutsch-Schweizer P.E.N.-Zentrums und des unabhängigen Mediendienstes radio-luma, der nun auch die Liveübertragung ins Internet ermöglicht, zu diesem Abend begrüßen.

Sie haben es gehört, wir gedenken Anna Politkovskaya. Wir erinnern uns an sie und vor allem vergessen wir nicht, wer sie war, was sie getan hat und wie sie es getan hat. Sie ist heute vor einem Jahr in ihrem eigenen Haus erschossen worden. Warum ist sie erschossen worden? Sie hat ein Recht ausgeübt, das uns allen zusteht, das ein Menschenrecht ist, zu dem sich eigentlich Russland, wenigstens auf dem Papier, bekannt hat, sie hat die Meinungsäußerungsfreiheit angewendet, die Pressefreiheit. Ich darf aus aktuellem Anlass sagen, dass es mit der Versammlungsfreiheit, die ein weiteres Menschenrecht ist, in Russland auch nicht weit her ist. Leute, die sich zu ihrem Gedenken gestern versammelt haben, sind verhaftet worden und durften sich nicht so versammeln, durften nicht demonstrieren, wie sie wollten. Damit wir nicht vergessen, worum es hier geht, um Anna Politkovskayas Engagement, um ihr Menschsein, nicht nur um Mut, sondern auch darum, zu seinem eigenen Gewissen zu stehen, ist sie heute in übertragener Form bei uns durch O-Ton- Stimmen aus ihren letzten Interviews, die eingespielt werden. Katharina Schmidt wird aus ihren Büchern einige Passagen lesen, wie auch aus den Texten unserer beiden Gäste, Irena Brežná und Maynat Kurbanova, die Kolleginnen von Anna Politkovskaya waren und die beide von ihren Erfahrungen mit dem Thema, das Anna Politkovskaya bei uns bekannt gemacht hat, nämlich dem Krieg in Tschetschenien, berichten werden. Wir beginnen nun mit einer O-Ton-Einspielung:

Anna Politkovskaya. © Nowaya Gazeta, Moscow
Анна Степановна Политковская †
Anna Stepanowna Politkovskaya
Foto: © Nowaya Gazeta, Moscow

O-Ton Collage mit Anna Politkovskaya: Ich bin eine persona non grata, selbst in Journalistenkreisen. Ich werde nicht eingeladen. Das ist wirklich persönlich schwierig für mich. Es ist, als ob ich nicht existieren würde.

Ich bin vor allem eine Journalistin. Was das Risiko angeht, so ist es ein Bestandteil meines Berufes. Wenn man den Journalistenberuf wählt, dann muss man sich auch mit dem Risiko abfinden. Ich fühle mich nicht als mutiger Mensch. Man muss die Arbeit machen. Man macht die Arbeit, und erst danach kommt man manchmal auf den Gedanken, dass diese Arbeit nicht ganz glücklich ausgehen könnte. Aber erst danach, vorher denkt man darüber nicht nach.

Wissen Sie, wir leben in keinem ruhigen Land, sondern in einem sehr grausamen. Das Menschenleben ist hier überhaupt nichts wert. Unabhängig davon, ob du Menschenrechtler bist oder Journalist, das betrifft uns alle. Wenn man nicht offen und frei arbeiten kann, dann bedeutet das Gefahr. Entweder für dich selbst, oder für die, deren Schicksal du beschreibst.

Anna Politkovskaya musste erleben, wie ihre Informanten und Zeugen, die mit ihr über die Vorgänge in Tschetschenien offen sprachen, selber plötzlich verschwanden oder einfach umgebracht wurden. In Tschetschenien kannst du nur heimlich arbeiten, sagte sie einmal.

Dieses Territorium existiert nach den Regeln einer Strafzone. Da gibt es einen, der über die Zone herrscht, der hat schwerbewaffnete Mitarbeiter, die wiederum überall ihre Leute postiert haben. Das ist wie ein riesiges Gefängnis. Dort kann sich nur etwas ändern, wenn man normale staatliche Strukturen einführt, eine funktionierende Justiz, einen funktionierenden Beamtenapparat. Doch das existiert alles überhaupt nicht. Egal, was der tschetschenische Premier Kadyrow oder Putin da immer sagen. Die Realität ist eine andere.

[Anmerkung der Redaktion radio-luma:
Wir bedanken uns herzlich für das O-Tonmaterial bei den Kolleginnen und Kollegen beim ORF in Wien, Redaktion Journal Panorama, gesendet im Oktober 2006: Würdigung von Karin Koller, Wolfram Pergler, Zitate aus dem Interview mit Anna Politkovskaya am 16. August 2006 in Moskau aufgenommen, sowie beim Hessischen Rundfunk, HR2 in Frankfurt/Main, Redaktion Der Tag, Oktober 2006: Aus der Sendung "In memoriam Anna Politkovskaya – Recherchen in Russland"]

Kristin T. Schnider: Die Realität ist tatsächlich eine andere.
Nun gibt es ja verschiedene Realitäten, wie sie dargestellt werden. Man sieht hier die blühenden Erntefelder in Tschetschenien, aber eigentlich sind diese Felder vermint. Beides ist real.

Was hat Anna Politkovskaya gemacht? Sie hat diese Realitäten für uns so dargestellt, dass wir dann fähig sein können, die Wahrheit herauszufinden. Sie hat ganz subjektiv auch beschrieben, wie es in ihrem Russland aussieht und darüber werden wir hören, wenn Katharina Schmidt vorliest, denn Anna Politkovskaya hat nicht nur einen furchtbaren Krieg beschrieben, den die Russen gerne verdecken würden, sie hat nicht, in Anführungszeichen, nur von Gräueln gesprochen, sondern sie hat Kritik geübt an dem Land, in dem sie lebt, indem sie völlig zu Recht sagte: Dieser Krieg ist eine Wunde in unserer Seite, ist ein Hindernis dafür, dass wir ein demokratisches Land werden können.
Und ich würde meinen, dass dieser Krieg auch uns betrifft, dass es auch uns betrifft, wie es mit der Demokratie überall aussieht in Russland oder hier.

Katharina Schmidt - © Dominic Jan Geis, Mannheim
Link zu neuem Fenster Katharina Schmidt auf der
Kleinen Bühne, Theater Basel
© Dominic Jan Geis, Mannheim

Damit wir einen Eindruck gewinnen können, wie Anna Politkovskaya dieses Russland empfunden hat, möchte ich Ihnen ein paar Eckdaten zu ihr mitgeben.
Ich denke, die meisten von Ihnen wissen bereits, wer sie war und trotzdem, um sich zu vergegenwärtigen, in welcher Zeit sie gelebt hat: Sie wurde 1958 in New York geboren, da sie Tochter von Diplomaten war. Sie hat die Hauptzeit ihres Lebens in Moskau verbracht. Jahrgang 58, da war Chruschtschow noch an der Regierung, aber vor allem aufgewachsen ist sie in der Breschnew-Ära im kalten Krieg. Einige von uns erinnern sich an diese Atmosphäre. Dieser kalte Krieg ist auch in einen heißen Krieg übergegangen. in den Einmarsch in Afghanistan damals. Der auch der Anfang des Endes des Sowjetregimes war. Dann hat sie die Öffnung erlebt. Gorbatschow. Dann die Hoffnung 1991 auf eine wachsende Demokratie und sie hat beschrieben, wie diese Hoffnungen eine nach der anderen wieder einen schlimmen Weg gehen. Ich bitte nun Katharina Schmidt, uns dies vorzulesen, wie Anna Politkovskaya dies selbst gesehen hat und was sie sich auch selbst für Fragen dazu gestellt hat.

Katharina Schmidt:
Anna Politkovskaya, In Putins Russland, erste Passage:

WORÜBER SCHREIBE ICH IN DIESEM BUCH? Über Putin, und zwar ohne überschwängliche Begeisterung - etwas, was im Westen gegenwärtig absolut nicht en vogue ist. Und ich nenne auch gleich den Grund, warum ich diese Begeisterung nicht teile, die heute beinahe als Markenzeichen des Westens gelten kann und die sich so sehr relativiert, wenn man das gesamte Geschehen von Russland aus wahrnimmt: Putin, der dem finstersten aller russischen Geheimdienste entstammt, hat es nach seiner Wahl zum Präsidenten nicht vermocht, über sich hinaus zu wachsen, will heißen, den Oberstleutnant des KGB in sich auszumerzen. Er tut weiter, was er in all den Jahren seiner bisherigen beruflichen Laufbahn getan hat: Er rechnet ab mit denjenigen, die sich allzu aufmüpfig gebärden, erstickt Meinungsvielfalt und Freiheit im Keim.
Und dann schreibe ich in meinem Buch noch darüber, dass wir, die wir in Russland leben, dies nicht wollen. Wir wollen nicht länger Sklaven sein, selbst wenn das dem heutigen Westen ganz gut ins Konzept passt. Keine Sandkörnchen, kein Staub unter Putins Sohlen, die bei aller staatsmännischen Politur doch die eines KGB Oberstleutnants bleiben. Wir bestehen auf persönlicher Freiheit. Wir fordern sie. Wir lieben sie so sehr, wie Sie sie lieben.
Eines aber ist dieses Buch nicht: eine Analyse der Putinherrschaft zwischen 2000 und 2003. Analysen werden von Analytikern verfasst. Und ich bin einfach ein Mensch, bin eine von vielen, von denjenigen, die Sie in Moskau, in Tschetschenien, in Sankt Petersburg oder anderswo in der Menge sehen. Deshalb enthält mein Buch lediglich emotionale Randnotizen zu unserem Leben im heutigen Russland. Deshalb kann ich dieses Leben noch nicht analysieren, aus jener Distanz heraus, die eine Analyse nun einmal erfordert, mit jenem kühlen Blick, der das Ganze in einzelne Komponenten zu zerlegen vermag. Ich lebe nur und schreibe auf, was ich erlebe.

