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Interview mit Dr. Sigfrid Gauch, Vizepräsident und Writers-in-Exile-Beauftragter des P.E.N.-Zentrums Deutschland
Thema: Die Funktion des Writers-in-Exile-Programms
- vom 12. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse

Dr. Sigfrid Gauch. © Sigfrid Gauch

© Sigfrid Gauch

 

Der O-Ton (11:20 Minuten) steht als mp3-Datei nachfolgend in drei Größen zur Verfügung:

48 KB/s mp3-Datei (rd. 4,1 MB)
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/2007-10-12_interview_sigfrid_gauch_pen-de_48.mp3

96 KB/s mp3-Datei (rd. 8,2 MB)
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/2007-10-12_interview_sigfrid_gauch_pen-de_96.mp3

192 KB/s mp3-Datei (rd. 16,4 MB)
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/2007-10-12_interview_sigfrid_gauch_pen-de_192.mp3

Abschrift des Interviews:
(Es gilt das gesprochene Wort.)

radio-luma: Herr Doktor Gauch, sie als Vizepräsident des Deutschen PEN-Zentrums und Beauftragter des „Writers In Exile-Programmes“ haben ja eine gewisse Affinität zu Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die häufig traumatisiert aus Krisenregion, häufig, hier Exil finden.
Welche praktischen Ansätze gibt es, um traumatisierte Menschen wieder zum Schreiben zu motivieren, Ansätze um Publikationen zu ermöglichen seitens des PEN?

Dr. Sigfrid Gauch: Das ist ganz unterschiedlich, das ist individuell sehr verschieden und die Erfahrung der letzten Jahre hat auch gezeigt, dass jeder vollkommen anders reagiert. Es gibt Autoren, wie Faraj Sarkohi, der dreimal zu Scheinhinrichtungen im Iran geführt worden ist, der so traumatisiert war, das er Jahre gebraucht hat, um überhaupt bereit zu sein Deutsch zu lernen, weil jeder kommt ja nicht freiwillig hierher, jeder will ja wieder zurück, jeder will ja in seiner Sprache und in seinem Umfeld weiter existieren und schreiben und hat ganz spät es geschafft, dann nachher Deutsch zu lernen, Deutsch zu sprechen, hat aber in Deutschland schon publiziert, natürlich in seiner Muttersprache geschrieben, das dann übersetzt worden ist.
Also wir haben unterschiedliche Persönlichkeiten. Die einen, die sind so froh, jetzt schon in Freiheit zu sein, dass sie weiter schreiben können, dass sie ganz erfolgreich auch Bücher veröffentlichen. Andere, die wirklich lange brauchen, bis sie auch nur eine einzige Zeile schreiben. Wenn sie nach dem Professionellen fragen: Es gibt in Berlin eine Institution, die sich um Folteropfer kümmert … (Anm. d. Red.: Gemeint war das Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin e.V.) Ja, eine unserer Stipendiatinnen überlegt sich, ob sie da nicht jetzt als Ansprechpartnerin, praktisch für andere, arbeiten will, so weit ist sie schon. Eine hat es wahrgenommen, die meisten wollen es gar nicht wahrnehmen. Viele sind wirklich schon einen großen Schritt weiter allein dadurch, dass sie jetzt nicht mehr im Gefängnis sitzen, nicht mehr gefoltert werden, dass sie aufatmen erstmal in Freiheit, auch wenn es nicht die Freiheit in ihrem Land ist und immer noch die Hoffnung haben zurückzukommen, immer noch die Hoffnung haben, ihren Pass nicht abgeben zu müssen, sondern …

radio-luma: Was heißt das, im Besonderen, -technisch?

Sigfrid Gauch: Die schwierige Situation ist die für unsere Stipendiaten: wir können, wir haben die Möglichkeit, die gibt uns der Staatsminister für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt, sechs Wohnungen einzurichten und in diesen sechs Wohnungen jeweils Exilautoren unterzubringen. Die einen kommen alleine, die anderen kommen mit Familie. Eigentlich nach einem Jahr – wir können verlängern – müssten sie eine Möglichkeit sehen, auf eigene Füße zu kommen oder wieder zurückkehren zu können, was beides in der Regel unmöglich ist. D.h., dass wir verlängern, aber länger als zwei, drei Jahre können wir niemanden hier behalten, denn nur sechs Leuten können wir helfen und wenn die ständig dableiben, dann stehen alle anderen da und wissen nicht wie es weiter geht. Gut, es gibt mehrere Organisationen, die in ähnlicher Weise hier unterstützen, aber es ist dann schon sehr schwierig. Wir sagen manchen, wenn das Stipendium ausläuft und sie kein Anschlussstipendium finden – die gibt es ja meinetwegen über die Heinrich Böll-Stiftung oder ähnliches – sagen wir dann: die einzige Chance ist für euch jetzt hier einen Antrag auf Asyl zu stellen. Und das will niemand ...

radio-luma: Warum nicht?

