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VOM ÖFFNEN UND ZUSAMMENNÄHEN DES HERZENS
Der Programmschwerpunkt im Oktober 2007
Kleine Bühne, Theater Basel

Ein Telefon-Interview mit dem künstlerischen Leiter Christian Vetsch,
Kleine Bühne, Theater Basel, von radio-luma vom 02. Oktober 2007

Christian Vetsch.  © radio-luma

Christian Vetsch
Bildquelle:
© radio-luma
 

Der Hörbeitrag (7:42 Minuten) steht als mp3-Datei nachfolgend in drei Größen zur Verfügung:

48 KB/s mp3-Datei (rd. 2,7 MB)
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/021007_interview_christian_vetsch_48.mp3

96 KB/s mp3-Datei (rd. 5,5 MB)
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/021007_interview_christian_vetsch_96.mp3

192 KB/s mp3-Datei (rd. 10,1 MB)
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/021007_interview_christian_vetsch_192.mp3

Abschrift des Interviews:
(Es gilt das gesprochene Wort.)

radio-luma: Vom Öffnen und Zusammennähen des Herzens. Was genau versteht Christian Vetsch da drunter?

Christian Vetsch: Ja, da geht es mir eigentlich darum, dass mich ganz kleine Geschichten im Alltag eigentlich viel stärker berühren, als wenn ich jetzt täglich Berichte höre über den Irak-Krieg oder Konflikte irgendwo im Ausland, wo ich das zwar wahrnehme, mich aber die Betroffenheit ist dann doch größer bei Geschichten die ganz nahe bei mir sind.

radio-luma: Also nahe im räumlichen Sinne oder nahe im geistigen Sinne?

Christian Vetsch: Ja das ist, glaube ich, kombiniert. Nahe im räumlichen Sinne ist natürlich auch nahe an meiner Seele, an meinem Empfindungen. Ich weiß nicht wie ich überleben würde, wenn ich mir jeden Toten so genau und unmittelbar vorstelle oder erlebbar mache, wie wenn wirklich ein Todesfall in meiner Familie ganz nahe eintritt.

radio-luma: Das ist ja dann, denke ich, eine ganz andere Situation wie die Ferne über die Medien.

Christian Vetsch: Ja. Ja.

radio-luma: Der Schwerpunkt vom Oktober an der Kleinen Bühne, Herr Vetsch, wo Sie ja mit Beginn dieser Spielzeit als künstlerischer Leiter tätig sind, der orientiert sich an einem Jelinek-Zitat: „Ich bin im Grunde immer tobsüchtig über die Verharmlosung.“. Was hat hier motivierend gewirkt, das als Slogan, wenn ich so sagen darf, für den Monat Oktober zu nehmen?

Christian Vetsch: Das ist natürlich erst mal die Emotion, die da drin steckt. Einerseits ist es ein sehr starke Wut, die da drin ausgedrückt wird über die Tendenz in unserer Gesellschaft wie ich sie empfinde, dass wir ja alles zu Skandalen hochtreiben, aber gleichzeitig dann es dadurch auch eine Kraft verliert. Das wir zwar medial alles aufmotzen und mit Bildern werden wir zugeballert, die aber schon eigentlich schon auch eine gewisse Ästhetik haben und uns aber auch schon wieder nicht mehr schockieren. Das ist dann für mich wieder diese Verharmlosung in dem Ganzen. Und was auch noch für mich mitspielt, ist meine Ohnmacht mit diesen Bildern, ja Eindrücken umzugehen.

radio-luma: Ja will Christian Vetsch jetzt das Theater zu einer moralischen Anstalt erklären?

Christian Vetsch: Ja, eine moralische Anstalt: glaube ich nicht das ich das haben möchte, aber ich finde es doch wichtig, auch eine Wertediskussion wieder zu führen und auch irgendwo Stellung zu beziehen zu unserer Welt und zu unserer Situation und auch sich Gedanken zu machen über die Zukunft unserer Welt. Wo gehen wir hin? Worauf steuern wir zu? Was gibt es für neue Visionen für die Welt? Weil ich das Gefühl habe, das seit Jahren wir eigentlich keine neuen Visionen mehr entwickeln, sondern nur noch eigentlich dem ausgeliefert sind, was jetzt gerade so passiert.

radio-luma: Zurück zu dem Zitat von Elfriede Jelinek. Es fand ja jetzt im Oktober die Premiere an Ihrem Haus BAMBILAND statt. Wie setzt sich jetzt programmatisch der weitere Oktober zusammen?