Zweite Passage:
Was ist aus uns geworden? Tatsächlich, wo sind wir hingeraten? Wir, die wir in der Sowjetunion lebten. Zumeist eine feste Arbeitsstelle besaßen und an stets dem gleichen Tag unser Gehalt bekamen. Wir mit unserem grenzenlosen, unerschütterlichen Vertrauen in das Morgen, das für uns so gewiss war wie das Heute. Unserem Glauben, dass uns die Ärzte ganz sicher heilen, die Lehrer klüger machen würden. Und wir dafür nicht eine Kopeke ausgeben müssten. Wie leben wir jetzt, wo es das alles nicht mehr gibt? Oder anders gefragt: weIches Los ist uns beschieden? Wohin hat es uns verschlagen im postsowjetischen Raum, als die neue Zeit begann, die dreifach neue? Dreifach neu, weil wir zuerst neben der gesellschaftlichen unsere persönliche Revolution erlebten mit dem Fall der Sowjetunion, in den Jahren der Jelzin-Herrschaft, als binnen kurzem alles verschwand: die Ideologie, die billige Wurst in den Läden, das Geld, der Glaube, irgendwo dort im Kreml säße ein Übervater, der, mochte er noch so schlecht und despotisch sein, für uns die Verantwortung trug. Zum zweiten Mal brach eine neue Zeit an, als infolge der Wirtschaftskrise des Jahres 1998 viele von uns das verloren, was sie sich erarbeitet hatten seit 1991, als die Marktwirtschaft Einzug hielt und ein russischer Mittelstand zu entstehen begann (der zwar kaum vergleichbar war mit einem westlichen, aber doch die Basis für die Demokratie und den Markt darstellte). Alles löste sich in Rauch auf, man musste noch einmal ganz von vorn anfangen. Viele aber hatte der Lebenskampf schon so zermürbt, dass sie es nicht mehr schafften, auf die Beine zu kommen, und ins soziale Abseits fielen. Und schließlich die dritte Umbruch-Zeit unter Putin. Vor dem Hintergrund einer neuen Phase des russischen Kapitalismus mit unübersehbar postsowjetischem Anstrich. Eines ökonomischen Modells, das der Herrschaftszeit des zweiten Präsidenten Russlands ganz und gar entspricht und gekennzeichnet ist durch einen eklektischen Mix aus Markt und Dogma, eine Vermischung von allem mit allem. Wo es beträchtliche Mengen an disponiblem Kapital gibt und ebenso viel typisch sowjetische Ideologie, die diesem Kapital Vorschub leistet, sowie noch mehr Verarmte und Mittellose. Außerdem erlebte die alte Führungskaste der Nomenklatura einen neuen Aufschwung. Diese breite Schicht sowjetischer Staatsfunktionäre, die wieder in ihre Funktion eingesetzt wurde und sich an die neuen ökonomischen Bedingungen sehr schnell und nur allzu gern anpasste. Die Nomenklatura will jetzt genauso üppig leben wie die »neuen Russen«, und das bei verschwindend geringen offiziellen Gehältern; sie will um keinen Preis der Welt die neue Ordnung gegen die alte sowjetische eintauschen, doch so ganz geheuer ist ihr diese neue Ordnung mit ihrem, von der Gesellschaft immer nachdrücklicher eingeklagten Streben nach Recht und Ordnung nun auch wieder nicht, also verwendet sie einen Großteil ihrer Zeit darauf, sich unter Umgehung von Recht und Ordnung persönlich zu bereichern. Mit dem Ergebnis, dass die Korruption unter Putin ein beispielloses Ausmaß erreichte, von der neuen, alten Putin`schen Nomenklatura zu einer Blüte geführt, wie sie weder zur Zeit der Kommunisten noch unter Jelzin denkbar war. Diese Korruption verschlingt das kleine und mittlere Unternehmertum, also den Mittelstand, lässt nur das große und supergroße Kapital überleben, Monopole und staatsnahe Unternehmen, denn in Russland sind gerade sie es, die nicht nur für ihre Eigentümer und Manager hohe, stabile Gewinne abwerfen, sondern auch für die jeweiligen Protektoren in den staatlichen Verwaltungsstrukturen, ohne die bei uns kein einziges Großunternehmen existieren kann. In diesem Sumpf, der nichts mit Marktwirtschaft zu tun hat, kann die neue russische Parteinomenklatura (wie sie wieder wie in alten Sowjetzeiten genannt wird) ihre Sehnsucht nach der UdSSR, nach ihren Mythen und Phantomen ausleben.

Russisches Tagebuch

27. Dezember 2004: Die Regierenden sind sehr besorgt darüber, die Bürgerrechtler könnten zu neuen Dissidenten werden, von denen, nicht von den Politikern, Gefahr ausgeht. Darum wird damit begonnen, unter staatlicher Kontrolle eine alternative Menschenrechtsvertikale im Land aufzubauen - Putin unterzeichnet den Erlass über die Schaffung eines internationalen Menschenrechtszentrums. Der Erlass trägt die charakteristische Bezeichnung " Zu zusätzlichen Maßnahmen der staatlichen Unterstützung der Menschenrechtsbewegung in der Russischen Föderation."

Initiatorin und Förderin dieses Erlasses wie auch der Vertikale ist Ella Pamfilowa, Vorsitzende der Menschenrechtskommission beim Präsidenten, die an allen Straßenecken schreit:
"Ich weise entschieden die fragwürdige Behauptung zurück, dass zu den Aufgaben des Internationalen Menschenrechtszentrums der Aufbau einer Art Menschenrechtsvertikale gehöre. Dieser Erlass ist hilfreich für uns. Die Leiter der Menschenrechtsorganisationen werden einander leichter finden können (im Kreml? – A. P.). Wir können die Möglichkeiten unseres gesammelten Sachverstandes erweitern. Die Idee ist auf Initiative der Menschenrechtler selbst entstanden (welcher? – A. P.). Ich habe Anrufe von Vertretern zahlreicher Menschenrechtsorganisationen erhalten, auch aus den Regionen - alle haben sich dafür ausgesprochen. Sie sagten, wir hätten damit einen kleinen Sieg erzielt. Vor allem geht es darum, die Rechte der Menschenrechtler selbst zu gewährleisten, damit sie den Menschen effektiv helfen können."
Natürlich hat ihr kaum einer geglaubt. Sie gibt längst das Bild einer Frau ab, die schöne Reden über den "guten demokratischen" Putin hält. Mehr nicht.

Jelena Bonner, die in den USA lebende Witwe Andrej Sacharows, äußerte in einem Interview für Jeshenedelny shurnal: »Es gibt eine Weltanschauung und eine Philosophie der Menschenrechtler, und es gibt eine Weltanschauung und eine Philosophie der Vertreter der Staatsmacht. Sie haben verschiedene Ziele und verschiedene Aufgaben. Das Ziel der Menschenrechtsbewegung ist der Schutz der Gesellschaft vor den Machthabern und der Aufbau einer Zivilgesellschaft. Das Ziel jeder Staatsmacht ist ihre eigene Stärkung. Mich betrübt es, dass sich viele Menschenrechtler auf so etwas einlassen und damit praktisch aufhören, Menschenrechtler zu sein. Sie suchen die Nähe zur Macht. Das zeugt von der Krise der Menschenrechtsbewegung.
Was heute als Menschenrechtsbewegung bezeichnet wird, kommt ebenso zu spät wie die Politiker, die wir Oppositionelle nennen und die jahrelang zwischen zwei Stühlen saßen. Wir haben Zeit verloren, als die Möglichkeit bestand, mit rechtlichen Mitteln zu handeln. Heute missbraucht man die Tragödie von Beslan für den Versuch die Unabhängigkeit der Gerichte aufzuheben. Was bleibt der Gesellschaft? Das, was man Auflehnung und Aufstand nennt. Ich habe nicht die Absicht, zur Revolution aufzurufen. Ich sehe keine Persönlichkeiten, die bei ihr die Führung übernehmen könnten, und genauso wenig sehe ich, dass das Land dazu bereit wäre. Also wird Russland den von Herrn Putin vorgezeichneten Weg gehen? Ja, was bleibt ihm weiter übrig? Die Regionalwahlen sind abgeschafft, das Recht auf Volksbefragung ist aufgehoben, die Rechenschaftspflicht der gewählten Organe gegenüber der Bevölkerung gibt es längst nicht mehr. Ich fasse diesen Erlass als neuerliche Finte auf – der Staat installiert eine parallele Menschenrechtsbewegung. Wege der Rückkehr zu einer demokratischen Richtung sehe ich derzeit nicht. Ich will nicht behaupten, dass wir eine Demokratie gehabt hätten. Doch gab es eine Tendenz, die sich unter der Voraussetzung der Existenz freier Massenmedien hätte entwickeln können. Was wir brauchten, war ein normal funktionierendes Wahlsystem und nicht seine Abschaffung. Die Wahlen sind längst zu purer Bauernfängerei geworden. Dabei stellen sie die grundlegende Institution jeder Demokratie dar. Bei uns sind alle drei Bereiche der Macht – die Exekutive, die Legislative und die Judikative – der Kontrolle des Präsidenten unterworfen.
Wir haben aufgehört, ein demokratischer, ich würde sogar sagen, ein republikanischer Staat zu sein. Formal gesehen, sollten Präsidentschaftswahlen stattfinden (2oo8 – A. P.). Sofern natürlich das Land in der Form, wie Putin es aufbaut, bis dahin am Leben bleibt. Alle Kanäle einer rechtsstaatlichen, friedlichen Veränderung der Situation in demokratischer Richtung sind dem Land genommen worden. Also wird dieser geschlossene Kessel so lange sieden, bis er explodiert. Die Explosion solcher Kessel erfolgt auf verschiedene Weise.