Sigfrid Gauch: Weil das bedeutet, ich muss meinen Pass abgeben, ich bekomme hier eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung und hab damit keine Möglichkeit mehr, mich frei zu bewegen. Erstmal muss ich, wenn das Stipendium aufhört und ich den Antrag erst dann stelle, in ein Heim für eine ganze Zeit lang, was ja eine furchtbare Situation ist …

radio-luma: Eine erneute Traumatisierung ist?

Sigfrid Gauch: Es ist eine erneute Traumatisierung, weil ich wieder in einer anderen Art und Weise unfrei bin. Sonst können die Autoren durchaus in andere Länder fahren wenn sie eingeladen werden als Autoren, nach Amerika, wo auch immer hin, ins europäische Ausland. Das können sie dann so nicht mehr!

radio-luma: Was wäre aus ihrer Sicht wünschenswert, damit solche technischen Aspekte wie Asylverfahren und ähnliches menschenfreundlicher wären in diesem Sinne?
Sigfrid Gauch: Sie sind im Prinzip für uns durchaus nicht unfreundlich. Wenn sich unsere Stipendiaten durchringen, weil sie sagen, es ist aussichtslos in den nächsten Jahren zurückkehren zu können, rechtzeitig diesen Antrag auf Asyl stellen, dann müssen sie nicht dieses Heim sondern sie haben ja ein Heim in Deutschland, sie haben eine Adresse und können diese Zeit überbrücken, bis sie anerkannt sind und dann die Möglichkeit haben, auch publizistisch was zu machen. Einige arbeiten, wie Maynat Kurbanova, im Internet in den Zeitungen, oder der Jiao Guobiao aus China arbeitet in der chinesischen Internetzeitung. Andere publizieren in deutschen Zeitungen. Es gibt Möglichkeiten, dann publizistisch tätig zu sein, im wesentlichen, wenn man das eigene Volk erreichen will über das Internet – und das nutzen auch ganz, ganz viele, denn da bleibt dann auch die Verbindung erhalten, aber ansonsten stehen sie dann da und haben gar keine andere Chance, eben als hier Asyl zu beantragen und wieder eingeschränkt zu sein. Es gibt keine andere Lösung, das ist gar keine Frage. Und dadurch, das sie bei uns im Stipendium sind, ist es für sie auch nicht so schlimm wie für jemanden der kommt und den Antrag stellt und dann erstmal eine Zeit lang in eines dieser Heime muss, dieser Auffangheime.

radio-luma: Stipendium heißt – um es einmal ein bisschen technischer zu erläutern – dass das Deutsche P.E.N.-Zentrum dabei hilft, Anmeldung, Abmeldung, Krankenversicherung, all diese technischen, wahrscheinlich sehr fremden Aspekte, zu erledigen, Hilfestellung zu leisten. Stipendium heißt aber auch, dass ein Auskommen da ist in Form von Geld.

Sigfrid Gauch: Wir stellen eine Wohnung zur Verfügung, wir stellen ein Stipendium für den Lebensunterhalt zur Verfügung. Das richtet sich danach, ob jemand alleinstehend ist oder Familie hat, da ist es jeweils höher oder weniger hoch. Auf jeden Fall so, dass es ausreichend ist zum Lebensunterhalt, weil Miete oder ähnliches fällt ja nicht an. Das übernehmen wir und dann ist der P.E.N., ist unser Büro „Mädchen für alles“. Es kümmert sich wirklich darum und Ursula Setzer (Anm. d. Red.: Die Rede ist von der Geschäftsführerin vom P.E.N.-Zentrum Deutschland) hat hier in den ganzen Jahren aufopferungsvoll alle begleitet zu den entsprechenden Ämtern, im Auswärtigen Amt angerufen, sich gekümmert darum, dass der Pass verlängert wird. All diese Dinge, natürlich die müssen wir machen und die machen wir auch gerne.

radio-luma: Die Sicherheit der Stipendiaten, ist die gewährleistet? Kann es passieren, das ausländische Geheimdienste hier asyl- oder exilfindende schreibende Menschen bedrohen, behindern, belästigen? Was tut der Deutsche P.E.N. dann, wenn er so etwas wahrnimmt?

Sigfrid Gauch: Ja, eine wichtige Frage!
Wir haben gefährdete Autoren, wir hatten einen Autor auch, für den wir eine Wohnung entsprechend sicher machen mussten, da hat die Polizei uns geholfen. Die Fenster, eine Kameraanlage um zu sehen, wer klingelt. Auch dann, wenn es schwierig wurde, dass ein Polizeiauto diese Wohnung mit in ihr Beobachtungsfeld nimmt, wenn sie Streife fährt. Diese Situationen gab es dann schon und dann kommt es drauf an. Einige Autoren sind vorsichtig und halten sich zurück und andere nehmen das nicht wahr und wollen das einfach auch nicht wissen. Sie müssen ja bedenken, wer zu uns ins Exil kommt, das ist jetzt niemand, der angepasst und ängstlich ist. Das sind Leute, die sind schwierig, die sind unbequem, die nehmen alle möglichen Risiken auf sich, sonst wären sie ja nicht in die Situationen geraten als Journalisten, als Schriftsteller in ihrem Land, also sind sie das auch hier. Und einige sind dann so, dass sie, ja, ganz offen über sich reden und auch ihren Aufenthalt preisgeben und dann in Schwierigkeiten geraten. Gott sei Dank ist noch nichts wirklich passiert, das jemand dann auch ernsthaft bedroht worden ist, aber Sicherheitsmaßnahmen mussten immer wieder getroffen werden.