Christian Vetsch: Neben Elfriede Jelineks BAMBILAND haben wir noch zwei Lesungen von Elfriede Jelinek im Programm mit Isabelle Menke und Fidelio Lippuner. Das eine ist JACKI und das andere ist ROSAMUNDE. Dann haben wir ein Stück, das heißt TERRORIZM. Das ist eine Art szenische Lesung wo es um Terror geht, aber nicht jetzt im Großen, sondern wir eigentlich der Frage auf den Grund gehen: Bin ich ein Terrorist? Oder: Steckt nicht in jedem von uns ein terroristisches Potential? Weiter haben wir natürlich die Gedenkveranstaltung an Anna Politkovskaya am 7. Oktober.

radio-luma: Schafft man das heute, Menschen zu bewegen, zu motivieren mehr Verantwortung für ihr Leben, ihre Freiheit, ihre Zukunft zu übernehmen mit Theater?

Christian Vetsch: Ja das ist eine gute Frage, weil das mich natürlich beschäftigt auch: Wie krieg ich die Leute ins Theater? Wie berühre ich die Menschen? Wie kann man sie auch irgendwo wachrütteln und wie mache ich mich aufmerksam in dieser ganzen Medienflut, in diesen, ja, täglich gefüllten Briefkästen mit Werbung? Womit berühre ich die Menschen heute? Und das ist eigentlich irgendwo mein Kernthema sozusagen schon fast. Wie krieg ich...

radio-luma: Also nicht nur jetzt für den laufenden Oktober, sondern auch künftig für Ihre Arbeit ...

Christian Vetsch: Ja. Weil ich manchmal schon das Gefühl hab, dass wir sehr abgestumpft und abgehärtet, verhärtet sind irgendwo. Das jeder für sich in seinem eigenen Kosmos lebt und nur noch so ganz partiell sich noch einlässt auf andere Menschen, auf Geschichten. Aber sonst empfinde ich das als sehr als eine isolierte Welt, sag ich mal, jetzt sehr kleinteilig für jeden Einzelnen.

radio-luma: Gibt es denn einen Hebel, ein Werkzeug das man jetzt schon Benennen kann für künftige Ereignisse auf der Kleinen Bühne, die das aufbricht?

Christian Vetsch: Ja, ich glaube eben, dass das am ehesten schaffen über kleine Geschichten, persönliche Geschichten, die aber eine, wie soll ich sagen... Dies ist schwierig zu formulieren. Eine größere Verbindung dann schaffen...

radio-luma: Eine Verbindung zu was?

Christian Vetsch: Das das kleine Schicksal des einzelnen Menschen zeigt aber irgendwo auch exemplarisch die Situation auf, die wir alle kennen und die uns alle auch berühren. Ich sag darüber: Das ist meine Hoffnung, dass ich darüber auch die Menschen auch berühren kann.

radio-luma: Und gibt es schon Hightlights zu benennen für die kommenden Monate?

Christian Vetsch: Ja für die kommenden Monate ist dann... Also wir machen ja jeden Monat ein neues Thema. Das nächste Hightlight, was ich so sagen würde, ist eine neue Produktion DEAD MAN WALKING, was am 1. November Premiere hat. Was auch uns eigentlich den nächsten Schwerpunkt liefert, da wir ja die Kleine Bühne jetzt monatlich, mehr oder weniger monatlich, auf ein Thema ausrichten und das wird so unter dem Stichwort SCHULD UND SÜHNE laufen. Und dann im Dezember geht es weiter mit SIGURD DER DRACHENTÖTER. Das ist dann eine Kinder- und Jugendoper aus der neuen Zeit mit moderner Musik oder neuzeitlich klassischer Musik, so muss ich das sagen, was wieder einen Focus geben wird für den Dezember. Und dann im Februar kommt ein neues Stück vom Schauspiel wieder ins Haus. Das heißt VERBRENNUNGEN. Und im April geht es dann noch mal weiter mit einem neuen Stück von Sabine Harbeke. MUNDSCHUTZ heißt das.

radio-luma: Also unter dem Strich doch ein Ansatz, das Theater wieder auch zu einer moralischen Anstalt zu erklären?

Christian Vetsch: (lächelt) Ja, da muss ich natürlich ein bisschen lachen. Aber ich glaube: Ich finde die Wertediskussion schon ganz wichtig und von daher mit einem zwinkernden Auge sage ich da JA dazu.

radio-luma: Christian Vetsch. Vielen Dank für das Gespräch.

Das war ein Interview vom 2. Oktober 2007. Redaktion radio-luma, Christoph Urbanietz.

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Transkription Annabell Wagner, Redaktion radio-luma.net

Weitere Informationen im Internet:
Die Internetpräsenz vom Theater Basel erreichen Sie unter: www.theater-basel.ch.

Veröffentlichung dieser Seite am 08. Oktober 2007


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