Das "Internationale Menschenrechtszentrum" existiert indessen nur auf dem Papier. Geld aus dem Staatshaushalt wurde dafür bereitgestellt und muss irgendwohin geflossen sein. Mehr ist nicht geschehen. Putins Macht hält sich allein dadurch, dass es keine Alternative gibt in seiner Umgebung, die er selbst zu dem gemacht hat, was sie ist: gesichtslos und uninteressant. Neben ihm ist niemand – seine Anhänger nennen das „Putins Einsamkeit“. Von seiner Mannschaft vermag ihn im Fall X keiner zu ersetzen. Sie besteht aus lauter kleinen Leuten mit Napoleonkomplexen, ja nicht einmal mit denen. Ist eine neue liberale Partei nach westlichem Vorbild in Sicht? Wladimir Ryshkow könnte ihre Führung übernehmen. Er hat sehr an Format gewonnen. Diese Partei könnte die liberaldemokratische Revolution in Russland vollenden - sofern sie den Willen dazu aufbringt. Das Problem unserer politischen Elite, ob oppositionell oder nicht oppositionell, besteht darin, dass sie nichts zu ändern beabsichtigt. Nach dem Prinzip: Mag es sein, wie es ist, mag es sich schleppen, wie es sich schleppt.

Kristin T. Schnider: Dies sind die Worte von Anna Politkovskaya aus ihrem Tagebuch, aus dem Russischen Tagebuch, das sehr eindrücklich die ganze Atmosphäre vor der letzten Wahl in Russland wiedergibt und wie wir wissen, steht in Russland die nächste Wahl bevor. Aufmerksam können wir weiterhin verfolgen, wie sich Putins Russland darauf einstimmt, von der Demokratie sich weiter und weiter zu entfernen. Hoffnung, hatte sie gesagt, wäre es, wenn es funktionierende Massenmedien gäbe. Nun sind die Massenmedien in Russland zu einem großen Prozentsatz bereits in Regierungs- oder in regierungsnaher Hand. Sie selbst hat für die Novaya Gazeta gearbeitet, wie wir wissen, eine der letzten oder die letzte unabhängige Zeitung in Russland, die auch nach wie vor nicht aufgibt, in diesem Sinne weiterzufahren, nach der Wahrheit zu suchen, nicht aufzugeben.
Vielleicht haben Sie die Sendung im Weltspiegel gesehen vor ein oder zwei Wochen. Darin wurde gezeigt, dass sich junge Journalistinnen und Journalisten an Anna Politkovskaya ein Beispiel nehmen und nicht den Sensationen nachjagen. Weniger über Britney Spears berichten, als wie es hierzulande der Fall ist, sondern auch, wie sie es getan hat, zu den so genannten kleinen Leuten zu gehen, um aufzudecken, was hinter den glitzernden Fassaden von Moskau, die uns auch vorgeführt werden, passiert.
Ich glaube, sie hat uns damit ein Bild von Russland gegeben, das wir weiterhin beobachten sollten. Nun ist sie bei uns bekannt geworden, als sie das Buch "Tschetschenien, die Wahrheit über den Krieg" geschrieben hat.
Das ist ein schwieriges Thema. Das Thema ist nicht abgeschlossen.
Wir hören immer seltener etwas über Tschetschenien und im Moment eher positive Stimmen, übertrieben positive Stimmen, weil wieder in einem Land ein so genannter Aufbau stattfindet. Auf Kosten wessen dieser Aufbau geht, werden wir vielleicht später hören.

Warum aber macht ein Mensch so etwas?
Warum reist jemand in ein solches Gebiet?
Warum erträgt jemand, diese Gräuel sich anzublicken? Und dazu hören wir für heute noch ein letztes Mal die Stimme von Anna Politkovskaya selbst und dann wird uns Katharina Schmidt das Vorwort aus diesem Buch hören lassen.

Einspielung O-Ton ORF Journal Panorama, Oktober 2006:
Moderation:"Unermüdlich reiste die Journalistin ins Kriegsgebiet, 50 Mal insgesamt. Sie untersuchte Hinweise auf brutale Übergriffe der russischen Soldaten, suchte Hinweise über Verschwundene, Verschleppte, Vergewaltigte. Die Informationen erhielt sie von den Opfern, bzw. von deren Angehörigen, für die Anna Politkovskaya oft die letzte Hoffnung auf Aufklärung, auf die Wahrheit war."
O-Ton Anna Politkovskaya (Übersetzung): "Ehrlich gesagt, will ich oft gar nicht mehr darüber schreiben, aber wenn im Fernsehen alles so positiv über Tschetschenien ist und wenn sich dann die Leute an mich wenden, mir Briefe schreiben, mir ihr Schicksal schildern, dann wäre es mir peinlich, nichts zu tun."

Katharina Schmidt:
"Tschetschenien - Die Wahrheit über den Krieg"
Wer bin ich eigentlich? Und warum schreibe ich über den zweiten Tschetschenienkrieg?
Ich bin Journalistin. Arbeite als Sonderkorrespondentin für die Moskauer "Nowaya Gazeta", und das ist der einzige Grund, warum ich den Krieg gesehen habe: Ich wurde losgeschickt, um darüber zu berichten. Aber nicht, weil ich Kriegsberichterstatterin wäre und mich gut auskennen würde in diesem Metier, sondern weil ich ein ganz und gar ziviles Wesen bin. Das Kalkül des Chefredakteurs war denkbar einfach: Gerade ich als zutiefst ziviler Mensch könnte sie viel besser verstehen, die Leiden anderer zutiefst ziviler Menschen: Der vom Krieg überrollten Bewohner der tschetschenischen Dörfer und Städte.
Das ist alles.
Deshalb fahre ich jeden Monat nach Tschetschenien, seit Juli 1999. Damals begann der so genannte "Vorstoß Bassajews nach Dagestan", der ganze Flüchtlingsströme aus den Gebirgsdörfern in Bewegung setzte und den gesamten nachfolgenden Krieg provozierte. Natürlich habe ich Tschetschenien in alle Richtungen erkundet. Und dabei unsägliches Leid gesehen. Das Schmerzlichste aber ist, dass viele meiner Helden, über die ich in diesen zweieinhalb Jahren schrieb, jetzt bereits tot sind. So sieht er aus, dieser furchtbare Krieg.

Der mittelalterliche.

Auch wenn er sich am Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert und hier in Europa abspielt.

Grosny. © DuMont
Reportagefoto aus Grosny
von Anna Politkovskaya.
© DuMont Literatur und Kunst Verlag

Auf meiner Suche nach Unterstützung ziehen sie an meinen Augen vorüber, die Hauptstädte der Welt. Im Frühjahr war ich in Amsterdam, Paris, Genf, Manila, Bonn, Hamburg ...
Überall die Bitte, "eine Rede zu halten über die Situation in Tschetschenien" und das Resultat gleich Null. Nur höflicher "westlicher" Beifall als Reaktion auf die Mahnung: "Vergessen Sie nicht, dass in Tschetschenien weiterhin jeden Tag Menschen umkommen. Auch heute."
Ein unglaublicher und doch offenkundiger globaler Verrat an den unteilbaren menschlichen Werten. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948, die sich etwas mehr als ein halbes Jahrhundert halten konnte, fiel im zweiten Tschetschenienkrieg.

Kristin Schnider: Nun befinden wir uns also in Tsetschenien. Wir werden mit einer weiteren Lesung aus einem Buch von Irena Brežná weiterfahren. Später werden wir aus einem Text von Maynat Kurbanova hören.
Wir beginnen also mit dem ersten Tschetschenienkrieg.
Dazu auch ein paar kurze Daten. Nachdem die Sowjetunion auseinander gefallen war und die Hoffnung aufkam, nicht nur für Tschetschenien, sondern für viele andere Staaten auch, wie wir wissen, rief auch Tschetschenien im Jahr 1991 gegen Ende die Unabhängigkeit aus, die lange ersehnte.

Wenn wir ein bisschen weiter zurück in der Geschichte gehen, wissen wir, dass im Kaukasus das Problem der damals noch zaristischen Expansion herrschte, dass die Tschetschenen schon vor 100, 200, 300 Jahren Objekt der Begierde waren. Zuerst auch der Ottomanen, dann der Russen unter dem Zaren. Einigen von Ihnen werden Bücher bekannt sein wie dasjenige von Tolstoi, „Hadschi Murat“ oder die Gedichte von Lermontow, in denen die Tschetschenen bereits beschrieben werden und in denen die ersten Vorurteile gegen dieses Land und gegen diese Leute schon zementiert werden. In den neunziger Jahren kam also auch zuerst in Tschetschenien Hoffnung auf, die aber dahin war, nachdem, wie es eigentlich normal ist für ein Land, das so lange unter der Herrschaft eines anderen stand, innere Auseinandersetzungen ausbrachen, die zum Vorwand eines Einmarsches benutzt werden konnten. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass wirtschaftliche Interessen, wie auch immer hinter den Beweggründen der so genannten Demokraten stehen. Den als Transitland für Erdöl aus dem kaspischen Meer geriet Tschetschenien, das selbst auch Erdöl hat, natürlich ins Blickfeld der Herrschenden.
Und so schickte 1994 damals Boris Jelzin Truppen in diesen ersten Tschetschenienkrieg.

Bitte, hören wir ein paar Stimmen von Frauen, die diesen Krieg erleben mussten.

© Valery Shchekoldin, Die Wölfinnen von Sernowodsk
Foto: © Valery Shchekoldin
aus dem Buch von Irena Brežná:
Die Wölfinnen von Sernowodsk.

Katharina Schmidt:
Die Wölfinnen von Sernowodsk.
Gesang der Wajnachinnen.