radio-luma: Zurück zu meiner Ausgangsfrage: gibt es Instrumentarien, Werkzeuge seitens des P.E.N.-Zentrums oder von der öffentlichen Hand, auf Landesebene oder kommunaler Ebene oder Bundesebene, um beispielsweise Publikationen von hier in Exil lebenden schreibenden Menschen zu realisieren, so als Werkzeug zu benutzen, zum Schreiben zu motivieren?

Sigfrid Gauch: Wir geben da jedes Jahr einen Sammelband heraus, in dem wir auch Texte unserer Exilautoren vorstellen …

radio-luma: Das ist im Buchhandel erhältlich?

Sigfrid Gauch: Das ist beim PEN erhältlich gegen eine Spende, das haben wir bewusst jetzt nicht mit einer ISBN-Nummer versehen, sondern das sollte ein PEN-Projekt bleiben. Das ist aber jederzeit beim PEN abrufbar und auf der PEN-Webseite ist es auch angekündigt, man kann es da sehen (Anm. d. Red.: Die entsprechende Seite direkt). Da sind Texte, da sind Lebensläufe, da sind Schicksale unserer Exilautoren beschrieben. Das ist eine Möglichkeit. Eine andere ist, manche davon, im Moment Amir Valle, der schreibt in großen Verlagen in mehreren Ländern, die haben gar keine Schwierigkeiten zum Publizieren. Andere, Faraj Sarkohi, tut in der Zeit, in der Welt ganze Seiten veröffentlichen. Es ist ganz unterschiedlich. Im Internet veröffentlichen sie alle, da brauchen sie unsere Hilfe nicht dabei, das ist gar keine Frage. Aber oft auch übersetzen wir dann ins Deutsche ihre Texte, die sie in ihrer Muttersprache schreiben.

radio-luma: Den PEN sollte man unterstützen. Findet man da auch alle Kontaktdaten, Kontonummer auf der Webseite?

Sigfrid Gauch: Das ist alles auf der Webseite drauf, ja.

radio-luma: Außer Geldzuwendungen – was wünscht sich der PEN vielleicht noch?

Sigfrid Gauch: Aufmerksamkeit für diese Autoren, Unterstützung dieser Arbeit. Man kann Briefe schreiben, was wir auch machen, an die Regierungen der Länder, aus denen die Autoren kommen. Immer wieder hinschreiben und immer wieder fordern, dass hier Änderungen eintreten (Anm. d. Red.: z.B. .. zum Aufruf vom International PEN: "TURKEY: PEN Protests Sentences under Article 301", vom 12. Oktober 2007 sowie die Übersetzuung vom Aufruf: International PEN: "TÜRKEI: Der Internationale P.E.N. protestiert gegen Verurteilungen nach Paragraph 301", vom 12. Oktober 2007 (.. auf einer separaten Seite). Also da gibt es eine Reihe von politisch begleitender Unterstützung unserer Arbeit.

radio-luma: Das war ein Gespräch vom 12. Oktober 2007 von der Frankfurter Buchmesse mit Doktor Sigfrid Gauch – radio-luma, Christoph Urbanietz

___________________________________________________
Transkription Annabell Wagner, Redaktion radio-luma.net

Weitere Informationen im Themenfeld FREIHEIT DES WORTES hier im Archiv:

Das Writers in Exile-Programm des P.E.N.-Zentrums Deutschland (PDF-Datei, 2 Seiten, rd, 1,4 MB, auf einer separaten Seite)

Writers in Prison-Bericht des P.E.N.-Zentrums Deutschland zur Frankfurter Buchmesse
- Katja Behrens, Vizepräsidentin und Writers-in-Prison-Beauftragte des P.E.N-Zentrums Deutschland -
O-Ton und Textfassung Writers-in-Prison-Bericht 2007 des P.E.N.-Zentrums Deutschland zur Frankfurter Buchmesse im Rahmen der Pressekonferenz am 11. Oktober 2007,
sowie weitere Dokumente zum Thema

.. zur Vita von Sigfrid Gauch auf einer separaten Seite

Weitere Informationen im Internet:
Die Startseite der Internetpräsenz vom P.E.N.-Zentrum Deutschland erreichen Sie unter: www.pen-deutschland.de.

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Veröffentlichung dieser Seite am 15. Oktober 2007