Als sie um halb sieben morgens mit dem Beschuß begannen,
flüchteten wir in unseren Keller.
Dort versteckten sich schon viele Nachbarn,
auch Russen waren dabei,
wir haben sie eingeladen,
bei uns zu bleiben.
Wir fürchteten uns sehr und wagten
uns den ganzen Tag nicht hinaus, erst nachts.
Ich sehe, dass eine Bombe unser Haus getroffen hat,
die Hausmauern sind zerstört, die Betten kaputt,
ich schleppe hinaus, was ich kann, Kleidung, Bettwäsche.
Und da setzten die Wehen bei meiner Schwägerin ein.
Ich fürchtete, das Kind könnte ohne ärztliche Hilfe sterben,
ich habe ja keine Utensilien, keine Medikamente
und kenne mich in der Geburtshilfe nicht aus.
Also beschließe ich, sie ins Spital zu begleiten.
Etwas muss man doch tun!
Und dabei lasse ich meine eigenen Kinder
und ihre anderen fünf Kinder
bei meiner alten Mutter zurück.
Wir rennen von einem Keller zum anderen
im Lärm der Bomben und Raketen.
Im Spital ist niemand mehr.
Um drei Uhr nachts hat meine Schwägerin
ohne ärztliche Hilfe einen Knaben geboren.
Wir gaben ihm den Namen Schamil.
Nach Schamil Bassajew.
Um vier Uhr morgens kehrten wir zurück.
Sie gaben uns eine Frist zur Evakuierung.
Ich war allein zu Hause mit den Kindern.

© Valery Shchekoldin, Die Wölfinnen von Sernowodsk
Foto: © Valery Shchekoldin
aus dem Buch von Irena Brežná:
Die Wölfinnen von Sernowodsk.

Ich fing an, das Nötigste zusammenzusuchen,
aber kaum etwas passte in den Wagen.
Wohin mit all den Kindern?
Was für ein Anblick!
Wir kamen nach Inguschien.
Jetzt leben wir bei fremden Leuten.
Gestern haben sie mit der Bombardierung aufgehört.
Meine Nachbarin ging ins Dorf,
erzählte mir, dass unser Haus verbrannt sei, geplündert.
Was für eine schlimme Geschichte!
Ich fürchtete nur eines, dass ich krank werden könnte.
Wer wird dann nach meinen Kindern schauen?
Man bombardierte uns den ganzen Tag lang.
Die Kinder, Acht- und Neunjährige, stehen da
und beten zu Allah: Lass nicht zu, dass wir alle sterben!
Und ich dachte:
Was bin ich für eine grausame Mutter,
warum bin ich nicht geflohen,
warum töte ich die Kinder
mit meinen eigenen Händen?
Da kamen sie mit Panzern in unseren Hof.
Ich ging auf die Knie und bat sie: Hier sind Kinder,
ihr seid doch auch Menschen, schießt nicht!
Und die Kinder hörten nicht auf, Allahs Namen zu rufen.
Das hat uns wohl gerettet.
Wem nützt unser Unglück?
Sicherlich nützt es jemandem.

Ich ging gestern mit meiner Nachbarin, sie ist Russin,
zum Posten.
Dort stehen zwei junge Soldaten, ein Russe, ein Kalmyk.
Ich ging zum Kalmyken:
Erschieß uns nicht, sage ich.
Nein, Tantchen, sagt er.

Eine Flasche Wodka und ein Päckchen Zigaretten gab ich ihm.
Da sehe ich, ein Panzerwagen kommt.
Sechs junge Soldaten sitzen darauf.
Erschieß uns nicht! rufe ich.
Fürchtet euch nicht, sagt einer.
Wir fahren euch zur Absperrung.
Nein, sage ich, ihr werdet uns misshandeln.
Nein, sagt er, Ehrenwort.
Sie nahmen uns mit, und da schien mir,
sie fahren uns zurück ins Dorf.

© Valery Shchekoldin, Die Wölfinnen von Sernowodsk
Foto: © Valery Shchekoldin
aus dem Buch von Irena Brežná:
Die Wölfinnen von Sernowodsk.

Was macht ihr? rufe ich.
Aber sie brachten uns zur Absperrung.
Geht mit Gott, sagten die Soldaten
und fuhren in den Wald.
An der Absperrung standen die Wagen des Inter-
nationalen Roten Kreuzes, verteilten Tee und Schokolade.
Aber wir wollen keine Almosen.
Wir wollen in Frieden arbeiten.

Der Krieg trägt Menschen davon,
der Krieg unterscheidet nicht
nach Nationalität, nach Hautfarbe.
Am meisten blieb mir im Gedächtnis
die Leiche eines alten Mannes
mit einem Moslemkäppchen.
Ich sehe ihn immer noch vor mir.
Der schrecklichste Anblick für uns ist,
wenn alte Menschen geschändet werden.
Wir verehren die Alten.

Unsere Kinder sind mutig,
sie können jederzeit die Waffe in die Hand nehmen.
Wenn die russischen Panzer vorbeifahren,
werfen die Kinder Steine nach ihnen,
sie kennen keine Angst.

Es war kalt, es war Winter,
als man uns 1944 nach Kasachstan deportierte.
Meine Mutter packte zwei große Säcke
mit Essen und Kleidung,
denn sie hatte sieben Kinder.
Aber ein Soldat kam in den Hof,
sah die Säcke und nahm jenen mit Essen an sich.
Wir fuhren tagelang in einem Waggon,
wir hungerten,
drei von meinen Geschwistern starben unterwegs.
Als wir in Kasachstan ankamen,
gab es dort nichts, wir gruben Erdlöcher aus.

Der dortige Winter ist hart.
Menschen starben vor Kälte, vor Hunger,
wir waren sogar zu schwach, um sie zu begraben.
Wir lebten dreizehn Jahre lang in Kasachstan,
bauten Häuser aus eigener Kraft.
Meine Mutter ist heute neunzig Jahre alt.
Sie hat noch die zaristische Unterdrückung der Tschetschenen erlebt,
dann die Deportation.
Hätte doch Gott sie zu sich genommen,
damit sie heute nicht mit eigenen Augen
den Genozid seitens der russischen Demokraten sehen muss!
Dreimal Genozid in einem Leben, das ist zu viel.

Kristin T. Schnider: Irena Brežná, Sie haben das geschrieben, nachdem Sie aus dem ersten tschetschenischen Krieg wieder hierher zurückgekehrt sind in die Schweiz. Sie sind Schriftstellerin, Journalistin, Slawistin auch. Aus Ihrer Biografie entnehme ich, dass Sie selber eine Situation von Flucht erleben mussten. Nicht unter diesen fürchterlichen Umständen und doch mussten auch Sie Ihr damaliges Heimatland, die damalige Tschechoslowakei, verlassen.
Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesen Krieg hinein zu begeben, um uns diese Stimmen des Schreckens zurück zu bringen?

Irena Brežná: Als die russischen Panzer nach Grosny rollten im Dezember 1994, da habe ich gesehen, dass sich den Panzern Frauen entgegen gestellt haben. Und zwar hielten sich diese Frauen an den Händen und hatten so wollene Kopftücher. Und mich erinnerten diese Panzer an jene sowjetischen Panzer, die die Tschechoslowakei besetzt hatten am 21. August 1968. Aber ich habe gesehen, dass die Tschetschenen Widerstand geleistet haben. In der Tschechoslowakei war der Widerstand anders geartet, aber nicht so stark wie in Tschetschenien und ich wollte so sehr eine von diesen Frauen sein.

Also ich glaube, wenn ich das heute so sehe ...
Nachher, als ich nach Tschetschenien kam ...
und dann in das …
eben deshalb nenne ich dieses Buch "Die Wölfinnen von Sernowodsk", weil es war die Bombardierung von Sernowodsk und an den Kontrollposten durften wir nicht durch und dann haben mir die Tschetscheninnen dieses wollene Kopftuch ausgeliehen und dann habe ich mich so als eine russische Lehrerin ausgegeben, aber eben so mit diesem Kopftuch um, habe so geweint und die Frauen haben mich unterstützt.
Und dann erst viel später habe ich eigentlich begriffen, dass diese Sehnsucht …
Das war für mich …
Ich bin ja im Kommunismus aufgewachsen und wir haben soviel gehört von den Helden und auch von den Helden noch aus dem Krieg und sind damit groß geworden nach dem Krieg. Und ich glaube, dass ich mir dieses Recht auf Widerstand wieder geholt habe, indem ich eine von diesen Bäuerinnen wurde und mit ihnen durch das Dorf ging. Und nachher war mein Wunsch so stark, ich musste diese Stimmen dieser Frauen hinausbringen. Ich war richtig obsessiv von dieser Idee besessen, ich darf hier nicht sterben, ich muss hier diese Stimmen, diese Frauen, die ich dann nachher "Gesang von Wajnachinnen" genannt habe.
Ja, es ist fast wie, wie soll ich das nennen. Ich habe das sogar in einer Gedichtform … steht es da in dem Buch.

Kristin T. Schnider: Das sind eigentlich zwei Motivationen, die Sie hier aufzählen.
Die eine scheint aus der Geschichte noch der Sowjetunion zu stammen, die Sie mit sich genommen haben. Gedacht haben, dass Sie im Erwachsenenalter zusammen gegen ein weiteres Unrecht, das mit diesen Panzern herbeigebracht werden soll, angehen können. Sie erwähnen den Widerstand.
Das andere scheint mir doch auch die Zeugenschaft zu sein, dass Sie dafür sorgen wollen, dass wir diese Stimmen hier hören und dass sie nicht verloren und vergessen gehen. Das sind zwei sehr emotionale Motivationen. So wie Sie es erzählen, sind Sie da mitten hinein gegangen. Es ist aber auch zu sagen, dass Sie vielleicht ähnlich wie Anna Politkovskaya dann auch Zeugenschaft geliefert haben, dass Sie ebenso vor Menschenrechtsbewegungen Zeugnis abgelegt haben, Appelle gerichtet haben an die Welt, damit dieser schreckliche Krieg aufhört.
Wie ist das für Sie gewesen?

Irena Brežná: Ja natürlich habe ich gedacht, wenn ich das veröffentliche oder diese Reportagen, und ich konnte nicht aufhören, wieder hinzufahren. Natürlich nicht so oft wie Anna. Und ich habe gedacht, dass ich was tun kann. Und auch verschiedene Projekte für Kriegswaisen und alles mögliche … oder bei Politikern, dann sind wir mit den Tschetscheninnen viel aufgetreten und ich habe manchmal gedacht, wie können die so ruhig dasitzen und die schreien nicht und ich meine, das was Anna praktisch nicht mehr ausgehalten hat im Westen, dass man auftritt und wir erzählen das alles und es geschieht nichts.
Und ich habe das dann für mich so gelöst, dass wir …
Als Václav Havel im Gefängnis war, hat er etwas gesagt: "Wir sind keine Optimisten, wir glauben nicht an das Ergebnis unseres Tuns, aber wir tun es im Einklang mit unserem eigenen Gewissen."
Ja, und so tut man etwas.
Ich habe dann irgendwann aufgehört, nach Tschetschenien zu fahren. Aber ich habe bis heute nicht aufgehört, darüber zu schreiben und aufzutreten. Jetzt war auch eine andere tschetschenische Menschenrechtlerin da und wir bemühen uns, etwas zu tun. Und was ich Positives sagen kann, ich kann sagen, diese schreckliche Enttäuschung, dass man dieses Volk, zu dem Maynat gehört, dass ich gesehen habe, wie dieses Volk abgeschlachtet wurde und dass ein Fünftel von diesem kleinen Volk, nicht einmal eine Million, gestorben ist. Dass jeder dritte tschetschenische Mann durch ein Filtrationslager gegangen ist. Und dass sich hier praktisch nichts getan hat, da kann ich nur sagen, das Positive, was wir erlebt haben, wir haben immer wieder kleine Gruppen gegründet und wenn wir aufgetreten sind, haben die Tschetscheninnen sehr viel Liebe erfahren von den jeweiligen Menschen.
Deshalb, ich will auch hier nicht jemandem schlechtes Gewissen machen. Aber die Verantwortlichen, ob das jetzt der Schröder, der Berlusconi oder welche Politiker oder auch die Kleinen, auch die Schweizer. Der Ernst Mühlemann, der Vorsitzende der Tschetschenienkommision in Straßburg, der dachte nur an sein großes Ego und dass die Türen im Kreml nicht zugehen. Er hat das selbst gesagt. Und auch heute Andreas Gross ist etwas besser, aber auch nicht viel. Und das sind Menschen … das ist ihr Job. Und wir haben das unbezahlt gemacht und jahrelang und ...

Ich muss emotional werden, wenn ich nur daran denke, was man diesem Volk angetan hat.
Und es geht immer noch weiter.

Maynat Kurbanova, Irena Brežná u. Kristin T. Schnider - © Dominic Jan Geis, Mannheim
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   Maynat Kurbanova, Irena Brežná und Kristin T. Schnider
auf der Kleinen Bühne, Theater Basel.
© Dominic Jan Geis, Mannheim

Kristin T. Schnider: Das sind sehr harte Worte, die sehr verständlich sind, wenn man auch diese Bücher gelesen hat, wenn wir uns informieren über diesen Krieg, wozu wir das Recht ja haben.

Irena Brežná, was haben Sie denn das Gefühl, woran das liegt, dass nichts geschieht?

Irena Brežná: Vielleicht hat man im Westen auch eine Russophilie entdeckt. Man hat früher während des kalten Krieges das irgendwie ... Nur bei den Linken gab es da diese Sympathien.
Und nachher hat man gedacht, ja, jetzt kommt es voran und es ist so, als wollte man das nicht wahr haben, dass die Russophilie solchen Menschen gelten soll wie Anna Politkovskaya, wie Sergei Kowaljow, wie Andre Mironov. Russen, die nach Tschetschenien gefahren sind. Die sind wie Aussätzige in ihrem eigenen Land.
Und nicht eine Russophilie für solche Politiker wie Wladimir Putin.

Kristin T. Schnider: Also Sie denken, die Liebe zu den Russen gilt den falschen Russen?

Irena Brežná: Ja.

Kristin T. Schnider: Das ist natürlich eine Art, das zu interpretieren. Haben Sie aber nicht auch das Gefühl, dass diese Völker, diese Menschen im Kaukasus bei uns vergessen gehen, weil wir gar nicht gewusst haben, dass sie existieren, solange die Sowjetunion da war und würden Sie sagen, dass man ihre Situation vergleichen kann mit derjenigen von Völkern, die nach einer Kolonialisierung versuchen, zu sich selbst zu kommen?

Irena Brežná: Ja, zum Beispiel mit den amerikanischen Indianern kann man sie vergleichen und Russland ist ein koloniales Land mit kolonialem Denken. Und was zum Beispiel Andre Mironov, der mich begleitet hat nach Tschetschenien, immer wieder gesagt hat, es braucht die Dekolonialisierung in Russland, also im Geist. Die es hier im Westen schon in den Sechziger Jahren gegeben hat, als die Kolonien in Asien, in Schwarzafrika sich befreit haben. Und das ist noch nicht im Bewusstsein.
Deshalb würde ich nicht sagen, der Tschetschenienkrieg ist nur den Politikern anzulasten, einem Jelzin, den Kriegsverbrechern Jelzin und Wladimir Putin.
Nein, die normalen Russen spielen das mit, die lassen sich von dieser Propaganda in die Irre führen, die ihnen weismachen will, dass Tschetschenen Schuld sind an ihrem Unglück.
Also diese Feindprojektion ... Freud war verboten in der Sowjetunion und es ist offenbar noch nicht so weit, dass die russische Bevölkerung das Wort Projektion versteht, was da geschieht. Und das muss ... So ein kleines Volk, das vielleicht auch in die Falle gegangen ist, in die Gewaltfalle, weil es wie die amerikanischen Indianer diesen Ehrenkodex hat: Wir müssen uns wehren.
Ich habe Männer gesehen, Dorfjungen, 16jährig, 15jährig, die Bomben fielen, Napalm wurde abgeworfen, verbotene Waffen, Vakuumbomben haben wir gefunden in Samaschki.
Das sind verbotene Waffen. Die Dum Dum Geschosse wurden angewandt. Also so vieles ...
Und dann wundert man sich, dass so ein Volk die Waffen den toten Soldaten wegnimmt und sich wehrt.

Kristin T. Schnider: Ich möchte ein bisschen weg von den amerikanischen Indianern. Ich glaube, das sind zwei doch recht verschiedene Sachen und ich möchte vor allem davon weg, weil damit auch wieder ein Bild transportiert wird von den Wilden. Das finde ich nicht richtig.
Ich denke, es gibt auch einfach den Wunsch eines jeden Volkes nach Demokratie, nach Selbstbestimmung. Und dass ausgerechnet an den Tschetschenen, an so einem kleinen Volk, das ausgeübt wird, erscheint mir mehr wie die Statuierung eines Exempels für Russland.
Und insofern könnte man doch sagen, dass Tschetschenien ein Prüfstein ist für Russland, für die Entwicklung dieser Demokratie. Was meinen Sie dazu?

Irena Brežná: Ja, und sogar im ersten Krieg ... obwohl Boris Jelzin natürlich ein Kriegsverbrecher ist. Der ist zuständig für etwa hunderttausend Tote im ersten Krieg, trotzdem als er Präsident war, konnte man in den russischen Medien vieles lesen. Und auch im ersten Tschetschenienkrieg konnte die Bevölkerung zum Beispiel ganz freimütig schreien, geht raus und so. Es war auch eine Freiheit des Wortes da. Und jetzt ist nicht einmal mehr das.
Also jetzt ist ja eine Marionettenregierung dort, es ist ja eine Art Stalinismus ... Was wollte ich eigentlich damit sagen?

Kristin T. Schnider: Sie wollen wahrscheinlich die Situation abzeichnen, dass die sich noch verschlimmert hat, dass man ...

Irena Brežná: Ja, dass der zweite Tschetschenienkrieg, in dem ich nicht mehr war … Ich habe das einfach psychisch nicht mehr ausgehalten, da nochmals hinzugehen und das nochmals und wieder hierher zu kommen und hier einfach leben zu müssen.Und dann kam noch der zweite Krieg und der zweite Krieg wurde noch viel grausamer. Das weiß Maynat. Und ich konnte mir da eine Steigerung nicht mehr vorstellen.

Kristin T. Schnider: Das ist das, was Sie auch die Unmöglichkeit dessen nennen in einem Ihrer Bücher, sich das überhaupt noch vorzustellen, was dort passiert. Und es ist auch das, was man denken muss, was ein Volk, was ein ganzes Volk verändert, was Tschetschenien auf Generationen hinaus verändern wird und was Anna Politkovskaya auch gesagt hat, wenn sie geschrieben hat, dass es dem eigenen Volk, also den Russen, zu denen sie sich manchmal gar nicht so gern zugehörig fühlen musste, schaden wird.

Wir gehen jetzt zu einem Moment in der Geschichte, den Maynat Kurbanova in einem literarischen Text beschrieben hat.
Maynat Kurbanova ist 1974 geboren. Als der erste Tschetschenienkrieg ausgebrochen ist, war sie gerade einmal zwanzig Jahre alt. Sie hatte sich damals schon entschieden gehabt. Eigentlich wollte sie schreiben, Literatur schreiben. Hat dann Journalistik studiert. Auch in den Jahren des Aufbruchs hat sie über Kultur schreiben können, hat sich dem widmen können, was sie geliebt hat am freien Wort und dann als Journalistin auch für die Novaya Gazeta später, hat sie sich dazu gezwungen gefühlt eigentlich, auch von dem zu berichten was ist, auch von der Wahrheit zu berichten.
Aber zuerst wollen wir doch einmal uns in den Raum hinein begeben, den uns Maynat Kurbanova mit einem Text eröffnet, aus dem Katharina Schmidt nun eine Passage lesen wird.

© Ali-Reza Espahbod
Buchcover: Die Zeit ist ein gieriger Hund
Hrg. P.E.N.-Zentrum Deutschland (vergriffen)
Grafik: © Ali-Reza Espahbod

Katharina Schmidt:
[aus der Kurzgeschichte von Maynat Kurbanova: "Zur eigenen Erinnerung"]

An jenem Tag schaufelte ich mir zweimal ein Grab, um dann nach dem an mich gerichteten Befehl "Zur Erschießung!" am Rand der eigenhändig geschaufelten flachen Grube zu stehen und abgestumpft darüber nachzudenken, dass sich nun der Kreis meines Lebens schließen würde.

Ich wollte mir mein verflossenes Leben in Erinnerung rufen, wollte an etwas traurig Erhabenes denken, wie es dem Moment entsprach, aber ich empfand nur die Sinnlosigkeit all der stummen, nicht wiederzugebenden Aufwallungen, die einst meine Seele gequält und die Freude am eigenen Leben, an jedem in seiner Unwiederholbarkeit schönen Tag zerfressen hatten. Plötzlich begriff ich mit betäubender Klarheit, dass ich eigentlich nichts zum Erinnern hatte, dass alles bis zu diesem letzten gefrorenen Erdklumpen, den ich aus der für mich selbst geschaufelten Grube geworfen hatte, auf dem Zirkushof, wo mir nun das Todesurteil verkündet worden war, dass all die verschlungenen, schrecklichen Wege, über die ich stumm geirrt war, außerstande, meine Sprachlosigkeit gegenüber der neuen Realität zu überwinden, in der die Menschen in Grausamkeiten miteinander wetteiferten, dass all die Wege nur dazu da gewesen waren, mich an einem frostig-sonnigen Märztag des neuen Jahrtausends hierher zu führen, mich dahin zurückkehren zu lassen, wo mein kurzes und offenbar sinnloses Leben begonnen hatte.

Der Kreis schloss sich, nur noch dieser Umstand hatte jetzt Bedeutung. Es war ein fast freudiges, ein fast befreiendes Gefühl, dass sich endlich alles vollenden würde. Mir zu Füßen stand traurig meine Tasche mit ein paar Dutzend Büchern, die ich aus Grosny hatte schaffen wollen: Borges und Woolf, der ewig aktuelle Dostojewski und der gar nicht aktuelle Tolstoi, außerdem ein Bildband des Malers Roerich, mit der "Verurteilten Stadt" auf dem Umschlag - seltsame Ironie des Schicksals. Und noch ein kleines Notizbuch mit Ortsangaben von Massengräbern der "friedlichen Bewohner" meines provinziellen und doch in der ganzen Welt bekannten Städtchens.

Wenn ich mich jetzt daran erinnere, denke ich an die finsteren, unerklärlichen Instinkte, die Menschen dazu bringen, andere Menschen zu töten, Menschen, die sie nicht kennen, die sie nie gesehen haben bis zu dem Moment, wo aus den finsteren Tiefen der pervertierten Seele das brennende, unerklärliche Gefühl der Überlegenheit aufsteigt, gepaart mit der Möglichkeit, dem Wunsch und dem Vermögen zu töten, bis zu dem Moment, wo es plötzlich ganz leicht ist, angesichts eines fremden Menschen, der mit dem eigenen Schicksal nichts zu tun hat, ohne jeden Grund den Abzug der Maschinenpistole durchzuziehen; ich denke, dass alle Anstrengungen der Menschheit, ewige Werte zu schaffen und zu erhalten, dass diese Anstrengungen von Jahrtausenden sich auf einmal als unnötig erweisen, an den Rand der Realität gedrängt sind wie unnützer Plunder und vergessen sind in dem Moment, in dem der eine die Waffe auf den anderen richtet, in dem der eine plötzlich entscheidet, dass er das Recht hat, dem anderen das Leben zu nehmen, das nicht er ihm geschenkt hat.

Kristin T. Schnider: Das haben Sie geschrieben und das ist sehr eindrücklich diese Vorstellung, wie es dazu kommen kann, dass ein Mensch einen anderen tötet. Woher er das Recht nimmt.
Im heutigen Tschetschenien denke ich, in den momentanen Umständen, ist es nicht so, dass man sich das überlegt.

Wie ist es für Sie heute, wenn Sie daran denken, wie dieser Krieg, das muss man noch sagen, der ist niemals abgeschlossen worden. Das heißt, der erste Tschetschenienkrieg `94 bis `96, der zweite Tschetschenienkrieg, da steht nur 1999. Der geht weiter.
Wie ist es heute?

Maynat Kurbanova: Der Krieg in Tschetschenien, wie Sie gesagt haben, dauert bis jetzt. Nur der hat jetzt eine andere Form angenommen und ich persönlich kann mir nicht vorstellen, wie ich das früher, vor zwei, vor drei, vier, fünf Jahren gemacht, jahrelang gemacht habe, heute dort hingehe und dort als Journalistin arbeite.
Die Situation ist so diffizil, dass man schon lange nicht mehr erkennen kann, wo Feind ist, wo Freund, wem man glauben darf, wem nicht. Und dieser Verdacht und diese Angst, die dort herrscht, erinnert mich an die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, an die stalinistische Zeit, wo es genau wie heute in Tschetschenien war. Man konnte Tschetschenien nicht durch den Krieg besiegen, durch die Bomben und so weiter.
Und dann haben sie so eine schreckliche Form von Gewalt ausgeübt, dass die Leute einfach erschrocken sind. Die haben tierisch Angst und man glaubt niemandem, nicht Nachbarn, nicht Freunden, nicht Verwandten und so weiter.

Als ich zuletzt in Tschetschenien war, hat es mich erschrocken, weil meine Freunde, mit denen ich ganz viele Sachen, nicht einfache Sachen, erlebt habe früher, mit denen konnte ich nicht einfach reden über bestimmte Sachen. Wenn wir über Politik oder die heutige Situation in Tschetschenien redeten, dann mussten wir irgendwo raus gehen. Nicht im Auto, wenn man denkt, dass das alles durchgehört, angehört wird. Nicht zu Hause, wenn man denkt, dass es auch gehört wird und so weiter.

Diese Angstsituation, diese Angst, das zerstört die Leute. Das zerstört die Gesellschaft.

Und das, was Putin oder seine Armeen nicht mit dem Krieg schaffen könnten, haben sie jetzt, kann man sagen, fast geschafft, dass die Leute einfach so müde und so erschrocken sind, die haben keine Kraft mehr zu protestieren.
Die Menschen verschwinden nach wie vor, werden gefoltert und wie sie gefoltert werden, kann man nicht erzählen. Ich habe keine Worte dafür, weil es kaum vorzustellen, schwer vorzustellen ist, wie ein Mensch, der von einer Frau geboren ist, der Eltern hat, Geschwister oder eigene Kinder, so grausam sein kann, solche Sachen tun kann.
Und das alles hat Tschetschenien dazu gebracht, meiner Meinung nach, diesen Charakter von dem Volk, das was Tschetschenien immer dazu gebracht hat, sich zu verteidigen, Widerstand zu leisten, das ist nicht mehr da oder fast nicht mehr da. Und das finde ich ganz schrecklich.

Kristin T. Schnider: Das heißt also, dass nicht nur diese Menschenrechte, die wir zitiert haben, die verbrieft sind, Meinungsäußerungsfreiheit, Pressefreiheit, mit Füßen getreten worden sind.
Es ist so wie wir auch an diesem Bild gesehen haben von dieser Stadt, die von einem Drachen erwürgt wird. Dass jetzt die Bevölkerung von Tschetschenien durch ein Schreckensregime ums Wort gebracht wird, um das private Wort, nicht nur um das öffentliche.

Frau Kurbanova, was denken Sie, wie konnte es so weit kommen? Es gab doch auch in Tschetschenien eine kurze Zeit, in der man schreiben konnte, in der Sie ja auch für Zeitungen gearbeitet haben.
Was war das für ein Prozess, der zu einem derartigen Abwürgen dieser fundamentalen Menschenrechte geführt hat?

Maynat Kurbanova: Es wurde ja heute schon gesagt, dass der Krieg in Tschetschenien ein kolonialer Krieg ist und das ist der letzte koloniale Krieg in Europa. Und man muss verstehen, der hat nicht vor zehn oder fünfzehn Jahren angefangen.
Vor zehn Jahren wurde die letzte Phase von diesem Krieg angefangen. Aber eigentlich dauert der Krieg zwischen Tschetschenien und Russland schon hundert Jahre.
Und seit der Zeit, als der russische Zar erstmals Interesse am Kaukasus zeigte.

Das Problem ist, Tschetschenien ist zwischen Europa und Asien und schon damals hatten viele Länder ganz viele Interessen, also vor allem geopolitische Interessen und außerdem ist Tschetschenien, wie Irena gesagt hat, da sind auch ökonomische Interessen, Tschetschenien hat ganz viel Erdöl. Im Vergleich mit dem russischen ...
Russland ist so groß und so reich. Im Vergleich mit russischem Erdöl ist das ganz wenig, was in Tschetschenien ist. Aber für die konkreten Leute, für die militärische Lobby, für die Generalität, die mit dem Öl, mit dem Krieg Geschäfte machen, ist das ganz viel.
Deswegen kann der Krieg auch nicht aufhören, deshalb dauert der so lange. Es gibt so viele Kräfte, die das einfach nicht wollen. Die durch den Krieg Millionäre geworden sind und so weiter.

Ja, in Tschetschenien, ich erinnere mich an diese Zeit, als Tschetschenien seine Unabhängigkeit ausgerufen hat und sich als unabhängige Republik ausgerufen hat. Wir haben drei Jahre, sozusagen also freie Zeit, wo ich persönlich diese Zeit als die beste oder schönste oder glücklichste Zeit in meinem Leben sehe. Ich bin mir sicher, dass viele andere das auch so sehen.
Ich arbeitete bei einer Zeitung in Tschetschenien.
Wir waren alle voll Enthusiasmus und froh, dass wir bei einer unabhängigen Zeitung arbeiteten, dass wir frei schreiben konnten über all das, was passiert ist. Aber die Zeit war so kurz, weil Russland das geduldet hat, solange die ganz starke eigene ökonomische Probleme hatten am Anfang der 90er Jahre. Aber man braucht immer so ein Feindbild, und Tschetschenien wurde als so ein Feind, ein ewiger Feind und ganz bequemer Feind ausgewählt und dann hat der Krieg, der erste tschetschenische Krieg, angefangen.

Ich war damals zwanzig Jahre, als ich durch Grosny ging und ich zählte getötete Tiere, Frauen, Kinder, Soldaten, Männer und so weiter. Und bis jetzt dauert es an in einer bisschen anderer Form.

Kristin T. Schnider: Was denken Sie, können wir hier im Westen, wo wir das freie Wort noch kennen, dagegen tun, dafür tun? Was meinen Sie? Auch Sie, Irena Brežná.

Irena Brežná: Ich finde, man muss solche Politiker ächten und es ist ganz ganz wichtig, dass ein Tschetschenienkriegstribunal stattfindet.

Wenn ich bedenke, in Ruanda sitzen schon so viele im Gefängnis, gibt es Gerichtsverhandlungen. Sogar Guatemala, ein Drittweltland, hat Archive und über zweihundert Mitarbeiter bearbeiten Polizeiarchive, wo auch sehr viel Folter ist. Und wenn ich bedenke, was geschieht in Straßburg, wenn ab und zu der internationale Gerichtshof einem Tschetschenen, einer Tschetschenin ein paar tausend Euro anerkennt, die die russische Föderation für den Tod, für die Verstümmelung zahlen muss?

Es ist ganz wichtig zu unterscheiden und zu ächten und nicht so nachsichtig zu sein Russland gegenüber, also diesem Russland gegenüber, das diese Macht ist. Und eben die Straflosigkeit. Was ist ein Rechtsstaat? Warum schätzen wir so einen Rechtsstaat? Wenn Andreas Gross zum Beispiel in Monte Verità unlängst gesagt hat: "Wir müssen nach der Versöhnung suchen", dann würde ich darauf antworten: "Ja, aber Versöhnung erst, wenn die Täter bestraft worden sind!".
Das geht einfach nicht, dass abertausende Mörder überhaupt nicht verurteilt worden sind.

Katharina Schmidt, Maynat Kurbanova, Irena Brežná u. Kristin T. Schnider
Blick von der Galerie auf
die Kleine Bühne, Theater Basel.
© radio-luma

Kristin T. Schnider: Ja, dem kann ich mich anschließen, das braucht eigentlich eine jede Gesellschaft zur Wiedergesundung, aber dafür brauchen wir nach wie vor die Kraft des freien Wortes. Jetzt ist eine Stimme, eine unerbittliche, unermüdliche Stimme, verstummt in dieser Zeugenschaft dessen, was überhaupt passiert in diesem Land, dass wir das überhaupt hören und wahrnehmen. Sie selbst mussten ins Exil, Frau Kurbanova.
Was können wir weiterhin tun, um die Menschen darin zu bestärken, wie groß der Stellenwert des freien Wortes ist, wie wichtig es ist, weiterhin über dieses Unrecht zu berichten?

Maynat Kurbanova: Das ist schon ganz wichtig, und man kann ganz viel tun, wenn man mich fragt. Die Leute, die hier sitzen, die können sich weiter interessieren über das, was in Tschetschenien passiert, lesen, solche Veranstaltungen besuchen, nicht schweigen.
Tschetschenische unabhängige Menschenrechtsorganisationen unterstützen.
Tschetschenische junge Leute nach Europa bringen und Studentenaustausch, sei es Schulenaustausch und so weiter. So, dass die jungen Leute, die junge Generation sieht, kennt, wie man in Europa lernt, wie man in Europa arbeitet und mit dieser Erfahrung zurück nach Tschetschenien fährt und fahren kann.

Bei ganz viel, bei dem es um Politik oder Politiker geht, habe ich schon längst keine Illusionen mehr, Europa hat Putin verschlafen, schon lange und es ist jetzt zu spät, darüber zu diskutieren, zu reden. Der Westen war so glücklich, so fasziniert, dass er Deutsch spricht, obwohl er das als Spion, als KGB-Mensch gelernt hat.
Ja, und es ist schon zu spät und ich habe gar keine Illusion.

Kristin T. Schnider: Das heißt eigentlich, dass Sie der Politik als solches nicht mehr vertrauen, sondern sich an die Zivilgesellschaft wenden, die wir hier haben.
Das heißt also auch an die Bürgerinnen und Bürger, die ihre Rechte hier noch haben?

Maynat Kurbanova: Genau so! Also ich bin mir sicher, das Problem der heutigen Welt ist, dass der Präsident von Amerika, der ehemalige Kanzler Schröder oder Putin, so ähnlich sind. Die haben ähnliche Werte. Das ist das Problem und dagegen kann man vielleicht nichts tun, aber die einfachen Leute, die Zivilgesellschaft, die können viel. Und nicht nur ... Ihr hier in Europa könnt Politiker wählen, selber, es gibt hier noch Demokratie. In Russland hat man keine Wahl. Aber hier doch. Wählt andere Politiker, andere Leute, die was tun oder tun werden.

Kristin T. Schnider: Also das haben wir sehr deutlich gehört, da ja, das darf ich ja sagen in der Schweiz, in zwei Wochen die Nationalratswahlen stattfinden.
Ich weiß nicht, wie gut sich die Schweizer Politiker gerade mit Herrn Putin verstehen, aber es ist doch zu hoffen, dass wir ein Auge darauf halten, was wir für Wahlmöglichkeiten haben, nicht nur was Politiker angeht, sondern auch im eigenen Verhalten.

An das appelliert ja auch Frau Kurbanova, und ich glaube, dieser Abend ist auch so ...

Wir sind hier, um uns zu erinnern. Sich zu erinnern ist in erster Linie auch etwas Privates, etwas, das man für sich selber macht.
Und warum macht man es? Damit, auch wenn diese Stimmen verstummen, wie Anna Politkovskayas Stimme verstummte, noch viele andere, damit es in uns wach bleibt und damit wir nicht vergessen, dass es immer noch diese Orte auf der Welt gibt, wo diese Rechte, die wir haben, mit Füßen getreten werden.

Deshalb möchte ich jetzt noch, wenn wir schon bei der Erinnerung sind, noch einmal auf Anna Politkovskaya zurückkommen.
Sie haben sie beide gekannt. Können Sie mir noch ein paar Worte zu ihrem Schreiben und zu ihrem Kampf auch um diese Gerechtigkeit sagen?

Maynat Kurbanova: Ich habe Anna Politkovskaya das erste Mal ganz am Anfang des Krieges zwischen Tschetschenien und Inguschetien, das ist eine Nachbarrepublik, gesehen, wie sie die Leute interviewte.
Ich kannte sie damals nicht. Es war eine ganz schreckliche Zeit, die Flüchtlinge, die Tschetschenien verlassen wollten, wurden mit Absicht bombardiert von der russischen Armee und Flugzeugen.
Ich bewunderte diese Aufmerksamkeit von dieser Frau, die den Leuten mit ganz viel Aufmerksamkeit zugehört hat.
Ich hatte bis dahin nur russische Journalisten gesehen, die offizielle propagandistische Videos oder Reportagen gemacht haben.
Ich ging dann zurück nach Tschetschenien. Ich habe Anna Politkovskaya damals nicht kennen gelernt, hatte einfach keine Zeit und musste also nach Tschetschenien zurückfahren.

Und das zweite Mal habe ich sie bei der Novaya Gazeta gesehen, als ich Grosny verließ und mir einen Arbeitsplatz in Moskau suchte. Und wir haben mehrmals in Tschetschenien zusammen gearbeitet und haben uns in Moskau, in Tschetschenien, in Inguschetien gesehen.
Und was ich immer bewundert habe, ihre Kraft, ihre Ehrlichkeit und dass sie nie nein sagen konnte zu den Leuten, zu Menschen, die auf sie gewartet haben. Dass sie wieder und wieder und wieder nach Tschetschenien fuhr, obwohl sie wusste, jede neue Reise konnte die letzte sein.

Kristin T. Schnider: Das ist die Unermüdlichkeit, die vorhin auch schon erwähnt wurde, die Sie an ihr bewundert haben und die auch sehr wichtig war. Und die nun halt übernommen werden muss, indem wir weiterhin nach Tschetschenien blicken, nach Russland blicken. Irena, möchtest Du noch ein paar Worte zu Anna Politkovskaya sagen?

Irena Brežná: Ich habe sie in Genf gesehen an den Menschenrechtssession und was mir aufgefallen war, dass sie nichts anderes um sich wahrnehmen konnte. Also wir waren spazieren am Genfer See und sie konnte das nicht sehen. Sie sah nur Tschetschenien, sie war richtig verschluckt davon. Und nachher habe ich mit ihr telefoniert, sie war ja als gefährdete Journalistin in Wien, bekam ein Stipendium und sie hielt es nicht aus. Und wir wollten sie einladen und sie war so enttäuscht vom Westen und von diesen Auftritten und meinte, das bringt nichts. Also sie war schon so weggetragen worden wirklich von dem Krieg, dass es mir nachher fast wie eine logische Folge erschien und ich war dann nachher so wütend, als sie umgebracht wurde und dachte:
Warum hast du dich nicht geschützt? Warum bist du wieder zurück?
Und warum hast du eben nicht Nein gesagt?

Kristin T. Schnider: Ich denke, das beantwortet sie selbst in ihrem Buch "Tschetschenien – Die Wahrheit über den Krieg", dass sie eben nicht nein sagen konnte, dass sie dafür einstehen musste und auch bei aller Müdigkeit und Erschöpfung einfach ihrem Gewissen folgen musste. Es ist nicht unbedingt eine logische Folge, denke ich, dass man erschossen wird vom eigenen Engagement, es ist eine logische Folge dessen, dass ein Regime befindet, man dürfe das freie Wort nicht benutzen, man dürfe nicht zeigen, was wirklich Sache ist. Es ist ein Kampf, das ist der Wahrheit den Krieg angesagt und ich denke, sie hat dafür sterben müssen.

Irena Brežná: Wenn ich noch dazu was sagen darf. Das spielte natürlich eine ganz große Rolle. Dass Russland so gleichgültig ist diesem Krieg gegenüber und es gibt in Russland immer wieder diese Giganten. So wie auch Andrei Sacharow oder ... es gibt so eine Pyramide, nicht nur die Pyramide der Macht, sondern auch dieser Gigantischen, dieser Heiligen. Es ist ein Land von ganz wenigen Heiligen, die dieses Verbrecherische des ganzen Landes oder diese Gleichgültigkeit der Massen auf sich nehmen. Und sie hat das alles auf sich genommen. Und warum gab es nicht mehrere?
Ich wünsche mir viel mehr Annas in Russland, ich wünsche mir ganz viele und nicht nur eine große.

Kristin T. Schnider: Ja, ich denke, diesen Wunsch können wir alle gut nachvollziehen und ich denke, Anna Politkovskayas brauchen wir viele. Es ist sehr schmerzlich, dass sie nicht mehr unter uns ist, aber wir können ihre Arbeit weiterhin würdigen und schätzen in unserem eigenen Erinnern. Und damit möchte ich dieses Gespräch, dieses kurze Gespräch, abschließen. Es ist ein offenes Gespräch, es wird offen bleiben, Fragen bleiben. Keine Frage ist sicherlich, dass wir uns alle weiterhin, auch in ihrem Sinne, und weil sie dafür sterben musste, für die Freiheit des Wortes einsetzen müssen und zwar in erster Linie hier, weil wir sie noch haben. An dieser Stelle möchte ich noch etwas Traditionelles tun. Das letzte Wort wird dann wieder die Literatur haben. Aber vorher möchte ich mich noch bedanken bei all unseren Kooperationspartnern. Ich bedanke mich bei Ihnen, dass Sie gekommen sind, um diese sicherlich auch nicht einfachen Dinge doch zu hören. Ich bedanke mich sehr beim Theater Basel, bei der Kleinen Bühne, bei Christian Vetsch, bei Karl Baratta, bei all den Mitarbeitern, die heute gekommen sind und diesen Abend ermöglicht haben. Ich lese Ihnen ganz traditionsgemäß unsere Kooperationspartner vor. Das ist die Wissenschaftsstadt Darmstadt, die Maynat Kurbanova jetzt Zuflucht gewährt durch das Elsbeth-Wolffheim-Literaturstipendium. Es ist etwas sehr Wichtiges, dass wir Menschen, die so gefährdet sind wie sie in ihrer Heimat, Zuflucht bieten können. Dann das Netzwerk Recherche, eine Journalistenvereinigung in Deutschland, die sich um richtige Berichterstattung kümmert, die International Publishers Association IPA mit Sitz in Genf. Die Reporter ohne Grenzen und zwar sowohl die Gesamtschweizerische Gruppe wie auch die Sektion im Tessin.
Wir bedanken uns auch bei Amnesty International Sektion Schweiz. Wir bedanken uns sehr bei unseren Medienpartnern Radio Dreyeckland und allen anderen Radiostationen, die sich uns angeschlossen haben.
Wir danken Scram und CoLab, das technische Unterstützung geboten hat und ganz zum Schluss bedanken wir uns bei all den P.E.N.-Zentren, die dieses Ereignis speziell unterstützt haben, denn Anna Politkovskaya war vielen von uns bekannt. Sie gehörte auch zu den Leuten, die von P.E.N. unterstützt werden und die sehr wichtig sind für P.E.N., für die Freiheit des Wortes. Das ist der Deutsche P.E.N., das ist das Centro P.E.N. della Svizzera Italiana e Retoromancia, das ist das P.E.N. Esperanto Zentrum und das ist das PEN Centre Suisse Romand. Und zuletzt das Deutsch-Schweizer P.E.N.-Zentrum, das zusammen mit radio-luma diesen Abend konzipiert hat. Jetzt übergeben wir das Wort der Literatur und in diesem Sinne auch Katharina Schmidt, der ein ganz großer Dank gebührt, an diesem Abend so lange und so unerfreuliche, in diesem Sinne, Texte für uns gelesen zu haben.
Wir bedanken uns und verabschieden uns auch von Ihnen. Bitte ...

Град умерший - Nicholas Roerich, The Dead City, 1918 © Nicholas Roerich Museum, New York
Град умерший
Nicholas Roerich, The Dead City, 1918
© Nicholas Roerich Museum, New York

Katharina Schmidt:
[aus der Kurzgeschichte von Maynat Kurbanova: "Zur eigenen Erinnerung"]

Das Schicksal eines Menschen, was ist das eigentlich? Was, wenn nicht Splitter des Gedächtnisses, Splitter beunruhigender, falscher, völlig unsystematischer und zuweilen verräterischer Erinnerungen, die unser weiteres Leben bestimmen, die nicht zulassen, dass wir im Strudel der Ungewissheit und eines ewigen, unstillbaren Durstes untergehen? Da fallen mir die Worte eines mir nahen Menschen ein, der geschrieben hat: "Die Seele eines Menschen ist keine Datei, die wieder leer ist, wenn du alle Zeichen löschst, und sich immer wieder mit neuem Sinn und neuem Inhalt füllt, sobald du etwas anderes schreibst ... Nein, in der menschlichen Seele löscht jede von dir gelöschte Erinnerung auch einen bedeutenden Teil deines Wesens und verwandelt deine Seele in einen armseligen und kraftlosen Invaliden ... "

Zu Beginn des Krieges hatte ich einen Traum: Wenn all das vorbei ist, fahre ich in ein fernes und warmes Land, wo ein Meer ist, wo es nie Winter wird, und sitze nächtelang am Ufer, bis ich mein ganzes Gedächtnis getilgt habe.

Wenn ich heute an die Menschen denke, die von allen, die mir kostbar waren, noch am Leben sind, dann hoffe ich, dass sie mich nicht vergessen haben, dass sie sich noch an mich erinnern und auf meine Rückkehr warten, und ich versuche, in ihrem Erinnern Trost für mich zu finden, als hinge nur davon jede Sekunde meines Lebens ab, als hinge auch die Tatsache meines Verweilens diesseits der Realität davon ab, dass sie irgendwo auf der Welt leben, sei es der Vater meines Kindes, das ihn nie gesehen hat, sei es meine Mutter, aus täglicher Sorge um mich vorzeitig gealtert, seien es meine Freunde, die mich in Zeiten meiner journalistischen Unvorsichtigkeit, genauer Waghalsigkeit, viele Male gerettet und versteckt haben, seien es meine Nachbarn, obwohl ich mit vielen von ihnen seit Jahren nicht mehr offen gesprochen habe, denn in jener Realität durfte man niemandem trauen außer den allernächsten, vielfach erprobten Menschen, seien es die Toten, die ich ganz zu Anfang noch gezählt habe, bis ich bei der Zahl 380 aufhörte, weil ich begriff, dass die Liste endlos würde, die Toten, die mir manchmal lebendiger vorkommen als ich mir selbst; ich weiß, dass ich das alles vergessen könnte, wenn ich wollte.

Aber ich will nicht.

Wenn ich das alles vergesse, was bin ich dann? Ein minderwertiger Schwachkopf ohne Gedächtnis, allen und mir selber eine Last, einsam wie ein nach einer Naturkatastrophe stehen gebliebener dünner Fels, kalt und hilflos, von Winden umtost und dazu verurteilt, dass Wind und Zeit ihn langsam, aber sicher abtragen, in Staubkörner und Steinchen verwandeln, bis eines Tages an der Stelle, wo er stand, nur noch Ödnis oder Asche ist. Darum werde ich das alles in Erinnerung behalten - für mich.

Anna Politkovskaya - © Novaya Gazeta, Moscow
Анна Степановна Политковская

[Ende der Abschrift von der Bühne -
Anm.: Die in der Abschrift verwendeten Bilder wurden weitgehend in dieser Abfolge im Theater Basel auf die Bühnenwand projeziert, wie im ersten Foto zu erkennen ist.]

Der Mitschnitt der Sendung zum Hören oder Herunterladen:

Aus urheberrechtlichen Gründen können wir den Mitschnitt der Sendung leider nur ohne Musik veröffentlichen. In der An- und Abmoderation zur Sendung wurden Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach in einer Interpretation von Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch eingespielt [ Artikel über den Musiker bei WIKIPEDIA auf einer separaten Seite].

Nachfolgend erreichen Sie die Sendung aus dem Theater Basel als Audio-Datei in drei Dateigrößen in einer Länge von rd. 104 Minuten:

192 KB/s mp3-Datei
Größe:rd. 157 MB
URL: //www.o-ton.radio-luma.net/mp3/2007-10-07-anna-politkovskaya-theater-basel-192.mp3

96 KB/s mp3-Datei
Größe: rd. 79 MB
URL: //www.o-ton.radio-luma.net/mp3/2007-10-07-anna-politkovskaya-theater-basel-96.mp3

48 KB/s mp3-Datei
Größe: rd. 40 MB
URL: //www.o-ton.radio-luma.net/mp3/2007-10-07-anna-politkovskaya-theater-basel-48.mp3

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Aktion der unabhängigen russischen Zeitung Nowaja Gzeta
zum ersten Jahrestag der Ermordung von Anna Politkovskaya

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der unabhängigen russischen Zeitung
Novaya Gazeta vom 04.10.2007

Анин номер – (495) 798-10-34
Annas Telefonnummer – (495) 798-10-34

Die wieder freigeschaltete Telefonnummer von Anna Politkovskaya in der Redaktion von Nowa Gazeta.

Der originale Beitrag aus der unabhängigen russischen Zeitung Novaya Gazeta und die Übersetzung
(Vom 05. Oktober 2007)


.. Verbindung zum Original bei Nowaya Gazeta

Bücher von Anna Stepanowna Politkovskaya:

Buchcover "Tschetschenien - Die Wahrheit über den Krieg" Buchbeschreibung mit Verbindungen zu Rezensionen

Tschetschenien –
Die Wahrheit über den Krieg

mit einem Vorwort von Dirk Sager

2003





Buchcover "In Putins Russland" Buchbeschreibung mit Verbindungen zu Rezensionen In Putins Russland


März 2005






Buchcover " Russisches Tagebuch" Buchbeschreibung mit Verbindungen zu Rezensionen Russisches Tagebuch
mit einem Vorwort von Sonia Mikich
März 2007





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Veröffentlichung dieser Seite am 08. Oktober 2008